Trotz Macrons Entgegenkommen möchten Frankreichs Schüler weiter demonstrieren

Die Regierung verspricht mehr Lehrkräfte und Geld für Renovierungen. Doch den Schülern reichen die Zugeständnisse nicht.

Christine Longin, Paris27.10.2026, 17.00 Uhr

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Ein Demonstrant reckt am 6. Oktober auf der Place de la République in Paris die Faust in den Himmel. In ganz Frankreich protestieren Schüler und Lehrergewerkschaften gegen Lehrermangel, überfüllte Klassen und fehlende Mittel.

Ein Demonstrant reckt am 6. Oktober auf der Place de la République in Paris die Faust in den Himmel. In ganz Frankreich protestieren Schüler und Lehrergewerkschaften gegen Lehrermangel, überfüllte Klassen und fehlende Mittel.

Mohammed Badra / EPA

Die «grosse Schwatzhafte», wie sich die Influencerin Anna Baldy auf Instagram nennt, machte ihrem Namen alle Ehre. Als eine der Ersten veröffentlichte sie am Montag die Massnahmen, die Premierminister Sébastien Lecornu zugunsten der Schülerinnen und Schüler der Oberstufe angekündigt hatte. Lecornu hatte mehrere Influencer über Instagram kontaktiert und zu einem Gespräch ins Hôtel de Matignon, den Sitz des Regierungschefs, eingeladen. Die geplanten Massnahmen präsentierten Bildungsminister Édouard Geffray und Hochschulminister Philippe Baptiste erst Stunden später am Nachmittag.

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Erstmals ging die Regierung in diesem Umfang auf Forderungen der Lycéens ein. Als wichtigste Massnahme soll Parcoursup, das in den Augen seiner Kritiker undurchsichtige System zur Vergabe der Studienplätze, nächstes Jahr reformiert und 2028 ersetzt werden. Gymnasiasten werfen der vor acht Jahren geschaffenen Onlineplattform vor, Bewerber aus der Banlieue zu benachteiligen. 2028 soll deshalb die Angabe des Gymnasiums wegfallen, aus dem die Bewerber kommen. Schon im nächsten Jahr sollen Ablehnungen begründet werden. 15 000 neue Studienplätze sollen bis 2028 dafür sorgen, dass mehr Abiturienten auch tatsächlich studieren können.

Ausserdem will die Regierung den Regionen zinsgünstige Kredite über 4 Milliarden Euro geben, damit diese marode Schulgebäude renovieren können. Für die Universitäten sollen eine Milliarde Euro in einem mehrjährigen Investitionsprogramm dazukommen. 500 Lehrkräfte sollten neu eingestellt werden, kündigte Bildungsminister Geffray an. Auf die ursprünglich geplante Streichung von 836 Stellen im Sekundarbereich wird verzichtet. Gleichzeitig soll in der zehnten Klasse eine Obergrenze von 28 Schülerinnen und Schülern gelten. In den am stärksten benachteiligten Gymnasien soll die Massnahme bereits nächstes Jahr greifen, in den anderen 2028. «Die Gymnasiasten können sich einer Sache sicher sein: Ihre Stimme wurde gehört», versicherte Geffray am Abend in einem Fernsehinterview.

Die Schülervertreter hatten Massnahmen über insgesamt 10 Milliarden Euro gefordert, um die Lage an den Gymnasien zu verbessern. «Im Vergleich zu dem, was wir gefordert haben, haben wir nur Krümel bekommen», kritisierte Clément Vieillot von der Bewegung Cachan 94, benannt nach einem Pariser Vorort. «Wir warten die konkreten Ergebnisse ab und werden nicht nachgeben, solange wir sie nicht haben», ergänzte Nathanaël Combary von der Gewerkschaft Renouveau lycéen, der der Regierung nahesteht.

Auch die Lehrergewerkschaften zeigten sich am Dienstag nach einem Treffen mit Geffray enttäuscht: «Die ersten Schritte reichen nicht aus», kritisierte Sophie Venetitay von der linken Gewerkschaft SNES-FSU. Sowohl bei den Lehrergehältern als auch bei den Mitteln für die Schulen und der Bildungspolitik müsse noch mehr getan werden.

Die meisten Massnahmen hängen an der Verabschiedung des Haushalts für das nächste Jahr, der derzeit in der Nationalversammlung debattiert wird. Da die Regierung in der Assemblée nationale keine Mehrheit hat, ist unklar, wie sie ihr Budget durchbringen will. Ob die erst für 2028 geplanten Massnahmen umgesetzt werden, hängt zudem davon ab, wer nach den Präsidentschaftswahlen im nächsten Jahr regiert.

Die Schülerinnen und Schüler wollen deshalb weiter demonstrieren. Schon für Samstag sind neue Kundgebungen zusammen mit Gewerkschaften und den Gelbwesten geplant. Am 17. Oktober hatten landesweit mehr als 550 000 Menschen demonstriert. Die Kundgebungen schlugen teilweise in massive Gewalt um. Der vergangene Samstag, als das Innenministerium 410 000 Demonstrierende zählte, verlief ruhiger. Nächstes Wochenende sollen die Demonstrationen weitergehen.

Bei einem Überraschungsbesuch in Marseille stufte Präsident Emmanuel Macron den 31. Oktober als Tag mit hohem Risiko ein. Macron räumte auch ein, dass die Sicherheitskräfte nicht ausreichend auf die Demonstrationen am 17. Oktober vorbereitet gewesen seien. Innenminister Laurent Nuñez hatte nach den Ausschreitungen seinen Rücktritt eingereicht, den der Staatschef jedoch ablehnte.

Die Proteste hatten Mitte September an einem Gymnasium in Créteil bei Paris begonnen, wo Schülerinnen und Schüler gegen den Lehrkräftemangel demonstrierten. Schnell schlossen sich andere Schulen, auch in den gut gestellten Vierteln der Grossstädte, der Bewegung an. Lecornu empfing Vertreterinnen und Vertreter der Protestbewegung erst vergangene Woche zum ersten Mal. Kurz darauf sprach auch Macron mit den Jugendlichen. Nach den zweiwöchigen Herbstferien beginnt der Unterricht am 2. November wieder. Dann wird sich zeigen, ob die Bewegung immer noch so viel Zulauf hat wie vor den Ferien.

Emmanuel Macron spricht am 26. Oktober in Marseille zu den Medien. Eine Woche zuvor war es dort bei Unruhen zu Gewalt und Plünderungen gekommen. Die Proteste begannen mit Schülern und haben sich inzwischen landesweit ausgebreitet.

Emmanuel Macron spricht am 26. Oktober in Marseille zu den Medien. Eine Woche zuvor war es dort bei Unruhen zu Gewalt und Plünderungen gekommen. Die Proteste begannen mit Schülern und haben sich inzwischen landesweit ausgebreitet.

Morissard Aurelien / Imago

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Source: Neue Zürcher Zeitung · Auswärtige Autoren NZZ

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