Zwei Jahre lang haben junge Serben gegen die Regierung demonstriert. Nun treten sie mit einer eigenen Liste bei den Wahlen an. Sie wollen Serbiens Demokratie retten – mit einer Entschlossenheit, die kaum Widerspruch duldet. Ein Besuch.
Nora Züst (Text), Vladimir Zivojinovic (Bilder), Belgrad22.10.2026, 15.44 Uhr
9 Leseminuten
«Wenn sie mich umbringen könnten, ohne Konsequenzen befürchten zu müssen, würden sie es tun», sagt Filip Ubovic. Mit «sie» meint der 25-Jährige den langjährigen serbischen Machthaber Aleksandar Vucic und seine Regierungspartei, die Serbische Fortschrittspartei (SNS).
Optimieren Sie Ihre Browsereinstellungen
NZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.
Bitte passen Sie die Einstellungen an.
Tatsächlich ist der junge Serbe so etwas wie ein Erzfeind für Vucic und die SNS. Ubovic spielt eine zentrale Rolle in der Studentenbewegung, die seit zwei Jahren das Land aufmischt – und nun Vucic und sein System an der Wahlurne stürzen will.
Vucic hat Serbiens Demokratie und ihre Institutionen im letzten Jahrzehnt immer mehr ausgehöhlt. Vor einem Monat ist er als Präsident zurückgetreten, um bei den Wahlen als Ministerpräsident zu kandidieren. Die Studenten sehen sich selbst als letzte Chance für eine Kurskorrektur. Aber es ist ein harter Kampf: Sie werden überwacht, diffamiert, körperlich angegriffen, verhaftet.
Trotzdem hat die Liste der Studenten am kommenden Sonntag reale Chancen auf einen Sieg. Ubovic sagt: «Es sind keine Wahlen. Es geht um die Zukunft des Landes.» Wer sind die Aktivisten, die Serbiens Demokratie retten wollen?
Studenten stellen ihre Grosseltern vor Ultimaten
Ubovic verbringt in diesen Tagen den Grossteil seiner Zeit in einem verglasten Hochhaus in Belgrad. Hier sitzen junge Menschen, die meisten Anfang 20, konzentriert vor ihren Laptops oder halten Strategiesitzungen ab. Aus einem Zapfhahn, der auch in einer hippen Bar stehen könnte, fliesst kaltes Wasser. Es sieht aus wie in einem Startup – doch in Wirklichkeit handelt es sich um die Wahlkampfzentrale der Studentenbewegung.
Hier leitet Ubovic das Medienteam für die Zusammenarbeit mit bekannten Personen. Er arbeitet mit 900 Influencern und Hunderten von Schauspielern und Filmemachern zusammen, die sich unentgeltlich engagieren. Ubovic hat kürzlich sein Bachelorstudium in Betriebswirtschaft und Wirtschaftsinformatik abgeschlossen und trägt einen Kapuzenpullover mit dem Logo seiner Fakultät. Andere Studenten organisieren Tür-zu-Tür-Kampagnen oder koordinieren rechtliche Angelegenheiten.
Filip Ubovic in der Wahlkampfzentrale: Der 25-Jährige sagt, er sei einer der Ersten gewesen, die vor zwei Jahren den Lehrbetrieb an den Universitäten blockiert hätten, um gegen Korruption zu protestieren.
Der Aufstand der Studenten begann im Herbst 2024, als in der Stadt Novi Sad ein Bahnhofsvordach einstürzte. 16 Menschen starben. In der Folge gingen in ganz Serbien Menschen auf die Strasse und prangerten die weitverbreitete Korruption an. Bei den grössten Kundgebungen waren es Hunderttausende. An den Universitäten organisierten die Studenten monatelange Blockaden.
Aus den Demonstranten sind nun Politstrategen geworden. Sie selbst kandidieren nicht, sondern organisieren den Wahlkampf. Auf ihrer Liste «Studenten gewinnen» kandidieren Technokraten, die in einem basisdemokratischen Verfahren ernannt wurden.
Die Bewegung zeigt sich kompromisslos. Ubovic sagt: «Wenn jemand uns nicht unterstützt, ist er auf deren Seite.» Er spricht eindringlich, gestikuliert mit seinen Händen. Er habe sogar seine Grosseltern vor ein Ultimatum gestellt: «Ich sagte ihnen: Wenn ihr die Regierungspartei je wieder verteidigt, dann werde ich nie wieder mit euch sprechen.»
