In der ehemaligen Villa des Komponisten ist die Zeit stehengeblieben. Nirgends sonst kommt man dem Leben und der komplexen Persönlichkeit von Strauss so nahe. Forschungen bringen jetzt auch neues Licht in dessen späte Jahre in der Schweiz.
Christoph Forsthoff, Garmisch-Partenkirchen07.11.2026, 05.30 Uhr
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Richard und Pauline Strauss mit ihrem Sohn Franz («Bubi») und dessen Erzieherin 1908 in der Villa in Garmisch.
Ullstein
«Wir haben schon mitbekommen, dass wir etwas Besonderes sind – unser Vater hat stets gesagt: Nicht angeben! Und so haben wir nicht allein in der Schule immer tiefgestapelt.» Christine Strauss-Meyerhahn lässt den Blick durch das sonnenbeschienene Lärchenholz-Esszimmer schweifen: In den Schränken Porzellan und Bierkrüge, wunderschöne Fayencen und sakrale Kunst – es hat sich kaum etwas verändert im Speisesaal des prächtigen Anwesens am Ortsrand von Garmisch. Die Zeit scheint hier stehengeblieben zu sein, und das nicht erst, seit die junge Christine mittags nach dem Unterricht gern zum Essen bei der Grossmutter vorbeischaute und voller Übermut das geschwungene Treppengeländer hinunterrutschte.
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«Im Keller gab es eine Wäschemangel, dort haben wir ‹Raumschiff Enterprise› gespielt», erinnert sich Strauss-Meyerhahn und lacht. Wenn das der Schöpfer des «Rosenkavaliers» noch erfahren hätte! Das eindrucksvolle S am Knauf der hölzernen Treppe ist die Signatur des Stararchitekten Emanuel Ritter von Seidl, der mit seinen Bauten nicht nur die Münchner Innenstadt geprägt, sondern auch diese Villa entworfen hat, die 1907/08 erbaut wurde. Der anfängliche Skandal-, dann Welterfolg der 1905 uraufgeführten Oper «Salome» ist in dem Bau gewissermassen zu Stein geworden: Er bescherte Richard Strauss den dazu nötigen Geldsegen.
Noch immer hat es den Anschein, als wäre der Komponist nur eben einmal kurz aus dem Haus gegangen. Denn seine Nachkommen haben das ursprünglich lediglich als Sommerresidenz geplante «Landhaus Garmisch» so erhalten, wie es ihr berühmter Vorfahre und seine Gattin Pauline in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts eingerichtet haben. Man kommt hier der komplexen Persönlichkeit von Richard Strauss (1864–1949), die bis heute Rätsel aufwirft, so nah wie nirgends sonst.
«Gute Servietten»
Zumindest erkennt man ihn in vielen Details. Da ist der eigens fürs Kartenspiel vorgesehene Erker: Strauss war ein leidenschaftlicher Skatspieler – die einzige Zeit, in der er nicht an Musik dachte. Da ist das Original-Arbeitszimmer in Kirschholz mit Ruheliege, massangefertigtem Stutzflügel der Marke Ibach, Schränken mit zahllosen Kästchen und Schubladen und nicht zuletzt mit jener abgewetzten Stelle im Lederbezug des Schreibtisches – der Ort, wo Strauss beim Schreiben seiner riesigen Partituren die linke Hand abstützte.
In seinem Schlaf- und Sterbezimmer steht noch immer die hübsch bemalte Holztruhe, in der lange die Urnen des Ehepaares aufbewahrt wurden. Und ja, selbst die alte Tischwäsche für die Mahlzeiten – «dafür kam die Familie in gepflegtem Outfit mit Sakko und Krawatte zusammen», erzählt die Urenkelin – liegt noch akkurat gebügelt in den Regalen, fein säuberlich geordnet und versehen mit handschriftlichen Zetteln der ehemaligen Hausherrin: «Gute Servietten», «kleine Deckchen (einfache)» und so weiter.
Die Villa von Richard Strauss in Garmisch auf einer zeitgenössischen Fotografie.
