Über ein Drittel der Bevölkerung glaubt, dass jüdische Netzwerke grosse Teile der Politik kontrollieren

Eine Umfrage über die Verbreitung von Verschwörungstheorien in der Schweiz lässt aufhorchen. Ist den Resultaten zu trauen?

28.10.2026, 16.00 Uhr

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Die Vorstellung, dass dunkle Mächte heimlich die Welt steuern, soll weit verbreitet sein.

Die Vorstellung, dass dunkle Mächte heimlich die Welt steuern, soll weit verbreitet sein.

Karin Hofer / NZZ

Das Ritual ist immer dasselbe: Jahr für Jahr präsentiert das Forschungszentrum Öffentlichkeit und Gesellschaft (FÖG) der Universität Zürich seinen Bericht über die Qualität der Medien. Und jedes Mal wird sorgenvoll auf Folgen des Qualitäts- und Bedeutungsverlusts des Journalismus hingewiesen. So weit, so vorhersehbar. Doch bei der diesjährigen Ausgabe wählten die Verantwortlichen einen besonderen Ansatz: Sie wollten den Zusammenhang aufzeigen zwischen der Abkehr von den klassischen Medien und der Verbreitung von Desinformation und Verschwörungserzählungen.

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Hierzu hat das FÖG per Umfrage eruiert, wie sehr die Menschen in der Schweiz überhaupt an solche Erzählungen glauben. Die Resultate lassen aufhorchen. 40,5 Prozent der Bevölkerung finden zum Beispiel folgende Aussage sehr oder eher plausibel: «Politische Eliten fördern Einwanderung nach Europa, um Bevölkerung zu verändern.» 36,9 Prozent glauben, dass der Klimawandel den Regierungen als Vorwand dienen könnte, um die Bevölkerung zu kontrollieren. Und was besonders ins Auge sticht: «36 Prozent finden es sehr oder eher plausibel, dass jüdische Netzwerke im Hintergrund grosse Teile der westlichen Politik kontrollieren.»

Glaubt tatsächlich über ein Drittel der Bevölkerung, dass die Juden heimlich die Weltpolitik steuern? Der Studienleiter Mark Eisenegger sagt, dieser Befund habe ihn schockiert. «Daraus kann man aber nicht einfach ableiten, dass 36 Prozent der Bevölkerung antisemitisch eingestellt sind.» Es zeige aber, dass ein antisemitisches Verschwörungsnarrativ auch in der Schweiz beträchtliche Anschlussfähigkeit besitze.

Doch ist das ein zulässiger Schluss? Die Umfrage wurde vom privaten Meinungsforschungsinstitut Bilendi im Auftrag des FÖG durchgeführt. 1222 Personen nahmen teil. Trotz der Beteuerung, die Online-Befragung sei nach wissenschaftlichen Kriterien erfolgt, gibt es einige Fragezeichen. Haben die Probanden die Fragen wirklich genau gelesen und ehrlich geantwortet? Könnte es zum Beispiel sein, dass einige Leute die Behauptung «Politische Eliten fördern Einwanderung nach Europa, um Bevölkerung zu verändern» nur deshalb als plausibel angekreuzt haben, um ihren Unmut über die Einwanderungspolitik kundzutun?

Und weshalb wird die Behauptung «Coronavirus wurde als biologische Waffe in einem Labor in China hergestellt» als Verschwörungstheorie gewertet, obschon heute auch namhafte Fachleute die sogenannte «Labortheorie» als plausibel ansehen? Mark Eisenegger sagt, zentral sei, dass nach der Herstellung des Coronavirus «als biologische Waffe» gefragt worden sei. Dass die Leute dieses Detail bemerkt haben, darf angezweifelt werden. «Entscheidend ist nicht eine einzelne Antwort, sondern das Antwortmuster über alle sechs Verschwörungsaussagen hinweg», sagt Eisenegger.

Ist der Gaza-Krieg verantwortlich?

Bei allen methodischen Vorbehalten bleiben die Antworten zu den vermeintlichen jüdischen Netzwerken beängstigend. Natürlich ist auch hier möglich, dass viele Leute die Behauptung der jüdischen Weltkontrolle nur deshalb als plausibel angekreuzt haben, um ihren Missmut über die überbordende Israel-Berichterstattung in den Medien auszudrücken. Eisenegger glaubt das nicht. Er vermutet, die antijüdischen Verschwörungstheorien hätten durch den Gaza-Krieg zugenommen. «Leider fehlt uns eine Vergleichsstudie, deshalb können wir nicht sagen, ob sich die Haltung über die Zeit verändert hat», sagt er.

Das Fehlen von Vergleichswerten schmälert die Aussagekraft der Studie. Aus der Forschung weiss man, dass generell 30 bis 40 Prozent der Bevölkerung dazu neigen, Verschwörungserzählungen zu glauben. Diese Zahl ist ziemlich stabil, doch in Zeiten der Unsicherheit werden Geschichten, wonach eine kleine Gruppe heimlich die Welt steuert oder die Menschen manipuliert, virulenter und damit auch sichtbarer. Durch die sozialen Netzwerke erhalten sie zudem einen starken Multiplikator.

Laut der FÖG-Studie weisen Nutzer von traditionellen Medien eine «signifikant geringere Vulnerabilität beziehungsweise grössere Resilienz» gegenüber Verschwörungserzählungen und Desinformation auf. «Journalistischer Nachrichtenkonsum wirkt klar als Schutzfaktor», lautet ein Fazit. Eine solche Aussage kommt bei Journalisten natürlich gut an, trotzdem sollte auch sie kritisch betrachtet werden: Denn die Kausalität, also die Huhn-und-Ei-Frage, ist nicht geklärt. Womöglich wirkt der Journalismus gar nicht als Schutzfaktor, sondern traditionelle Medien werden generell eher von Menschen konsumiert, die weniger zu Verschwörungserzählungen neigen.

Die Medien trügen zur Desinformation bei

Eine andere Umfrage aus der Studie sollte den Medien zu denken geben. 53,1 Prozent der Befragten nehmen Journalisten beziehungsweise journalistische Medien als Urheber von Desinformation wahr. Damit stehen sie kaum besser da als die vielgeschmähten Alternativmedien, die von 54 Prozent als Verbreiter von Desinformation angesehen werden. KI-Chatbots (52,9 Prozent), Unternehmen und Konzerne (52,2) und staatliche Behörden (41,7) schneiden in dieser Umfrage besser ab als die Medien.

Laut Mark Eisenegger darf dies nicht als Misstrauensvotum gegenüber den Medien interpretiert werden. «Generell wird die Desinformation viel mehr als Problem wahrgenommen als früher», sagt er. In der Studie sei auch gefragt worden, wer die Verantwortung für die Bekämpfung der Desinformation trage. 71,7 Prozent nannten die journalistischen Medien. «Das zeigt, dass die Menschen den Medien doch noch eine wichtige Funktion beimessen.» Allerdings: Genauso viele Leute sehen diese Verantwortung bei den Betreibern von Social-Media-Plattformen. Also doch keine Entwarnung für die journalistischen Medien.

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Source: Neue Zürcher Zeitung · Rico Bandle

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