«Symptombekämpfung»: Der Bundesrat reagiert auf den Hitzesommer und wird aus dem Parlament kritisiert

Mit sinkenden Grundwasserpegeln steigt der Druck auf den Bundesrat.

30.10.2026, 05.30 Uhr

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Im Freiburgischen musste Wasser per Helikopter auf die Alpen transportiert werden. Im Bild: die Alp Le Combi.

Im Freiburgischen musste Wasser per Helikopter auf die Alpen transportiert werden. Im Bild: die Alp Le Combi.

Dominic Nahr / NZZ

Kaum ein gesellschaftlicher Bereich blieb von den Auswirkungen des vergangenen Hitzesommers verschont: Vor den Schlachthöfen staute sich mancherorts das Vieh, weil seinen Besitzern das Futter ausging. Im Freiburgischen musste die Armee Wasser auf die Alpen fliegen, um vorzeitige Alpabzüge zu verhindern. Ausser auf den Baustellen führten die Temperaturen selbst in den Grossraumbüros zu einem Leistungsabfall und verursachten wirtschaftliche Schäden in Milliardenhöhe. Hinzu kamen die Bilder von schmelzenden Gletschern und ausgetrockneten See- und Flussufern. Im Wochenrhythmus wurden neue Tiefststände gemeldet.

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Inzwischen hat sich die Hitze verzogen, doch die Dringlichkeit bleibt: Auf den vergangenen Hitzesommer könnte schon in wenigen Monaten der nächste folgen. Wie der Bundesrat künftig auf Trockenheit und Hitze reagieren will, hat er in einem Bericht erklärt, den er diese Woche veröffentlicht hat.

Hilfe für die Alp- und Landwirtschaft

Seit 2025 fördert der Bund Massnahmen zur Anpassung an den Klimawandel mit einem eigenen Programm. Nun soll das Umweltdepartement von Bundesrat Rösti klären, wie das Programm mit dem bezeichnenden Namen «Adapt+» weiterentwickelt und allenfalls auch finanziell stärker gefördert werden kann. Ähnliche Pläne hat der Bundesrat für seine Trockenheitsplattform beschlossen, die sich im vergangenen Sommer bewährt habe und jeweils ein aktuelles Lagebild lieferte. Der Aufbau eines Kompetenzzentrums zum Schutz der Bevölkerung vor Hitze und nationale Hitzekarten mit Warnhinweisen für alle Landesteile runden das ausgebaute Informationsangebot des Bundesrates ab.

Weiter hat der Bundesrat zwei runde Tische initiiert. Ein Austausch mit den Sozialpartnern der Baubranche über die Risiken der Hitze für die Arbeitnehmer ist bisher ohne Ergebnis geblieben. Weitere Gespräche sollen folgen. Die Anliegen der Alp- und Landwirtschaft für eine bessere Wasserversorgung greift der Bundesrat allerdings auf.

Ernst Wandfluh, SVP-Nationalrat und Bergbauer, wurde in den vergangenen Monaten zu einem Gesicht des Hitzesommers. Stellvertretend für die Bauern aus dem Berggebiet forderte er die «ausserordentliche Lage». Später verlangte Wandfluh erleichterte Verfahren für den Bau von Wasserspeichern rund um Alpweiden und eine unkomplizierte Erschliessung derselben.

Der Bundesrat steht beiden Forderungen positiv gegenüber und empfiehlt dem Parlament, die beiden Motionen anzunehmen. Wandfluh begrüsst das und hat bereits weitere Ideen für die Anpassung der Alpwirtschaft an den Klimawandel. Wo Quellen versiegten, müsse man vermehrt Regenwasser sammeln oder als Ultima Ratio künstliche «Wasserlagunen» anlegen. Wandfluh sagt aber auch: «Wenn es nicht regnet, bleiben die Probleme trotzdem.»

Die Wasserknappheit ist auch für die GLP zu einem Kernthema geworden. Der Parteipräsident Jürg Grossen fordert seit diesem Sommer auf allen Kanälen, dass die Funktion von Stauseen neu gedacht werde und weitere Seen gebaut würden. In Zukunft sollen sie in trockenen Jahren nicht mehr vorwiegend als Energie-, sondern auch als Wasserspeicher dienen. Entsprechende Vorstösse seiner Partei, wonach das Potenzial für neue Stauseen im Gletschervorfeld abgeklärt werden soll, hat der Bundesrat ebenfalls gutgeheissen. Die Reaktion des Bundesrates auf den Hitzesommer hält er dennoch für unzureichend.

