Die Lage in der von Russland besetzten ukrainischen Frontstadt Oleschky ist desolat. Essen fehlt, Medikamente, Strom. Die Zufahrtsstrassen sind vermint, die Stadt zu verlassen, ist lebensgefährlich. Seit Dienstag ist eine Waffenruhe in Kraft – vermittelt offenbar auch von Melania Trump. Nun sollen Hilfskonvois die Stadt erreichen und Menschen evakuiert werden. SRF-Korrespondentin Judith Huber erklärt, wie die Rettungsaktion ablaufen soll – und wie sie möglich wurde.
Judith Huber
Osteuropa-Korrespondentin
Vor ihrer Tätigkeit als Osteuropa-Korrespondentin war Judith Huber als Sonderkorrespondentin für die Ukraine und als Auslandredaktorin tätig. Sie war zudem jahrelang Produzentin der Sendung «Echo der Zeit» von Radio SRF. Judith Huber befasst sich seit Jahren mit Osteuropa und Russland und mit anderen Ländern des postsowjetischen Raums. Sie spricht sowohl Russisch als auch Ukrainisch.
Wie stabil ist die Waffenruhe?
Bisher ist sie stabil, das melden beide Kriegsparteien. Die lokale, humanitäre Feuerpause ist seit Dienstagfrüh in Kraft und soll bis Sonntag dauern. Rund um die Stadt wurde mit der Minenräumung begonnen. Das gilt offenbar vor allem für eine Strasse in Richtung Osten. Ab Freitag soll die Evakuierung beginnen – von denjenigen, die damit einverstanden sind.
Gelangen Nahrungsmittel und Medikamente jetzt zu den Menschen?
Nach Angaben des ukrainischen Menschenrechtsbeauftragten Dmytro Lubinez sollen die ersten humanitären Güter am Freitag geliefert werden. Vorausgesetzt, die Entminung ist bis dahin weit genug fortgeschritten. Er selbst ist unterwegs nach Oleschky, um die Aktion zu begleiten. Genaueres ist aber noch nicht bekannt.
Die naheliegendste Lösung wäre, die Menschen über den Fluss in die freie Ukraine zu bringen, das sind nur wenige Kilometer. Aber darauf konnte man sich nicht einigen. Stattdessen sollen die Menschen zuerst in einen anderen russisch besetzten Ort gebracht werden, dann weiter über Russland und Belarus und von dort in die Ukraine. Die Menschen müssen also zustimmen, diese lange Reise unter Kontrolle der Russen zu unternehmen.
Es gibt Berichte, wonach sich manche davor fürchten und der Evakuierung nicht zustimmen wollen. Denn in den von Russland eroberten und besetzten Gebieten ist es schon oft vorgekommen, dass Ukrainer und Ukrainerinnen auf der Flucht oder während einer Evakuierung in sogenannte Filtrationslager gebracht wurden; es gab Fälle von Folter, manche Menschen sind verschleppt worden. Der ukrainische Menschenrechtsbeauftragte will genau das verhindern.
Gibt es neutrale Beobachter in Oleschky?
Danach sieht es nicht aus. Nach Angaben von Melania Trump werden vier Journalisten des Senders Newsmax vor Ort sein. Die First Lady bezeichnet diese als neutral. Doch der Sender ist Trump-nah und keinesfalls völlig unabhängig, die Journalisten werden wohl eng von den russischen Besatzern betreut werden. Sonst sind meines Wissens keine Medienschaffenden und UNO-Beobachter zugelassen; offenbar auch das Rote Kreuz nicht. Viele in der Ukraine befürchten eine von Trump und den Russen inszenierte PR-Show.
Warum kam die Waffenruhe jetzt zustande?
Ausschlaggebend waren wohl mehrere Faktoren. Einerseits ist es der Ukraine gelungen, die Aufmerksamkeit auf die entsetzlichen Zustände in Oleschky zu richten. Weltweit baute sich Druck auf. Andererseits kommt die Aktion Trump vor den anstehenden Zwischenwahlen sehr gelegen. Das weiss auch der Kreml.
Und: Die russische Armee profitiert von der Waffenruhe. Es gibt Berichte aus der Ukraine, wonach die russischen Truppen die Atempause dazu benützen, Soldaten zu rotieren, Stellungen auszubauen und sich darauf vorzubereiten, nach dem Ende der Waffenruhe das gegenüberliegende Cherson umso stärker anzugreifen. Die Russen waren in der Gegend zuletzt in der Defensive. Die Waffenruhe könnte die Fortschritte der ukrainischen Armee wieder zunichte machen.
Source: SRF · 29.10.2026, 18:46
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