Stillstand auf der Überholspur: Der Bund denkt über Tempo 80 auf Autobahnen nach
Bei «schwerer Mangellage» an Treibstoff sollen die Schweizer runter vom Gas. Während die Deutschen die schnelle Fahrt geradezu als Menschenrecht verteidigen und die Polen ihre Distanzen mit erlaubten 140 km/h überwinden, denkt Bern übers Sparen per Tempomat nach. Wie viel Freiheit ist ein Liter Benzin eigentlich wert?
29.10.2026, 14.18 Uhr
5 Leseminuten
Tempo 80 für den Notfall: Der Bund erwägt die Einführung eines Tempolimits auf Autobahnen. Aber nur bei «schwerem Mangel» an Treibstoffen.
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Ein Plan ist immer gut. Zumal, wenn die Welt so ist, wie sie nun einmal ist, und es immer wieder zu Mangellagen kommt. Zu «schweren Mangellagen» gar. Irgendwann. Vielleicht. Die Schweiz ist dann jedenfalls vorbereitet. Für jede Lebenslage.
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Gasmangel? Dafür gibt es etwa die Erdgasverordnung mit dem hübschen Buchstaben-und-Zahlen-Salat SR 531.82. Sicherstellung der Lieferkapazitäten heisst das. Strommangel? Dafür stehen allerlei Notfallregelungen bereit. Und gegen Treibstoffmangel sollen Autofahrer runter vom Gaspedal. Der Bund prüft ein Tempolimit von 80 km/h auf Autobahnen. Ernsthaft. Das schreibt zumindest die Nachrichtenseite «Schweiz heute». Eine «verwaltungsinterne Konsultation» sei dafür «durchgeführt» worden, wird da berichtet.
Notreserve für Kerosin nur für drei Monate
Die Lage ist ernst. «Sehr angespannt», heisst das in Bern, wenn auch «gesichert». Die anhaltende Trockenheit, die zu Niedrigwasser im Rhein und deshalb zu weniger Transporten von Treibstoff geführt habe, der technische Defekt in der einzigen Schweizer Raffinerie in Cressier im September, der Krieg in der Ukraine und die Krise im Nahen Osten sowieso. Die Folge: Die Preise für Mineralölprodukte, also Diesel, Benzin und Kerosin, sind auch in der Schweiz stark gestiegen. Ein Liter Benzin kostet derzeit im Schnitt 2 Franken 13, das sind 48 Rappen mehr als zu Jahresbeginn. Noch stärker verteuerte sich Diesel: von etwa 1 Franken 78 auf 2 Franken 42 pro Liter, es ist ein Plus von 36 Prozent. Das zeigen Zahlen des Touringclub Schweiz (TCS).
Der Bund hat bereits die sogenannten Pflichtlager, also die Notfallreserven, für Diesel und Kerosin freigegeben. Das sei eine unterstützende Massnahme, heisst es in der aktuellen Lageübersicht der wirtschaftlichen Landesversorgung. Blieben die Importe aus, hätte die Schweiz Benzin- und Dieselreserven für gerade einmal mehr als viereinhalb Monate. Bei Kerosin sieht es noch prekärer aus: Die Notreserve reicht wohl lediglich für drei Monate.
Es gehe also nicht um Verfügbarkeitsprobleme, sondern um Lieferprobleme, erklärt Roland Pfister im SRF. Seit Anfang Oktober ist der promovierte Wirtschaftswissenschafter und hohe Stabsoffizier der Schweizer Armee Delegierter für wirtschaftliche Landesversorgung.
Vor leeren Zapfsäulen steht das Land freilich nicht. Doch über die Hebel, die in einem Notfall umzulegen wären, ja, darüber denken die Fachleute im Bundesamt für Landesversorgung gern nach. Tempo 80 also. Auch wenn natürlich noch nichts beschlossen ist. Nur vorbereitet. Und selbstverständlich griffe die Massnahme erst, wenn freiwilliges Sparen nicht ausreichte.
Physikalisch gesehen ist langsames Fahren durchaus sparsam. Wer auf der Autobahn langsamer fährt, verbraucht im Normalfall weniger Treibstoff. Die Einsparungen sind messbar und bei grossen Fahrzeugflotten erheblich. Da geht es um aerodynamische Widerstände, um die Leistung des Motors, und alles in allem hiesse es: Das Drosseln von Tempo 120 auf Tempo 80 reduziert den Treibstoffverbrauch auf der Autobahn um bis zu 30 Prozent. So zumindest berechnen es Schweizer Forschungs- und Ingenieurbüros.
