Seit dem 7. Oktober ist das moralische Weltbild der Linken erschreckend einfach geworden: Israel ist für alle Übel der Welt verantwortlich

Weltweit wird die Forderung erhoben: «Free Palestine». Sie ist nichts anderes als eine Chiffre für antisemitische Reflexe. Die Soziologin Eva Illouz fragt, wie es dazu gekommen sei.

Guido Kalberer30.10.2026, 05.30 Uhr

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«Der Zionismus war ein Kampf um Selbstbestimmung und nicht um ökonomische Ausbeutung»: Die Soziologin Eva Illouz analysiert die Wurzeln des neuen Antisemitismus.

«Der Zionismus war ein Kampf um Selbstbestimmung und nicht um ökonomische Ausbeutung»: Die Soziologin Eva Illouz analysiert die Wurzeln des neuen Antisemitismus.

Guy Prives / Getty

In ihrem 2025 erschienenen Essay «Der 8. Oktober» fragt Eva Illouz, wieso es nach der Terrorattacke der Hamas, die über tausend zivile Opfer forderte, kaum Mitleid gegeben habe. Das Ausbleiben dieser allzu menschlichen Gefühlsregung nach einem solchen Massaker war in den Augen der französisch-israelischen Soziologin ein Hinweis auf den nach wie vor verbreiteten Antisemitismus. Solidarisierten sich, um nur ein Beispiel zu nennen, über 600 jüdische Organisationen in Amerika mit den Anliegen der «Black Lives Matter»-Bewegung, so blieben solche symbolischen Gesten aufseiten der schwarzen Community nach dem 7. Oktober 2023 völlig aus.

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Im Gegenteil: Kurz nach den Tötungen, Misshandlungen und Vergewaltigungen israelischer Bürgerinnen und Bürger und vor der militärischen Intervention im Gazastreifen herrschte nicht nur auf den Strassen, sondern auch an vielen geisteswissenschaftlichen Akademien regelrecht Freude über das Blutbad. Weltweit formierte sich eine propalästinensische Bewegung, die das Vorgehen der Hamas als Reaktion auf die Politik Israels unterstützte.

Speerspitze des Westens

Knapp und kompakt hat Illouz ihre Sichtweise in «Der 8. Oktober» dargelegt. Ihr Essay gehörte zum Besseren, was man zum Thema lesen konnte. Anstatt zu einer Welle der Solidarität mit Israel führte das grausame Massaker zu einer Wiederbelebung des jahrhundertealten Antisemitismus. War es die hohe Qualität oder die anspruchsvolle Verdichtung des Büchleins, die Verlag und Autorin dazu bewog, eine erweiterte, ausführlichere Version des Essays unter dem Titel «Über die Ursprünge des neuen Antisemitismus» auf den Markt zu bringen?

Auch wenn der Radius grösser ist, bleiben die Themen und Argumente im Kern gleich. Die propalästinensischen Aktivisten sähen Israel, so Illouz, als Teil des Westens, der für alle Übel dieser Welt verantwortlich gemacht werde: für Kolonialismus, Unterdrückung und Ausbeutung. In ihrem Weltbild, das jeglicher historischer Grundlage entbehrt und fernöstliche Kräfte und Mächte nicht ins Visier nimmt, agiert Israel als Speerspitze des Westens im Nahen Osten. Alles, was sich gegen diesen so identifizierten Aggressor richtet, scheint gerechtfertigt.

Die moralische Aufteilung der Welt, mit der sich vor allem die identitäre Linke die Geschichte zurechtlegt, erkennt auf der bösen Seite die Weissen, Zionisten und Kolonialisten, auf der guten Seite die Schwarzen, Palästinenser und Indigenen. Dabei werde unterschlagen, dass die Juden eigentlich Indigene seien und die Palästinenser eine Zweistaatenlösung wiederholt abgelehnt hätten, schreibt Eva Illouz, die weder das israelische Vorgehen im Gazastreifen verteidigt noch die «Brutalität der israelischen Besatzung der West Bank» verschweigt. Die Ambivalenz historischer Prozesse mit all ihren Tragödien und vertanen Chancen passt nicht in ein moralisches Weltbild.

Zudem war der Zionismus «kein kolonialistisches Unterfangen im selben Sinne, wie es der Kolonialismus der englischen oder spanischen Siedler in Amerika war». Israel, mit Macht und Recht gegründet wie die meisten neuen Staaten im 20. Jahrhundert, war grösstenteils eine Nation von Geflüchteten, die Schutz vor Verfolgung suchten. «Der Zionismus war ein Kampf um Selbstbestimmung und nicht um ökonomische Ausbeutung.»

Ein weiterer blinder Fleck der dekolonialen Ideologie besteht darin, dass sie nur den Westen kritisiert und nicht das Osmanische oder das chinesische Reich. Dass ausgerechnet Israel, der einzige Staat, dem das Existenzrecht immer wieder abgesprochen wird, Zielscheibe dieses antiwestlichen Hasses ist, belegt nach Eva Illouz, dass der alte Antisemitismus in neuer Form wiederauferstanden ist.

Eva Illouz: Über die Ursprünge des neuen Antisemitismus. Mit Amelie Kybart. Aus dem Englischen von Ulrike Bischoff und Michael Bischoff. Suhrkamp-Verlag, Berlin 2026. 279 S., Fr. 34.90

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Source: Neue Zürcher Zeitung · Auswärtige Autoren NZZ

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