Tiefere Unternehmenssteuern haben es schwer im Kanton Zürich. Jetzt soll es sie wenigstens auf Gemeindeebene geben – dank einer Gesetzesänderung

Firmen sollen in steuergünstige Zürcher Gemeinden ziehen statt ganz weg. So das Versprechen eines überwiesenen bürgerlichen Vorstosses. Finanzdirektor Ernst Stocker fürchtet aber, das es anders kommt.

02.11.2026, 16.55 Uhr

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Wenn Gemeinden selbst über die Unternehmenssteuern bestimmen, kann dies nicht nur zu Senkungen, sondern auch zu Erhöhungen führen; möglich wäre es etwa in der Stadt Zürich.

Wenn Gemeinden selbst über die Unternehmenssteuern bestimmen, kann dies nicht nur zu Senkungen, sondern auch zu Erhöhungen führen; möglich wäre es etwa in der Stadt Zürich.

Christian Beutler / Keystone

Ginge es nach den Einwohnern von Zumikon, Herrliberg oder Kilchberg, würden Unternehmen bei ihnen längst tiefere Steuern zahlen. Sie sind aber an der Urne mehrmals überstimmt worden von einer Mehrheit im Kanton, als es um dieses Anliegen ging, letztmals vor eineinhalb Jahren.

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Ein Entscheid des Zürcher Kantonsparlaments könnte nun die Wende bringen, zumindest ein Stück weit: Jede Gemeinde soll künftig selbst entscheiden können, wie viele Steuern sie von Unternehmen verlangt. Vorangegangen ist dieser finanzpolitischen Weichenstellung eine Debatte, in der sich der kantonale Finanzdirektor Ernst Stocker (SVP) mit eindringlichen Warnungen gegen die bürgerlichen Parteien stellte.

Denn wenn Gemeinden selbst über die Unternehmenssteuern bestimmen, kann dies nicht nur von jenen genutzt werden, die die Belastung senken wollen, sondern auch von den anderen. Namentlich von der Stadt Zürich. Diese hatte sich in zwei von drei der letzten Abstimmungskämpfe zum Thema mit Erfolg gegen Steuersenkungen gestemmt. Stocker hat mehrere solche Kämpfe gegen den städtischen Finanzvorsteher Daniel Leupi (Grüne) ausgefochten und verloren.

Stocker befürchtet, dass die links regierte Stadt künftig jede Bemühung des Kantons, die Steuerbelastung der Unternehmen zu reduzieren, mit eigenen Gegenmassnahmen kontert. Der Kanton verlöre dadurch faktisch die Hoheit über diesen wichtigen Hebel für die Standortattraktivität, denn 60 Prozent sämtlicher Zürcher Unternehmenssteuern werden in der Stadt eingezogen. Was dort passiert, ist im Wettbewerb mit anderen Wirtschaftsregionen ausschlaggebend.

Er sei daher «etwas sprachlos», sagte Stocker, dass das Parlament diese Kompetenz aus den Händen geben wolle – obwohl es genau wisse, dass die Stadt Zürich politisch «anders tickt als die Mehrheit in diesem Land». Aber mit dieser Warnung drang er nicht durch.

Unterschiedliche Steuerfüsse für Menschen und Firmen

Mechanisch hängt die Steuerbelastung der Unternehmen von zwei Faktoren ab: Da ist einerseits der Unternehmenssteuersatz, den der Kanton festlegt. Da ist andererseits der Steuerfuss, den die Gemeinden verändern können. Beide Faktoren werden miteinander verrechnet. Dennoch war der Spielraum der Gemeinden bislang beschränkt, denn der Steuerfuss ist der gleiche für natürliche wie juristische Personen.

Wenn also eine Gemeinde die Steuerbelastung für Unternehmen senken wollte, brachen zwangsläufig die gesamten Steuererträge ein. Und wenn sie sie erhöhen wollte, mussten auch die Einwohner mehr zahlen. Diese Koppelung soll getrennt werden. Kurz: Es gibt separate Steuerfüsse für Firmen und Menschen.

Eingereicht hat den Vorstoss der FDP-Kantonsrat Mario Senn aus Adliswil. Und zwar nicht in der zahmen Variante eines Postulats, das die Regierung nur zur Prüfung dieser Idee aufgefordert hätte. Sondern in der scharfen einer Motion, die direkt nach einer Gesetzesvorlage verlangt.