Es gehe zwar vieles in die richtige Richtung, sagt Grossen, doch der Bundesrat beschränke sich auf die «Symptombekämpfung». Konkret fordert Grossen, dass der Bundesrat in jenen Bereichen aktiven Klimaschutz betreibe, in denen er auch zuständig sei, zum Beispiel beim Verkehr. Im Vergleich zum europäischen Ausland, so Grossen, sei die Zahl der Elektroautos auf Schweizer Strassen viel zu niedrig. «Unsere Erwartung an Bundesrat Rösti ist klar: Er muss dafür sorgen, dass sich E-Autos auf den Schweizer Strassen rascher durchsetzen.»

Die Grünen sorgen sich um den Grundwasserspiegel

Marionna Schlatter, Grünen-Nationalrätin aus Zürich, sieht den Bericht skeptisch. Weite Teile des Textes seien ein «Wiedergeben von Strategien», die bereits beschlossen worden seien. Andere Aspekte wie die Einführung einer Hitzeplattform begrüsst Schlatter zwar, im Einzelnen vermisst aber auch sie «konkrete, griffige Massnahmen» gegen den Klimawandel. Gerade das sei nötig, wie kürzlich auch ein Bericht des Bundesamtes für Umwelt gezeigt habe.

Den entsprechenden Bericht hatte das Bundesamt erst Mitte Monat diskret auf seiner Website veröffentlicht. Die zentralen Aussagen lauten: Bis Mitte Jahrhundert könnten die Auswirkungen des Klimawandels in der Schweiz jährlich Milliardenkosten verursachen. Durch Anpassung könnten sie zwar erheblich gesenkt werden, doch die Reduktion der Treibhausgase bleibe unerlässlich.

Konkret fordert Schlatter, dass der Bundesrat dazu einen klaren «Fahrplan» vorgebe. So schlägt sie vor, dass vermehrt Fördergelder für Gebäudesanierungen gesprochen würden. Auf diese Weise könne man energieeffizienter und gleichzeitig auch hitzeresistenter werden. Weiter verweist Schlatter auf die nationale Wasserplanung, die der Bundesrat derzeit erarbeitet, und verlangt in diesem Zusammenhang eine klare Priorisierung.

In der Verantwortung sieht Schlatter allerdings nicht nur das Umweltdepartement und seinen Vorsteher Rösti, sondern den Gesamtbundesrat. Dieser hat diese Woche ein Postulat von Schlatter angenommen, das eine Übersicht über die Grundwasserpegel im Land und die Speicherkapazitäten der Böden fordert. Der Hauptfokus im Wassermanagement müsse die lokale Speicherung sein. «Wasser ist nicht Strom, wir können es in Dürrezeiten nicht einfach durch das ganze Land transportieren.»

Die Grünen werden in den kommenden Wochen weitere Forderungen platzieren. In einer Mitteilung schrieb die Partei, dass sie im kommenden Dezember eine ausserordentliche Session einberufen und ein «verbindliches Ausstiegsdatum» für Verbrennermotoren und Ölheizungen fordern werde.

Das Wasserschloss trocknet aus

Bis jetzt sind die politischen Diskussionen zum Hitzesommer noch stark von den Forderungen einzelner Parteien und Akteure geprägt. Das dürfte sich schon bald ändern.

Die meisten Folgen des Hitzesommers haben dieselbe Ursache: Wassermangel. Bis im Frühjahr 2027 will der Bundesrat erste Grundpfeiler einer Wasserstrategie vorstellen. Sollte die Trockenheit auch im Winter andauern, dürfte sich der Druck auf ihn verstärken.

Mitte Oktober gab das Bündner Bergdorf Feldis bekannt, dass es ab November möglicherweise Trinkwasser per Lkw anliefern lassen müsse. Diese Woche verordneten die Behörden im aargauischen Suhrental Wassersparmassnahmen für die Industrie und die Bevölkerung. Der Grundwasserspiegel befindet sich auf einem historischen Tiefstand. Das sind Nachrichten aus dem vormaligen Wasserschloss Europas.

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Source: Neue Zürcher Zeitung · Matthias Venetz

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