Das Problem dabei: Die Fahrten dauern länger. Will eine Volkswirtschaft es sich leisten, langsamer voranzukommen? Wird wirklich gespart, wenn die Menschen später ins Büro kommen, wenn die Lebensmittel länger brauchen, um an ihrem Bestimmungsort anzukommen, wenn selbst Benzin später angeliefert wird? Pendler, Lieferdienste, Unternehmen, Reisende. Sie haben ebenfalls ihre Kosten, mögen diese auch nicht auf einer Tankquittung auftauchen.
Was ist überhaupt mit den E-Autos? Dürfen sie weiter 120 km/h fahren, wenn nicht gerade Strommangellage vorherrscht? Dazu steht in der Lageübersicht nichts. Was hiesse das gedrosselte Tempo für Baustellen? Weiter senken? Auf 60, 40, 20? Auch dazu findet sich in der Übersicht nichts.
«Freie Fahrt für freie Bürger»
Dass Tempolimits nicht einfach irgendein verkehrstechnisches Detail sind, beweist jedes Mal Deutschland, wenn sich die Diskussion um ein mögliches allgemeines Tempolimit dreht. Und da geht es nicht um mickrige 80 km/h. Die Autobahn ist für viele in Deutschland nicht einfach ein Verkehrsweg, um von A nach B zu kommen, sie ist eine Projektionsfläche – für Freiheit, für Selbstbestimmung, für ein Ausbrechen aus irgendwelchen Rahmen. Identitätsstiftend. Bereits in den 1930er Jahren, als der Autoverkehr auch in Deutschland Fahrt aufnahm, gab es für viele Fahrzeuge keine Tempolimits auf deutschen Strassen. Die Unfallzahlen aber sprachen ihre eigene Sprache. Ausserorts galten 1939 auf den «Reichsautobahnen» 100 km/h.
Kriegsbedingt drosselten die Nationalsozialisten das Tempo schliesslich auf 80 (ausserorts) – um, so anders war der Gedanke auch damals nicht, Treibstoff zu sparen. 1953 hob die neu gegründete Bundesrepublik etliche Geschwindigkeitsbegrenzungen auf. Der spätere Mythos der «freien Fahrt für freie Bürger» war da bereits angelegt. Erst vier Jahre später kehrte die BRD zu den innerörtlichen 50 km/h zurück. Ausserorts, nun ja, da durften die, deren Autos es hinbekamen, unbegrenzt schnell unterwegs sein.
In der Ölkrise 1973 reagierten Regierungen quer durch die Welt mit autofreien Sonntagen und drastischen Tempolimits. Bern verordnete da 100 km/h auf Autobahnen. In den 1980ern legte sich fast ganz Europa auf Tempolimits fest. Heute liegen sie zwischen 100 (Niederlande) und 140 (Polen). Nur Deutschland bestand auf seiner «Richtgeschwindigkeit» von 130. Und das heisst: rasen, wo das Rasen möglich ist. Wobei natürlich auch Deutschland vielerorts Tempolimits hat, auch auf Autobahnen.
Die Schweiz ist grundsätzlich gemächlicher unterwegs. Wäre ja ein Jammer, die Schönheiten des Landes der übertriebenen Eile wegen gar nicht mitzubekommen. Und in kaum zwei Stunden bereits am anderen Ende des Landes zu sein? Nein, da könnte man ja noch grössere Minderwertigkeitskomplexe wegen der Grösse bekommen. Also die Distanzen doch lieber gemütlich nehmen.
Seit 1985 lebt das Land seine 120 km/h auf der Autobahn, 80 ausserorts und 50 innerorts aus. Es sei optimal für die Verkehrssicherheit, den Lärmschutz und den Schadstoffausstoss, heisst es stets vom Bund. Eine Art Erziehung sei das auch. Egal, ob ein alter Kleinwagen auf der Autobahn vor sich hintuckert oder ein neuer SUV – alle rollen mit gleicher Geschwindigkeit hintereinander her. Meistens zumindest. Auf den Tempolimitüberschreiter warten schliesslich saftige Strafen.
Wie weit es mit dieser «Erziehung» her ist, zeigt sich jeweils jenseits des Rheins, wenn Autos mit Schweizer Kennzeichen sich auf Autobahnen in Deutschland so verhalten, als hätte man eine Horde von Jagdhunden aus dem Käfig gelassen. Alles, was der SUV hergibt, fährt der SUV-Fahrer meist auch, die SUV-Fahrerin ebenfalls. Abgebremst werden allerdings auch sie durch marode Autobahnbrücken, Dauerbaustellen, Staus. Tempo 80 auf Autobahnen? Wird auch so alltäglich.
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Source: Neue Zürcher Zeitung · Inna Hartwich
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