Sasha DiGiulian gehört zur Kletter-Weltspitze – und wird trotzdem als «Climbing Barbie» belächelt
Für die Durchsteigung der «Platinum Wall» am El Capitan hing die Amerikanerin 23 Tage in der Wand. Ihre Erfolge vermarktet sie clever, was ihr Kritik in der Szene einbringt. DiGiulian spricht von Sexismus.
23.10.2026, 05.30 Uhr
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Sasha DiGiulian tat sich lange schwer damit, ihren Platz in der Kletterszene zu finden. Heute hat sie die Suche aufgegeben.
Jan Novak / Red Bull Media / Imago
Als Sasha DiGiulian nur noch rund 100 Meter vom Gipfel trennen, bricht der Schneesturm aus. Eisbrocken donnern neben ihrem Wandzelt in die Tiefe. Die durchnässte Kleidung trocknet nur langsam und entzieht ihrem Körper Wärme. Um Trinkwasser zu gewinnen, schmilzt die Kletterin Schnee. Sie isst gefriergetrocknete Nahrung, liest vier E-Books – und wartet.
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Neun Tage harrt sie im Zelt an der Felswand des El Capitan aus. Als sich das Wetter bessert, klettert sie die letzten, schwierigsten Seillängen. Nach 23 Tagen in der Wand kommt sie endlich oben an.
Im November 2025 bezwang DiGiulian am El Capitan die «Platinum Wall»; mit 914 Metern ist sie die längste Route am Monolithen im Yosemite-Nationalpark. Als erste Frau und insgesamt vierter Mensch gelang ihr die freie Begehung. DiGiulian, die Weltmeisterin im Sportklettern von 2011, hat sich heute den grossen Wänden verschrieben.
Die 34-jährige Amerikanerin verkörpert Durchhaltevermögen wie nur wenige. Doch in der Kletterszene nennt man sie «Climbing Barbie».
Der Kletterpartner ist der Held, nicht sie
Mit Designertasche und Matcha Latte in der Hand betritt DiGiulian die Hotellobby in München. Ihre Schultern sind breit, die Fingernägel kurz. Mitte Oktober lief die Premiere des Dok-Films «Bravo Les Filles», der auf der European Outdoor Film Tour gezeigt wird. Der Film erzählt von zwei Generationen von Frauen am Fels. DiGiulian hat ihn initiiert und ist anlässlich der Premiere nach Deutschland gekommen.
Im Gespräch berichtet sie von ihren Erfahrungen als Frau im männerdominierten Klettersport. DiGiulian spricht bestimmt, fast nüchtern. Die Antworten sind flüssig, wirken beinahe einstudiert. Sie hat ihre Geschichte schon oft erzählt. «Während meiner Karriere hat man mich ständig herabgewürdigt, weil ich zu feminin wirkte», sagt sie. «Man sagte: ‹Sie ist dieses süsse blonde Mädchen, sie ist nicht hart genug.›» Noch immer müsse sie darum kämpfen, in der Szene ernst genommen zu werden.
Klettere sie mit einem Mann, gingen viele fälschlicherweise davon aus, dass er die schwierigen Seillängen vorgestiegen sei, sagt sie. Einmal habe ihr ein Kletterpartner erklären wollen, wie man richtig sichere und abseile. Mansplaining gibt es auch am Fels.
DiGiulian ist überzeugt, dass man Routen, die Frauen klettern, später oft abwertet. Sie nennt als Beispiel die Route «Pure Imagination», die sie 2011 bezwang. Der Erstbegeher bewertete sie ursprünglich mit dem Schwierigkeitsgrad 9a; DiGiulian war die dritte Frau, die diesen Schwierigkeitsgrad meisterte. Ein Jahr später kletterte der Tscheche Adam Ondra die Route – und schlug vor, sie auf 8c+ herabzusetzen. Andere Kletterer, die die Route danach bezwangen, stimmten ihm zu.
Im November 2025 kletterte DiGiulian am El Capitan die «Platinum Wall». 23 Tage verbrachte sie in der Wand.
