US-Angriffe Kommt es zur erneuten Eskalation im Iran-Krieg?
Teilen
Die Golfstaaten sind nervös. Sie befürchten, dass Israel und die USA wieder den Iran angreifen – und der Iran dann ihre Ölfelder oder Flughäfen angreift. Das würde nicht nur die Wirtschaft in den Golfstaaten weiter schädigen, sondern auch deren Reputation als sichere Erdölförderländer. Gleichzeitig hat die US-Armee die iranische Insel Qeschm bombardiert. Fredy Gsteiger, SRF-Korrespondent für geopolitische Themen, ordnet die Lage ein.
Fredy Gsteiger
Diplomatischer Korrespondent
Fredy Gsteiger ist diplomatischer Korrespondent und stellvertretender Chefredaktor bei Radio SRF. Vor seiner Radiotätigkeit war er Auslandredaktor beim «St. Galler Tagblatt», Nahost-Redaktor und Paris-Korrespondent der «Zeit» sowie Chefredaktor der «Weltwoche».
Mehr Artikel von Fredy Gsteiger
Ist das der Beginn eines neuen Kriegs zwischen Israel, den USA und Iran?
Der Angriff auf diese iranische Insel war offenbar sehr begrenzt und scheint nicht der Begriff des befürchteten neuen grossen Waffengangs zu sein. Aber unabhängig davon schätzen Beobachter, vor allem aber auch die Länder im Nahen Osten selbst, die Wahrscheinlichkeit einer neuerlichen grossen Eskalation als sehr hoch ein.
Wieso gibt es die Angst vor einem neuen Krieg?
Zunächst, weil sich zeigt, dass all die intensiven diplomatischen Bemühungen der vergangenen zwei Wochen nichts erreicht haben: Nicht der Besuch der neuen Mekka-Allianz, also von Saudi-Arabien, Pakistan und der Türkei in Teheran vor gut einer Woche. Nicht die katarischen Bemühungen der letzten Tage. Auch nicht die Konsultationen des Regimes in Teheran mit Moskau und Peking, also seinen Unterstützern. Und auch nicht die neuerlichen indirekten Kontakte zwischen Washington und Teheran. Die Positionen liegen weit auseinander, eine Annäherung ist nicht zu erkennen.
Laut Fredy Gsteiger liegen die Positionen der USA und des Iran weit auseinander. Er sagt dazu:
«Die USA fordern weiterhin eine völlige Öffnung der Strasse von Hormus und einen Verzicht des Iran auf sein Atomprogramm.
Der Iran hält hartnäckig an seinen Maximalforderungen fest, also Kontrolle der Strasse von Hormus, Aufhebung der amerikanischen Seeblockade und aller Sanktionen, Rückgabe blockierter iranischer Vermögen, Reparationszahlungen und ein Ende des Kriegs nicht nur gegen den Iran, sondern auch gegen die Hisbollah im Libanon und die Hamas in Gaza. Das Regime will auf jeden Fall am Atomprogramm festhalten. Von einzelnen Vertretern wird jetzt sogar erstmals eingeräumt, dass man tatsächlich Atombomben bauen wolle – was man bisher stets bestritten hat.»
Gibt es weitere Hinweise für einen neuen Krieg?
Die USA bringen gerade einen dritten Flugzeugträger, die Theodore Roosevelt, in die Region. Auch das ist ein Signal dafür, dass sie sich auf neue grosse Militärschläge kurz nach den Zwischenwahlen vorbereiten. Denn als blosse Drohkulisse erscheint eine solche Verschiebung eines Flugzeugträgers samt Begleitflotte extrem teuer. Sie kosten jeden Monat weit über 100 Millionen Dollar.
Wem würde ein solcher Krieg am meisten nützen?
Eigentlich niemandem – es ist eher eine Frage des Egos von Donald Trump. Denn nützen würde ein Krieg weder den USA noch dem Iran und erst recht nicht den arabischen Golfstaaten. Und auch für die Weltwirtschaft wäre eine neue Eskalation enorm schädlich. Selbst Israel würde ein Krieg nur dann nützen, wenn es am Ende einen klaren Sieg über das israelfeindliche iranische Regime und ein Ende seiner nuklearen Ambitionen gäbe.
Trump geht von einem kurzen militärischen Einsatz aus. Ist das realistisch?
Ein klarer Sieg über den Iran ist, entgegen dem, was Trump und Netanjahu behaupten, wenig realistisch. Zwar ist nicht völlig ausgeschlossen, dass das iranische Regime doch ganz plötzlich kollabiert – wie seinerzeit im Arabischen Frühling mehrere arabische Regimes. Aber das ist nicht die wahrscheinlichste Variante. Bisher erwiesen sich die Führung in Teheran und ihr Unterdrückungsapparat als erstaunlich widerstandsfähig.
Was haben die Golfstaaten in dieser Situation zu verlieren?
Zugespitzt gesagt: ihre Zukunft. Die arabischen Nachbarländer des Iran sind darauf angewiesen, sich allmählich von der Abhängigkeit vom Erdöl zu emanzipieren. Sie sind dabei, sich wirtschaftlich neu zu positionieren: als Handelsdrehscheiben, als Luftverkehrsdrehkreuz, als Bankenzentrum. Dabei haben sie in den vergangenen Jahren durchaus Fortschritte gemacht. Sie haben sich ebenfalls einen Ruf als sichere Länder erarbeitet. Doch all das wird zunichte gemacht, wenn der Iran-Krieg noch länger dauert und die Golfregion zu einer Gegend permanenter Unsicherheit und Gefahr wird.
Rendez-vous, 3.11.2026, 12:30 Uhr ; srf/bitd; imhm;brus
Source: SRF · 03.11.2026, 15:11
At a glance
- Topic
- World
- Country
- 🇨🇭 CH
- Publisher language
- DE
- Added to Allnira