Er sei schon früh politisiert worden, sagt Ubovic. Sein Vater, ein Schauspieler, und seine Mutter, eine Professorin, protestierten in den 1990er Jahren gegen Slobodan Milosevic, der im Oktober 2000 schliesslich gestürzt wurde. Vucic diente damals unter Milosevic als Informationsminister. Ubovic sagt: «Die Söhne derer, die meine Eltern verfolgt haben, verfolgen jetzt uns.»
Tatsächlich werden die Studenten immer wieder eingeschüchtert. Ein junger Mann in der Zentrale sagt, er sei im Juni 2025 von fünf Männern mit Sturmmasken zusammengeschlagen worden. Mehrere junge Aktivisten fanden zudem die Überwachungssoftware Pegasus auf ihren Geräten.
Vucic und seine Partei haben ohnehin dafür gesorgt, dass die Voraussetzungen im Wahlkampf äusserst ungleich sind. Die OSZE berichtet von erheblichen Vorteilen der Regierungspartei bei den finanziellen Ressourcen, einer stark regierungsfreundlichen Medienlandschaft und Hürden bei der Stimmabgabe im Ausland.
Trotz allen Hindernissen sind sich die Studenten sicher, dass sie gewinnen werden. Das würden ihre eigenen Umfragen belegen. Auch unabhängige Meinungsforscher halten einen Sieg der Bewegung für möglich. Regierungsnahe Umfragen sagen hingegen einen Sieg der SNS voraus.
Massenprotest in Belgrad im März 2025: Die Studentenbewegung brachte laut unabhängigen Schätzungen 300 000 Menschen auf die Strasse, eine der grössten Kundgebungen in der Geschichte Serbiens.
Armin Durgut / AP
Ein Kardiologe als Politiker?
Auf dem ersten Platz der Studentenliste steht der 56-jährige Kardiologe und Professor Ilija Srdanovic aus Novi Sad. Er will sich aber nicht als das Gesicht der Bewegung verstehen. «Das Gesicht sind die Studenten und im Kern Serbiens Bevölkerung, die eine bessere Zukunft für das Land will», sagt er nach einer Wahlkampfveranstaltung in Novi Sad. Trotzdem wird der grossgewachsene Mann mit grauem Haar immer wieder erkannt und freudig begrüsst.
Ilija Srdanovic
Nebojsa Babic
Srdanovic wurde wie alle Kandidaten in sogenannten Plena basisdemokratisch ernannt. Das sind Versammlungen an verschiedenen Fakultäten, wo die Studenten gemeinsam diskutieren und abstimmen. So ist auch das Wahlprogramm der Studentenliste entstanden. Darin geht es um den Kampf gegen die Korruption und die Schaffung unabhängiger Gerichte und Medien. SNS-Parteileute in öffentlichen Ämtern sollen durch unabhängige Fachleute ersetzt werden.
Keiner der Kandidaten hat einen politischen Hintergrund. Der Frage, was ihn als Kardiologe zu einem guten Politiker mache, weicht er aus. «Wir alle haben Erfahrung in verschiedenen Bereichen: Kunst, Sport, Wirtschaft», sagt Srdanovic. Über die Hälfte der 250 Kandidaten auf der Liste habe einen Doktortitel. Wer im Parlament sitze, müsse gebildet sein.
Kandidaten aus der urbanen, akademischen Elite sind auf der Liste deutlich überrepräsentiert. Klar ist aber: Um die Wahl zu gewinnen, müssen die Kandidaten auch die ländlichen Gebiete von sich überzeugen.
Studenten marschieren von Ostserbien nach Belgrad
An einem kühlen Freitagmorgen versammeln sich um die hundert Aktivisten der Studentenbewegung auf einem Platz im Dorf Zajecar im äussersten Osten Serbiens. Die Studenten planen einen sechstägigen, 240 Kilometer langen Marsch bis nach Belgrad. Bei Märschen wie diesem geht es darum, auch ältere Menschen in den Dörfern zu erreichen, die kaum soziale Netzwerke nutzen.
Vor dem Aufbruch laden die Aktivisten ihre Rucksäcke in einen weissen Lieferwagen, während Journalisten von regierungskritischen Medien Interviews führen. Ein Mann in den Vierzigern steht etwas abseits und raucht. Er unterstütze die Studenten, sagt er. Aber sein Arbeitgeber dürfe das nicht wissen. Angestellte öffentlicher Einrichtungen stehen unter Druck, Vucics Partei zu wählen.
Auf dem Dorfplatz von Zajecar versammeln sich Studenten und Unterstützer. An diesem Tag werden sie über 30 Kilometer weit marschieren.