Red Bull Media
Eine unvollendete Wand in Madagaskar
DiGiulian betont, wie wichtig weibliche Erstbegehungen sind: «Damit holen wir unsere Stärke zurück.» Sie selbst hat über 30 davon vorzuweisen. Eine davon steht im Mittelpunkt des Films «Bravo Les Filles».
1999 reisten die Amerikanerinnen Lynn Hill, Nancy Feagin, Kath Pyke und Beth Rodden nach Madagaskar. Am Tsaranoro Kely erschlossen sie eine 600 Meter hohe Route. Damals waren Frauen, die grosse Wände erklommen, eine Seltenheit. Die Route am Tsaranoro Kely war zu diesem Zeitpunkt die schwierigste Big-Wall-Route, die je von einer weiblichen Seilschaft erschlossen worden war. Die Kletterinnen tauften sie «Bravo Les Filles».
Frei klettern konnten die Frauen sie allerdings nicht: Hill stürzte in der Schlüsselpassage ins Seil. 26 Jahre später unternahm DiGiulian gemeinsam mit der Mexikanerin Marianna Ordóñez einen zweiten Versuch.
Lynn Hill, die als erster Mensch «The Nose» am El Capitan frei kletterte, war DiGiulians grosses Vorbild. Ein Poster von ihr hing in ihrem Schlafzimmer. Heute ist Hill eine Freundin, mit der DiGiulian regelmässig klettern geht. Beide wohnen in Colorado in der Stadt Boulder, was übersetzt «Felsbrocken» bedeutet.
«Es ging uns um weit mehr als nur ums Klettern. So viel Frauengeschichte steckt darin», sagt DiGiulian über das Projekt in Madagaskar. Tagelang kämpften sich DiGiulian und Ordóñez durch den Dschungel, um den zugewachsenen Zugang zur Wand zu finden. Sie überprüften die Bohrhaken und tüftelten die einzelnen Kletterpassagen aus. Für die freie Begehung brauchten sie zwei Tage. Eine Nacht verbrachten sie im Hängezelt an der Wand, bevor DiGiulian die Schlüsselpassage meisterte.
Früh verstand sie das Klettern als Geschäftsmodell
DiGiulian will Frauen in ihrer Sportart sichtbarer machen. Ihre Bühne hat sie sich selbst geschaffen. Kletterabenteuer wie das in Madagaskar verwandelt sie in Content in den sozialen Netzwerken: Auf Instagram folgen ihr eine halbe Million Menschen. Nur die slowenische Kletterin und zehnfache Weltmeisterin Janja Garnbret hat da eine grössere Fangemeinde.
DiGiulian entdeckte das Internet früh als ihren Einflussbereich: 2016 beklagte sie sich auf Twitter, dass ein Kletter-Emoji fehle. Das Unternehmen GetEmoji lud sie daraufhin ein, das Emoji mitzugestalten – DiGiulian war dabei.
Sie verstand ihren Sport als Geschäftsmodell, bevor dies viele andere taten. Bereits im Alter von 12 Jahren kümmerte sie sich selbst um Finanzen und Sponsorenverträge. Ihren Eltern wollte sie beweisen, dass Klettern ein ernsthafter Sport ist – «und dass ich es kann», sagte sie einmal. Mit 17 nahm Adidas sie unter Vertrag. Während ihres Studiums verpflichtete Red Bull sie als erste amerikanische Kletterin.
Bis heute ist der Getränkeriese ihr Sponsor. Dafür streckt sie an der Felswand auch einmal eine Dose in die Kamera. Vor einigen Jahren gründete sie ausserdem ihre eigene Firma und vertreibt «Super-Food-Proteinriegel». In Interviews webt sie die Produkte in ihre Lebensgeschichte ein: Sie habe «mehr über Ernährung gelernt und darüber, wie man Kraft aufbaut, für eine lange Karriere trainiert und nicht hungert, um Leistung zu erbringen».
Die umtriebige DiGiulian entspricht nicht dem traditionellen Selbstbild der Kletterszene, die sich lange als konsumkritische, naturverbundene Aussteigerbewegung verstand. Nahe von Washington aufgewachsen, lernte DiGiulian das Klettern in der Halle und entdeckte Big Walls erst spät. Sie liebt Abenteuer, aber auch Mode und Luxus.
