Selenski bei Böhmermann Gehen die US-Demokraten jetzt auf Konfrontation mit Putin?

Im Interview mit Jan Böhmermann glaubt Wolodomir Selenski an eine Kehrtwende in Washington. Wunsch oder Wirklichkeit?

05.11.2026, 17:22

In den USA wurde am Dienstag zwar kein neuer Präsident gewählt. Ein Umstand, auf den das Weisse Haus fast schon trotzig hinweist:

Öffentliche Ankündigung: «Donald Trump ist noch immer Präsident»

Die Zwischenwahlen für den Kongress haben trotzdem ein politisches Erdbeben ausgelöst, dessen Schockwellen weltweit spürbar sind.

Die Demokraten sprechen sich klar für die Unterstützung der Ukraine aus.

Die Demokraten haben nun die Mehrheit in beiden Parlamentskammern. Präsident Trump ist verdammt zum konstruktiveren Umgang mit der Opposition; auch wenn er bereits ankündigte, zu «Mr. Veto» zu werden.

Ein Mann spricht gestikulierend vor bunten Flaggen, während ein weiterer Mann unscharf im Vordergrund sitzt.
Legende: US-Präsident Trump (links) und sein Vize Vance im Oval Office (20. Oktober 2026). Getty Images/Andrew Harnik

Kommentatoren sprechen nach den Midterms in den USA von einem «blauen Tsunami» durch demokratische Wahlerfolge. Bei Trumps Partei, den Republikanern, herrscht dagegen Konsternation.

Auch im Oval Office tun sich Gräben auf. Vizepräsident JD Vance geht auf X auf Distanz zum Präsidenten. Vance sieht im Iran-Krieg den Hauptgrund für die Wahlschlappe. «Jeder weiss, warum wir verloren haben. Und jede Diskussion darüber, wie es weitergeht, muss dort ansetzen.»

Vance werden Ambitionen auf das Präsidentenamt nachgesagt. Nun gibt er deutlich zu verstehen, dass er kein Interesse an militärischen Abenteuern im fernen Ausland hat; dies stehe auch im Widerspruch zur «America First»-Agenda, die Trump selbst anführte.

Künftig hat Trump einen von den Demokraten kontrollierten Kongress im Nacken. Dieser dürfte auf mehr militärische und finanzielle Hilfe für die Ukraine drängen.

Kongress als Kontrollorgan

Selenski erklärt im Interview mit Jan Böhmermann, das am Donnerstagabend im «ZDF Magazin Royale» ausgestrahlt wird: «Die Demokraten sprechen sich klar für die Unterstützung der Ukraine aus. Sie wollen die Verbindung zwischen den USA und Europa erneuern.»

Trump will Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine beenden. Dabei übt er ungleich mehr Druck auf Kiew als auf Moskau aus. Nun glaubt Selenski an eine Kehrtwende in Washington.

Legende: Wenn der Kongress ähnlich wie Europa von Unterstützung für die Ukraine mit Geld und Waffen spreche, werde dies Putin unter Druck setzen, erwartet der ukrainische Präsident. Bild: Selenski mit dem deutschen Entertainer Jan Böhmermann. ZDF/dpa/Oliver Wolff

Ein frommer Wunsch oder eine realistische Lagebeurteilung? Klar ist: Namhafte Demokraten sitzen künftig den aussen- und sicherheitspolitischen Ausschüssen der Parlamentskammern vor. Sie wollen Gesetze vorantreiben, um Kiew stärker zu unterstützen – und den Sanktionsdruck auf Moskau erhöhen.

Legende: Gegenüber ukrainischen Medien sagte etwa der einflussreiche Demokrat Gregory Meeks, dass zusätzliche Militär- und Finanzhilfe für Kiew eine Priorität für die Demokraten seien. Getty Images/Gregory Meeks

Skepsis ist jedoch angebracht. Laut dem US-Publizisten Jacob Heilbrunn wird der Kongress zwar als Kontrollorgan wiederbelebt, wie er gegenüber SRF News sagt. Ob er Trump aussenpolitisch die Flügel stutzen kann, sei aber eine andere Frage. Denn Aussenpolitik ist gemäss Verfassung weitgehend Sache des Präsidenten.