Die Aktivistin Jovana Lutovac begrüsst die Studenten in Zajecar. Die 29-Jährige engagiert sich innerhalb der Studentenbewegung im lokalen Team, das für die Rekrutierung von Freiwilligen zuständig ist.
Dann setzt sich der Tross in Bewegung. Auf dem Weg aus dem Dorf rufen die Aktivisten immer wieder «Pumpaj», was sinngemäss «Erhöht den Druck» heisst. Mehrere Aktivisten rennen mit Kameras im Demonstrationszug hin und her. Ein Aktivist steuert eine Drohne. Alles wird für die sozialen Netzwerke inszeniert.
«Wir zeigen den Menschen, dass wir bereit sind, viel für dieses Land zu opfern», sagt der 21-jährige Physikstudent Stefan Tomic, der den Marsch mitorganisiert hat. Er erzählt, dass er im Juni 2025 wegen angeblichen Terrorismus kurzzeitig festgenommen worden sei. Man habe ihn beschuldigt, einen Protest organisiert zu haben.
Vorbeifahrende Autos hupen sekundenlang, manche Fahrer rufen «Studenten gewinnen!». Mit solchen Märschen wollen die Studenten auch ihren eigenen Durchhaltewillen stärken. Viele weinten, wenn sie am Abend im Ziel einträfen, sagt Tomic. «Wenn du etwas so Schwieriges machst, wirst du emotional.»
Stefan Tomic stammt aus Negotin im Nordosten Serbiens. Neben seinem Physikstudium in Belgrad arbeitet er und engagiert sich in der Studentenbewegung.
Während des Marsches grüssen die Aktivisten vorbeifahrende Autos mit drei ausgestreckten Fingern. Es ist ein Symbol für die serbische nationale Identität.
Ein SNS-Aktivist bringt heikle Themen auf
Nach etwa einer Stunde treffen die Aktivisten im Dorf Zvezdan ein und machen vor dem lokalen Gemeindebüro Pause. Hier wartet bereits die 66-jährige Suzana Cvetkovic mit ihrem Mann Dragan auf die Studenten, um sie zu unterstützen. Es sei schwierig, die anderen Dorfbewohner von der Studentenbewegung zu überzeugen, sagt sie. Denn diese sähen viel fern.
Die TV-Sender, die landesweit empfangbar sind, gehören zu Vucics wichtigsten Propagandainstrumenten. Jeden Tag werden seine Reden gezeigt, in denen er die Studenten mitunter als «Parasiten» bezeichnet.
Dragan und Suzana Cvetkovic warteten im serbischen Zvezdan auf den Demonstrationszug der Studenten. Ihre Anstecker zeigen den Wahlslogan «Studenten gewinnen».
In Zvezdan wartet ein älterer Mann am Strassenrand mit einem Teller Kekse. Die Aktivisten greifen im Vorbeigehen zu.
Zum nächsten Dorf geht es über eine lange Landstrasse, vorbei an Wäldern, die sich langsam golden färben. Die jungen Aktivisten laufen schnell, denn an diesem Tag müssen sie über 30 Kilometer schaffen. Als sie das nächste Dorf Gamzigrad erreichen, wartet auf dem Dorfplatz bereits ein SNS-Aktivist. Er filmt sie und fragt, was sie vom Genozid in Srebrenica halten.
Für die Studenten sind Themen wie Srebrenica, Kosovo oder die Haltung zu Russland heikel. Die Bewegung ist ideologisch heterogen, vereint sowohl nationalkonservative als auch proeuropäische Kräfte. Deshalb positioniert sie sich zu solchen Fragen nur vage oder gar nicht. Geeint ist sie primär in der Ablehnung des herrschenden Systems und der Forderung nach innenpolitischen Reformen. Wenn es nach den Wahlen um konkrete Themen geht, droht die Bewegung zu zersplittern.
Doch Kritik an der Studentenbewegung sei an den Universitäten tabu, sagt eine Studentin in Novi Sad, die anonym bleiben möchte. Tatsächlich zeigen die Aktivisten wenig Verständnis für Andersdenkende. Viele erzählen, dass sie Freundschaften mit Menschen, die ihre Bewegung nicht unterstützen, beendet hätten.
Einige Studenten haben bereits an früheren Märschen quer durchs Land teilgenommen. Andere sind zum ersten Mal dabei.
Die Studenten kommen im Osten von Serbien an Flüssen, Wäldern und Bergen vorbei. Am nächsten Tag werden sie 49 Kilometer nach Zagubica marschieren.