Die Getränkedosen stören die Kletterromantik: Red Bull ist DiGiulians langjähriger Sponsor.
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Der aufgeblasene Erfolg an der Eigernordwand
In der Szene wirft man DiGiulian oft ausufernde Selbstvermarktung vor. In sozialen Netzwerken ziehen extreme Inhalte Klicks an – und damit Sponsoren. Das war schon vor elf Jahren so, als DiGiulian ein Video auf Youtube lud, das den Titel «First Female Ascent on North Face of Eiger» trug – die erste Frauenbegehung der Eigernordwand.
DiGiulian, ihr Seilpartner und Adidas bewarben das Vorhaben, die Route «Paciencia» (8a) zu klettern, offensiv. An der Wand wichen sie dann jedoch aufgrund der Bedingungen auf die Route «Magic Mushroom» aus, die ebenfalls noch keine Frau frei durchstiegen hatte, aber leichter war.
In den USA wurde ihr Erfolg medial verfälscht dargestellt. Dabei ging unter, dass die beiden nicht «Paciencia» geklettert waren – und dass Frauen die Nordwand bereits lange zuvor durchstiegen hatten. DiGiulian verzichtete in Interviews darauf, die Berichterstattung zu präzisieren, und machte Aussagen wie: «Es war mein grösster Erfolg als Kletterin.»
Heute würde sie anders handeln, erklärte sie im Dok-Film «Here to Climb». Gleichzeitig räumte sie ein: «Wenn du mit Sport deinen Lebensunterhalt verdienen und mediale Aufmerksamkeit bekommen willst, sagst du nicht Nein.»
Die Kritik aus der Kletterszene richtete sich vor allem an DiGiulian. Ihr Kletterpartner blieb in den Berichten meist unerwähnt. Das Bergsteigermagazin «Bergsteigen» schrieb beispielsweise: «Der Titel ihres jüngsten Youtube-Videos lässt glauben, dass die US-Barbie-Climberin die erste Damenbegehung der berühmtesten Nordwand der Welt gemacht hat. (. . .) Willkommen im Alpinismus des 21. Jahrhunderts!»
In vielem ist DiGiulian ihrer Zeit voraus
Der amerikanische Kletterer Alex Honnold sagte später in «Here to Climb» über DiGiulian: «Ich habe das Gefühl, dass bei allem Grossen, was sie erreicht hat, immer ein seltsamer Vorbehalt mitschwingt. Immer gibt es merkwürdige Gerüchte. Vielleicht ist das Neid. Vielleicht ist es Sexismus.» DiGiulian sagt: «Zu Beginn meiner Karriere habe ich viel Kritik dafür bekommen, dass ich Klettern einem Mainstream-Publikum zugänglich gemacht habe.» Das habe auch daran gelegen, dass sie eine Frau sei, glaubt sie.
Sie verstehe, dass sich traditionelle Kletterkreise gegen die Kommerzialisierung wehrten. Sie spricht von «Gatekeeping»: «Manche halten an dem fest, was Klettern einmal war: eine sehr kleine, isolierte Gruppe von Leuten, die überhaupt Zugang zum Klettersport hatte.»
Doch der Wandel komme, und man müsse ihn annehmen und seinen eigenen Platz darin finden, sagt sie. In vielem, was sie tat, war DiGiulian ihrer Zeit voraus. Mittlerweile sind die meisten, die professionell klettern, in den sozialen Netzwerken aktiv und verdienen dank Sponsoren Geld.
Lange rang Sasha DiGiulian um ihren Platz in der Szene. Oft zweifelte sie daran, ob sie eine «echte Kletterin» sei, wie sie sagt, kämpfte mit Identitätskrisen. «Ich fragte mich: ‹Und wenn ich in keine Schublade passe, wer bin ich dann?›»
Mittlerweile hat sie die Suche aufgegeben. Sie hat verstanden, dass die vermeintlichen Widersprüche für sie keine sind. Ob sie eine «echte Kletterin» ist, entscheidet sich für sie an der Wand.
DiGiulian startete ihre Karriere als Sportkletterin. Heute hat sie sich langen Wänden verschrieben.
Jan Novak / Red Bull Media / Imago
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Source: Neue Zürcher Zeitung · Ines Häfliger
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