Senn argumentierte im Parlament, es gehe ihm um jene Gemeinden, die kaum einen anderen Hebel als die Steuern hätten, um die Attraktivität für Firmen zu erhöhen. Weil sie sich abseits des Flughafens und der wichtigen Verkehrsachsen befinden. Jene, die an der Grenze zu steuergünstigen Kantonen wie Zug oder Schwyz liegen, könnten so auf den Konkurrenzdruck reagieren.

Der FDP-Parlamentarier verspricht sich, dass Firmen künftig eher innerhalb des Kantons umziehen, als diesen ganz zu verlassen. Im September haben zwei Wegzüge für Schlagzeilen gesorgt: Zuerst kündigte die Bank Vontobel an, ihren Firmensitz mit 1500 Angestellten von Zürich nach Baar zu verlegen, dann folgte die Cembra Money Bank, die mit 660 Arbeitsplätzen nach Baden zieht.

Auch wenn beide beteuerten, dass es dabei nicht primär um die Steuerbelastung gehe, gab das der Debatte auftrieb: Zürich ist seit einem Jahr der Kanton mit den höchsten Unternehmenssteuern im Land.

Ist es gar nicht schlimm, wenn Firmen die Stadt verlassen?

Dass die Stadt Zürich ihre neue Freiheit nutzen könnte, um die Unternehmenssteuern anzuheben, beeindruckte die Unterstützer der Vorlage wenig. Marcel Suter (SVP, Thalwil) sagte, die Nachbargemeinden der Stadt seien gerne bereit, abwanderungswillige Firmen zu übernehmen. Dübendorf zum Beispiel, die viertgrösste Stadt im Kanton und bürgerlich regiert, könnte «richtig durchstarten».

Thomas Anwander (Mitte, Winterthur) fand angesichts der Konzentration von Firmen in Zürich, der Kanton müsste ein Interesse haben, die Steuererträge besser auf die Regionen zu verteilen. Und Senn ergänzte, dass eine «sanfte Dezentralisierung der Arbeitsplätze» Druck von der Stadt Zürich wegnehmen könnte, zum Beispiel auf dem Wohnungsmarkt.

Finanzdirektor Stocker zweifelte daran, dass Firmen in Stadtzürcher Nachbargemeinden ziehen würden. Das passiere bisher auch nicht in grossem Stil, obwohl es rundum steuergünstige Alternativen gäbe.

Die Stadtzürcherin Jasmin Pokerschnig (Grüne) sagte, es gebe einen Grund, weshalb Google nicht nach Marthalen gezogen sei: Die gesuchten Fachkräfte zögen einen Ort mit einem reichen Kulturleben vor. «Sie leben gerne in einer Stadt, wo etwas läuft.» Cristina Cortellini (GLP) aus Dietlikon warf die rhetorische Frage auf, ob es raumplanerisch das Ziel sein könne, Arbeitsplätze in die Peripherie zu verlagern, wo sie nur noch mit dem Auto erreichbar wären.

Verschiedene linke Parlamentarier zeigten sich überzeugt, dass der Vorstoss in Wirklichkeit nicht mehr Gemeindeautonomie im Sinn hat, sondern allein die steuerliche Begünstigung von Unternehmen.

Mario Senn störte sich, dass alle zu wissen glauben, was passieren wird. In anderen Kantonen wie Bern oder Schaffhausen, die die Steuerfüsse schon entkoppelt hätten, hätten die Gemeinden unterschiedlich darauf reagiert, sagte er. Viele hätten nichts verändert, manche belasteten Firmen geringer als Einwohner, manche umgekehrt.

Donato Scognamiglio (EVP) nahm Senn beim Wort: Das  überalterte, kleine Freienstein-Teufen, wo er herkommt, schiebe viele Infrastrukturvorhaben vor sich her. Er würde gerne an der Gemeindeversammlung vorschlagen können, die Steuern der Unternehmen etwas zu erhöhen und dafür die Bevölkerung zu entlasten. Deshalb leistete sich Scognamiglio eine abweichende Meinung von seiner Fraktion.

Bei Vollbesetzung im Parlament hätte dies wegen der knappen Mehrheitsverhältnisse entscheidend sein können. Wegen Abwesenheiten kam Senns Vorstoss aber fast schon komfortabel durch, mit 89 zu 84 Stimmen.

Die Kantonsregierung muss nun innert zwei Jahren einen Antrag erarbeiten. Erst dann wird sich entscheiden, ob Zürich die Änderung der Besteuerung wirklich durchzieht.

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Source: Neue Zürcher Zeitung · Marius Huber

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