Teilen

Zwischen Liebe, Erinnerung und jahrzehntelangem Schweigen entfalten sich Geschichten über das, was Menschen verbindet und trennt. Die SRF-Bestenliste im November vereint fünf eindrucksvolle Romane von Autorinnen.

1. Dana Vowinckel: «Anton und Alma» (52 Punkte)

Vordergründig ist «Anton und Alma» die turbulente Liebesgeschichte zwischen Anton, der in einer jüdischen Akademikerfamilie in Berlin aufwächst, und Alma, die aus einem Vorort im Osten Berlins stammt, und nicht zufällig Bormann mit Nachnamen heisst – wie ein enger Vertrauter Hitlers. Aber es geht um weit mehr: In einer Welt voller persönlicher und gesellschaftlicher Katastrophen, kann man es da als Mensch überhaupt noch «richtig» machen im Leben? Welche Rolle spielt Religion dabei – und was ist, wenn andere damit nicht einverstanden sind?

Was grosse Liebe ist, fühlt man eigentlich nur, wenn man sie selber erlebt – es sei denn, man darf in einen der seltenen Liebesromane wie ‹Anton und Alma› von Dana Vowinckel eintauchen.

Buchumschlag mit blauem Stoffhintergrund.
Legende: Suhrkamp Verlag

Dana Vowinckel: «Anton und Alma». 542 Seiten. Suhrkamp, 2026.

Lesen Sie hier die ausführliche Buchkritik.

2. Sarah Elena Müller: «Unwucht» (42 Punkte)

Im zweiten Roman «Unwucht» der Schweizer Autorin Sarah Elena Müller geht es um die Beziehung zwischen zwei jungen Erwachsenen: Er ist suchtkrank, sie ist Überlebenskünstlerin. Die Beziehung ist schmerzvoll und belastend. Jahre später, längst hat man sich getrennt, versucht die Frau, einen Umgang mit dem Erlittenen zu finden, indem sie darüber schreibt. Doch dadurch entstehen neue Probleme und brennende Fragen: Wer hat die Deutungsmacht über das Gewesene?

Der Roman spielt auf mehreren Ebenen, deren Kräfte aufeinander wirken: anziehend und abstossend zugleich.

3. Shida Bazyar: «Die Lücken» (34 Punkte)

Der neue Roman von Shida Bazyar ist erschreckend aktuell. «Die Lücken» erzählt von einem fiktiven Dorf und seinen Bewohnerinnen und Bewohnern: Figuren, die aus dem Dorf verschwunden, geblieben oder neu hinzugekommen sind. Der Roman verdichtet neunzig Jahre Geschichte, springt zwischen den Zeiten und legt nach und nach frei, worüber lange geschwiegen wurde. Es geht um die NS-Vergangenheit und um ihre Schatten, die bis in die Gegenwart reichen. Eine Gegenwart, in der Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg, Familien aus dem Iran in diesem fiktiven Dorf auf ein neues Zuhause hoffen.

Shida Bazyar hat einen behutsamen, sanften Ton angeschlagen, was ein bisschen überrascht. Sie zeigt damit gekonnt das Grauen im Alltag und das Alltägliche im Grauenvollen.

4. Yael Inokai: «Die Auster» (23 Punkte)

Yael Inokai lebt seit vielen Jahren in Berlin. Dort spielt auch ihr neuer Krimi «Die Auster». Die Handlung: Dr. Joachim Bronstett, schwerreicher Geschäftsführer eines Luxuskaufhauses, wird eines Morgens tot in seiner Villa aufgefunden, und zwar von seiner Putzfrau. Doch anstatt die Polizei zu rufen, tut sie, was sie immer tut: Sie putzt. Überaus gründlich …

Mich begeistert die eigenwillige Hauptfigur, die sich durchs Leben kämpft und dabei einen Mord aufklärt.

5. Sonja Sophie Kreis: «Das grosse Eis» (22 Punkte)

Anna besucht ihren Bruder in Grönland, der aber irgendwo im Landesinnern festsitzt. Beim Warten notiert sie Erinnerungen an ihre Familie. Immer wieder kreisen ihre Gedanken zu ihrer Mutter, die nach dem Krieg von der deutschen auf die Schweizer Bodenseeseite geheiratet hatte und dort unglücklich wurde. Über vier Generationen spannt sich die Erzählung und enthüllt das Bild einer Familie, in der über alles geschwiegen wird und alle einsam sind.

Das grosse Eis in Grönland wird in Sonja Sophie Kreis' Familienroman zum Spiegel für die innerlichen Vergletscherungen.

Die aktuelle Bestenliste als PDF herunterladen

An der Erstellung der Bestenliste für November 2026 waren 29 Jurymitglieder beteiligt, die insgesamt 452 Punkte vergeben haben.

Die SRF-Bestenliste wird jeden Monat von einer Fachjury bestimmt. Zur Jury gehören 50 Buchkritikerinnen, Bibliothekare, Buchhändlerinnen, Literaturwissenschaftler und Vertreterinnen von literarischen Institutionen.

Jedes Jurymitglied darf jeweils bis zu vier Titel, deren Veröffentlichung nicht länger als sechs Monate zurückliegt, für die SRF-Bestenliste nominieren. Die Punktewertung funktioniert wie folgt:

  • 1. Platz: 7 Punkte
  • 2. Platz: 5 Punkte
  • 3. Platz: 3 Punkte
  • 4. Platz: 1 Punkt

Die vergebenen Punkte werden addiert und ergeben die jeweilige Reihung. Jedem Jurymitglied steht es frei, weniger (oder auch gar keinen) Titel zu nominieren. Sobald ein Titel drei Mal auf der SRF-Bestenliste vorgekommen ist, wird er gesperrt, um einen gewissen Titelumlauf zu gewährleisten.

Im Sinne einer grösstmöglichen Transparenz, Objektivität und Unparteilichkeit im Abstimmungsverfahren dürfen keine Bücher nominiert werden, deren Autor:in Mitglied der Jury ist.

Die Jurymitglieder von A bis Z

Radio SRF 1, Literaturclub Kinder- und Jugendbücher, 27.10.2026, 20:00 Uhr ;  koea

Source: SRF · 29.10.2026, 09:31

At a glance

Topic
World
Country
🇨🇭 CH
Publisher language
DE
Added to Allnira