Übermüdete Piloten Jeder dritte Pilot fühlt sich nicht erholt
Eine Umfrage der European Cockpit Association zeigt erschreckende Zahlen. Und das nicht zum ersten Mal.
Teilen
Wenn Linienpilot Thomas Steffen früher über Flugsicherheit sprach, dann gab es eine eindeutige Antwort: «Fliegen ist sicher.» Heute antwortet Steffen als Vorstandsmitglied der Pilotenorganisation Aeropers etwas differenzierter: «Fliegen ist sicher, wenn alles richtig gemacht wird.»
Für einen sicheren Flug sehe er heute nicht nur Dinge wie eine saubere Flugzeug-Wartung als essenziell an, sondern auch ausgeruhte Pilotinnen und Piloten. Und genau das ist der Knackpunkt, wie eine Umfrage der European Cockpit Association (ECA), dem europäischen Dachverband, zeigt.
Piloten verschweigen Übermüdung
Im August 2026 hat die ECA über 7000 europäische Pilotinnen und Piloten befragt – mit folgenden Ergebnissen: Mehr als drei von vier Piloten sind während eines Fluges kurz eingeschlafen. Ausserdem hat mehr als jeder dritte befragte Pilot angegeben, dass er oder sie beim Start nicht genug erholt war.
Da die Kerosinpreise nicht gross beeinflusst werden können, gerät das Personal immer mehr unter Druck.
Eigentlich müsste die Cockpit-Crew das melden, aber auch hier gibt es erschreckende Zahlen: Fast 40 Prozent der befragten Personen melden eine Übermüdung resp. Fluguntauglichkeit nicht – offenbar aus Angst vor Strafen und Reaktionen des Managements, so der europäische Dachverband ECA. Diesen Zustand bestätigt der Schweizer Pilotenverband Aeropers auch für hiesige Piloten. Und das sei kein neuer Zustand.
Aeropers bestätigt auf Anfrage der Tagesschau, dass die letzte Umfrage vor drei Jahren ein ähnliches Bild zeigte. «Besser geworden ist es nicht», so Aeropers-Vorstandsmitglied Thomas Steffen. «Die Airlines sind stetig am Optimieren. Und die zwei grossen Kostenblöcke in der Fliegerei sind das Kerosin und die Personalkosten. Da die Kerosinpreise nicht gross beeinflusst werden können, gerät das Personal immer mehr unter Druck.»
Sicherheit vor Wirtschaftlichkeit
Die Fluggesellschaft Swiss hält in diesem Zusammenhang klar fest, dass die Sicherheit der Gäste und der Crews immer an erster Stelle stehe. Sie schreibt auf Anfrage: «Natürlich müssen wir als Airline auch wirtschaftlich arbeiten und unsere Ressourcen effizient einsetzen. Das darf aber niemals auf Kosten der Sicherheit oder der notwendigen Erholung unserer Crews gehen. Für uns ist klar: Unsere Pilotinnen und Piloten müssen ihre Flüge ausgeruht und sicher antreten können. Daran ändern auch wirtschaftliche Überlegungen nichts.»
Wer sich wegen Erschöpfung nicht fit für einen sicheren Flug fühlt, muss sich vom Dienst abmelden.
Das Thema Erschöpfung und «Fatigue» – so wird die Übermüdung im Fachjargon genannt – nehme man bei der Swiss ausserdem sehr ernst und schreibt auf Anfrage: «Unsere Regeln für Dienst- und Ruhezeiten sind strenger als gesetzlich vorgeschrieben. Wer sich wegen Erschöpfung nicht fit für einen sicheren Flug fühlt, muss sich vom Dienst abmelden.»
Zusätzlich können unsere Crews solche Fälle über ein internes Meldesystem melden. Eine Arbeitsgruppe mit Fachleuten und den Sozialpartnern wertet gemäss Swiss diese Meldungen aus und empfiehlt bei Bedarf Anpassungen an der Einsatzplanung.
Aeropers geht dies zu wenig weit und will künftig für strengere Regeln einstehen. Dies sei nötig, weil «Fatigue» sehr wohl sicherheitsrelevant sei. Es gebe zahlreiche Beispiele von Zwischenfällen, bei denen «Fatigue» als wichtiger Faktor identifiziert worden sei. Konkret nennt Aeropers einen Flug der Asiana-Airline, die 2013 von Seoul nach San Francisco unterwegs war. Es kam zu einer Bruchlandung, drei Passagiere wurden getötet und 181 Personen verletzt.
Tagesschau, 27.10.2026, 19:30 Uhr ; srf/alagheba;baus
Source: SRF · 28.10.2026, 06:10
At a glance
- Topic
- World
- Country
- 🇨🇭 CH
- Publisher language
- DE
- Added to Allnira