Trotz Widerstand Deutschlands und anderer EU-Länder: Ursula von der Leyen will Kanada «als erstes assoziiertes Mitglied» der EU
Vor einem Monat hat die EU-Kommissions-Präsidentin dieses Vorhaben lanciert. Zu Beginn des EU-Kanada-Gipfels propagierte sie es erneut – trotz Ablehnung von vielen Seiten.
30.10.2026, 05.30 Uhr
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Kanada als erstes assoziiertes Mitglied der EU: Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen erneuert ihr Anliegen im Vorfeld des Gipfels in Montreal.
Graham Hughes / EPA
Trotz Bedenken und Protesten der Mitgliedsländer hält die EU-Kommissions-Präsidentin Ursula von der Leyen an einem umstrittenen Begriff fest: Man diskutiere darüber, Kanada zum ersten «assoziierten Mitglied» der EU zu machen. Das sagte sie am Donnerstag in Montreal zum Auftakt eines zweitägigen Gipfels, den die EU und Kanada abhalten. Es gehe um eine Assoziierung ohne Mitgliedschaft, meinte von der Leyen. Oder eingängiger auf Englisch: um eine «association without accession».
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Deutschland will den Status für die Ukraine
Die Kommissionspräsidentin hatte bereits im September viel Verwirrung gestiftet, als sie in ihrer Grundsatzrede zur Lage der Union vorschlug, Kanada den Status des assoziierten Mitglieds zu verleihen. Denn dieser existiert nicht, und so hatte auch niemand eine Ahnung, was er umfasst.
Geradezu verärgert über von der Leyens Vorpreschen ist angeblich Deutschland. Denn Bundeskanzler Friedrich Merz hatte vor einiger Zeit vorgeschlagen, man könnte der Ukraine den Titel des assoziierten Mitglieds verleihen, sobald im Land Frieden herrsche.
Dieses Konzept ist eigentlich naheliegender als von der Leyens Kanada-Pläne. Seit 2022 ist die Ukraine EU-Beitrittskandidat. Doch sie ist ein so grosses Land, dass die angestrebte EU-Vollmitgliedschaft gleichsam aus dem Stand kaum je erfolgen wird. Europas Bauern etwa werden Widerstand leisten. Für sie stellt die teilweise sehr effiziente ukrainische Landwirtschaft eine Bedrohung dar. Ein Beitritt in Etappen als assoziiertes Mitglied könnte sinnvoll sein.
Derweil rätseln die EU-Mitgliedsländer seit Wochen darüber, welche Absichten von der Leyen mit ihrem überraschenden Vorstoss im September verfolgt. Was führt sie mit Kanada im Schilde?
Ein Diplomat in Brüssel meint, die EU habe mit Kanada ein «Terminologieproblem». Das Land solle irgendwie dauerhaft und fest an die EU gebunden werden. Das wolle von der Leyen wohl mit ihrem Begriff ausdrücken.
Wie diese Allianz aber genau aussehen soll, bleibt nach dem Gipfelauftakt in Kanada diffus. Nur schon der Begriff «Mitglied» ist verfänglich. Denn er umfasst in Bezug auf die EU unzählige Rechte, welche die EU-Länder Kanada nicht zugestehen werden, aber auch Pflichten, welche die Nordamerikaner kaum je erfüllen wollen. Zum Beispiel die Personenfreizügigkeit. Darauf wird sich Kanada nie einlassen, weil die Regierung die Einwanderung ganz auf die Bedürfnisse des Arbeitsmarkts ausrichtet.
Diplomaten aus dem Umfeld von der Leyens haben den Begriff des «assoziierten Mitglieds» in den vergangenen Tagen kaum mehr genutzt. Stattdessen sprachen sie davon, dass Kanada und die EU eine «Allianz für die Zukunft» bilden könnten – ein Ausdruck, den von der Leyen am Donnerstag ebenfalls verwendete. Zudem solle eine einzigartige Partnerschaft entstehen, die Wohlstand und Sicherheit schaffe. Dieser Kooperation könnten sich dann weitere Staaten anschliessen – vollständig oder nur teilweise.
Kanada und die EU haben ein gemeinsames Problem: Trump
Solche abstrakten Konzepte zeigen, wie heikel der Gipfel in Montreal ist. Und wie unterschiedlich die Erwartungen Kanadas und der EU sind. Die beiden Mächte haben zwar ein gemeinsames Problem, das sie lösen wollen: die Abhängigkeit von den USA, die unter Präsident Donald Trump unberechenbar geworden sind. Kanadas Lage ist dabei viel ungemütlicher als jene der Europäer. Rund zwei Drittel der Exporte gehen in den Nachbarstaat, bei der EU machen die Ausfuhren in die USA nur rund ein Fünftel aus.
Gleichzeitig müssen beide Mächte aufpassen, mit dem Gipfel Trump nicht zu reizen. Enge Verbindungen fasste der amerikanische Präsident wohl als eine Beleidigung auf. Kanada als assoziiertes Mitglied an die EU zu binden, sei «lächerlich», sagte Trump, als von der Leyen die Idee im September präsentierte. Wenn es die Europäer trotzdem täten und er das als feindselige Aktion erachte, würde er die EU mit Zöllen bestrafen, drohte er.
Die EU und Kanada stehen also vor einem Dilemma: Besonders die EU-Kommission hat den Gipfel mit viel Bedeutung aufgeladen – ohne den Anschein von Ergebnissen kann sie nicht nach Brüssel zurückkehren.
Wenigstens ein Projekt ist offenbar konkret: Die Kanadier sollen europäische Supercomputer nutzen dürfen, etwa um KI-Modelle zu trainieren. Das sagte von der Leyen am Donnerstag.
Weitere europäische Anliegen hatten EU-Diplomaten im Vorfeld des Gipfels genannt. Vorstellbar ist etwa, dass die Europäische Investitionsbank (EIB) Rohstoffprojekte in Kanada finanziert und so Europas Abhängigkeit von China in diesem Bereich ein wenig mindert. Besonders interessiert ist die EU an kanadischem Uran. Umgekehrt will sie Kanada dazu einladen, an den europäischen Navigations- und Satellitenkommunikationsprojekten Galileo und Iris2 teilzunehmen.
Was Ankündigung ist und was Realität wird, ist schwierig zu sagen. Kanadas Ministerpräsident Mark Carney jedenfalls ist gar nicht darauf erpicht, sein Land als «erstes assoziiertes EU-Mitglied» zu sehen. Wichtiger sei, dass Kanada unabhängiger und souveräner werde, sagte er am Dienstag. So könnten die Bewohner seines Landes ein Leben führen, wie sie sich das wünschten.
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Source: Neue Zürcher Zeitung · Daniel Imwinkelried
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