In Gamzigrad kommt eine junge Aktivistin mit einer älteren Frau ins Gespräch und schenkt ihr eine Blume. Ältere Menschen sind eine wichtige Wählergruppe: Fast jede vierte Person ist 65 Jahre oder älter.
Vucic mobilisiert seine Anhänger in Novi Sad
Allerdings stehen längst nicht alle jungen Serben hinter der Bewegung. Am gleichen Tag trommelt Vucic seine Anhänger zu einer Wahlkampfveranstaltung in Novi Sad zusammen. In seiner Rede wirft er den Studenten vor, sie seien von ausländischen Kräften finanziert, die Serbien zerstören wollten. Hinter ihm stehen junge Leute, die weisse Pullover mit der Nummer 1 tragen – die Listennummer der SNS. In der Menge schwenken Teilnehmer Fahnen mit dem Konterfei des bosnisch-serbischen Militärkommandanten Ratko Mladic, der wegen des Genozids in Srebrenica verurteilt wurde.
Die Stadt befindet sich im Ausnahmezustand, laut dem Innenministerium sind 100 000 Menschen angereist. Eine unabhängige Organisation schätzt 16 000 Teilnehmende. Die Hauptstrasse in Richtung Zentrum ist gesperrt, auf ihr reihen sich Dutzende Traktoren aneinander. Sie sollen die Unterstützung der Bauern demonstrieren.
Eine ältere Frau sagt, sie sei unsicher, was das Programm der Studenten sei, diese hätten schliesslich keine Führungsfigur. Sie vermutet zudem, dass die EU hinter der Bewegung stecke. Eine andere Seniorin lobt Vucic: Er erhöhe die Renten. Diese stiegen jüngst um über 10 Prozent, im Falle eines Wahlsiegs hat Vucic weitere Erhöhungen angekündigt.
Bei der Grosskundgebung in Novi Sad posiert der ehemalige Präsident Aleksandar Vucic (rechts), der für die SNS als Ministerpräsident kandidiert, an der Seite des slowakischen Regierungschefs Robert Fico (links).
Marko Djurica / Reuters
Junge Unterstützer der Regierungspartei SNS jubeln während der Grossveranstaltung in Novi Sad. Es ist die grösste SNS-Kundgebung in der Stadt, seit dort vor zwei Jahren die Protestbewegung begann.
Marko Djurica / Reuters
Geschenke gehören zu Vucics Methode: In der Nähe des Zentrums stehen mehrere Festzelte, wo es kostenlose Mahlzeiten gibt. Sie seien nur wegen des Essens da, sagen ein paar junge Serben. Auch sonst gibt es Anreize für Vucics Anhänger: Laut Medienberichten werden einige für die Teilnahme an Wahlkampfveranstaltungen mit rund 25 Franken bezahlt.
Zum Ende der Veranstaltung erhellt ein grosses Feuerwerk den Himmel, junge SNS-Anhänger posieren für ein Gruppenbild. Eine 23-jährige Universitätsabsolventin sagt, sie bedaure es, dass Studenten mit unterschiedlichen politischen Meinungen nicht mehr befreundet sein könnten. «Wir sollten alle vereint sein», sagt sie.
Belgrad: Die Spannung vor dem Wahlsonntag steigt
Zurück im Wahlkampfzentrum in Belgrad stapeln sich eine Woche vor der Wahl die Abfälle von Essensbestellungen, die Wassergläser sind fast aufgebraucht. Aus einem Zimmer dringt ein humoristischer Wahlkampfsong, der den Aktivisten Filip Ubovic zum Lachen bringt. Trotzdem: Die Anspannung vor dem Urnengang ist enorm.
Viele befürchten, dass es nach der Wahl zu massiven Ausschreitungen kommen könnte – gerade dann, wenn Vucic eine Niederlage nicht akzeptieren würde. Ubovic sagt: «Wenn der Wille der Menschen respektiert wird, gibt es keinen Grund für Gewalt.» Es klingt wie eine Warnung.
Für viele Studenten steht derweil fest: Sollten sie nicht siegen, sehen sie keine Zukunft in Serbien. Zu ihnen gehört auch Ubovic: «Wenn sie weiterhin an der Macht bleiben, muss ich meine Sachen packen und das Land verlassen.»
Der Dreifingergruss wurde auch schon bei Protesten gegen Slobodan Milosevic in den neunziger Jahren verwendet.
Passend zum Artikel
Source: Neue Zürcher Zeitung · Nora Züst, Fotografinnen und Fotografen
At a glance
- Topic
- World
- Country
- 🇨🇭 CH
- Publisher language
- DE
- Added to Allnira