Ohne Republikaner geht wenig

Sebastian Ramspeck, internationaler Korrespondent von SRF, meldet ebenfalls Zweifel an. Trump entscheide auf der Grundlage bestehender Gesetze über Waffenlieferungen und Geheimdiensthilfe. «Zwar kann das neue Parlament ab Januar Gesetze ändern. Dagegen kann Trump wiederum sein Veto einlegen», schätzt Ramspeck. Um ein solches Veto zu überstimmen, bräuchte es auch viele Abgeordnete seiner eigenen Partei.

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  • Bild 1 von 2. «Nach der Niederlage bei den Zwischenwahlen könnte Trump jetzt erst recht aussenpolitische Erfolge suchen und den Frieden zwischen Russland und der Ukraine herbeiführen wollen», sagt SRF-Korrespondent Sebastian Ramspeck. Bild: Trump empfängt Putin in Anchorage/Alaska (15.8.2025). Bildquelle: Getty Images/Andrew Harnick.

  • Bild 2 von 2. Ramspeck weiter: «Trump könnte Waffenlieferungen und Geheimdiensthilfe von zusätzlichen Zugeständnissen der Ukraine abhängig machen. Das könnte einen Frieden zu russischen Bedingungen begünstigen.». Bildquelle: Getty Images/Andrew Harnik.

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Zerschellen Selenskis Hoffnungen an der politischen Realität in Washington? Für eine vom Kongress angestossene, Ukraine-freundlichere Politik bräuchten die Demokraten zwar die Unterstützung von republikanischen Abgeordneten. Der Kongress könnte aber auch intervenieren, wenn Trump weitere Sanktionslockerungen für Russland erlassen würde.

Hier bleibt abzuwarten, wie einflussreiche Republikaner auf die krachende Niederlage bei den Zwischenwahlen reagieren – und allenfalls Druck auf den Präsidenten ausüben.

Andere Prioritäten bei Wählerschaft

Auch eine andere Frage drängt sich auf: Wie populär wären weitere Milliardenhilfen für Kiew in den USA? Bei den Midterms haben die Wählerinnen und Wähler ein klares Signal ausgesendet: Sie haben genug von den hohen Lebenshaltungskosten und wünschen sich, dass sich die Politik wieder auf die Probleme im eigenen Land fokussiert.

Eine am 23. Oktober veröffentlichte Umfrage von YouGov und des Economist vom 23. Oktober zeigt: 46 Prozent der registrierten Wählerinnen und Wähler in den USA unterstützten die Militärhilfe an die Ukraine. 34 Prozent sprachen sich zu dem Zeitpunkt dagegen aus.

Bemerkenswert: Noch im Juli befürworteten 56 Prozent die militärische Unterstützung der Ukraine, 28 Prozent waren dagegen. Besonders bei Unabhängigen und Republikanern seien die Werte gefallen, schreibt YouGov. Unter der demokratischen Stammwählerschaft blieben die Werte stabil (Juli 70 Prozent, Oktober 69 Prozent Zustimmung).

Bei den Zwischenwahlen vom Dienstag konnte die Demokratische Partei aber auch viele unabhängige und teilweise auch republikanische Stimmen auf sich ziehen. Bei diesem Wählerpotenzial könnten zusätzliche Milliardenausgaben für die Ukraine auf mehr Skepsis stossen.

Fazit: Ein zu starker Fokus auf aussenpolitische Belange könnte den Demokraten schaden – gerade mit Blick auf die Präsidentschaftswahlen in zwei Jahren. Auch dann dürfte es nämlich heissen: «It’s the economy, stupid!» Frei übersetzt: Das Portemonnaie der Wählerinnen und Wähler entscheidet, wer Präsident wird.

Source: SRF · Manuel Imhasly

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