Ullstein
Eine Verpflichtung bis heute: Pauline de Ahna, Tochter eines bayrischen Generals und eine gefeierte Sängerin, hatte sich nach dem Heiratsantrag ihres vormaligen Lehrers und der Geburt des gemeinsamen Sohnes Franz fast ganz auf die Rolle der treuen Gefährtin und Hausfrau zurückgezogen; ihre Spuren hat sie vor allem in der überordentlichen Haushaltsführung hinterlassen. Und doch blieb sie «die einzige Person, die Richard Strauss auf Augenhöhe begegnet ist», wie Dominik Šedivý betont. «Sie war eine kongeniale künstlerische Instanz für ihn.» Der 48 Jahre alte Musikwissenschafter leitet seit 2018 das Richard-Strauss-Institut (RSI) in Garmisch-Partenkirchen, das nur ein paar hundert Meter entfernt vom Wohnhaus des Komponisten in einer Jugendstilvilla liegt.
Vor allem sei Strauss’ Ehefrau eine «kantige Persönlichkeit» gewesen, die alle Besucher erst einmal angeherrscht habe, doch bitte ja die schmutzigen Schuhe auszuziehen – «ein gesellschaftlicher Habitus, der noch aus dem Monarchischen herrührte». Gäste sassen beim Essen stets zur Linken des Hausherrn, die Gattin zur Rechten, wenn in vorgewärmten Schüsseln – «für das Geschirr gab es extra einen Backofen» – das Essen serviert wurde.
Eine Tischkultur, die von den Nachfahren hier bis heute gepflegt wird. Zu besonderen Anlässen und Jahrestagen kommen die Strauss-Erben nämlich noch immer in der Zoeppritzstrasse zusammen. Und im Gespräch mit der Urenkelin wird auch spürbar, welche Bedeutung die Familiengeschichte selbst noch für die Nachkommen der vierten Generation hat. Rund 95 Prozent des Nachlasses werden nach wie vor in Garmisch und im Familienbesitz bewahrt. Die Kehrseite ist, dass die so authentisch bewahrten Räume für die Öffentlichkeit in der Regel nicht zugänglich sind.
Komponierte Autobiografie
Stattdessen wird man auf die Ausstellungsräume im RSI verwiesen. Und auch dort gibt es einiges aus dem Privatleben von Strauss zu sehen: etwa seine charakteristisch dünnen Taktstöcke, mit denen er zum Stardirigenten seiner Zeit wurde; Bühnenbilder seiner Opern und sogar Alltägliches wie Hausrock, Reisekoffer und Kaffeeservice. Obendrein geben zahllose Fotos Einblicke in die üppige Einrichtung der Strauss-Villa – von der gesammelten barocken Kirchenkunst des bekennenden Agnostikers Strauss über alpenländische Sammelstücke seiner Frau, die Flohmärkte liebte, bis hin zu Bildern des Komponisten beim Rodeln, Schlittschuhfahren und auf einer Schlittelpartie am Riessersee.
Dass ihn seine Nachmittagsausflüge sogar ins traditionsreiche, 1892 vom «Rieserthoma-Sepp» alias Josef Buchwieser eröffnete «Landhaus Riessersee» geführt haben, wird zwar in der mündlichen Lokalhistorie bis heute kolportiert. Und angesichts der traumhaften Lage des heutigen «Hotels und Kurhauses» samt Blick auf das Wettersteinmassiv wäre es auch gut nachvollziehbar. Aber: «Es fehlen uns exakte Daten bezüglich einer Häufigkeit von Besuchen oder konkreter Orte – und wir wissen auch nichts über spezielle Präferenzen», konstatiert Šedivý nüchtern. Es wäre ja auch zu schön, wenn man von einem womöglich dort erlebten Sonnenaufgang unmittelbar auf die entsprechende musikalische Schilderung in der imposanten «Alpensinfonie» schliessen könnte. Oder vom Blick auf das Wettersteingebirge oder von den Eislaufszenen am Riessersee auf die erste Szene seiner Oper «Intermezzo».
Dass Richard Strauss seine Musik zu einer klingenden Autobiografie gemacht hat, ist indes unstrittig. Und so ist es immer wieder ebendieses unmittelbare Vor-Ort-Erlebnis, das für viele Strauss-Interessierte die Faszination eines Besuchs am Originalschauplatz ausmacht. «Mittags hat Grossmama Pauline ihn rausgejagt, er musste eine Dreiviertelstunde im Garten spazieren gehen, nach dem Mittagessen hat er eine halbe Stunde geschlafen, dann wieder bis halb sieben Schreibtisch, nochmals Spazierengehen, dann Abendbrot», so erinnerte sich sein Lieblingsenkel Christian in Anatol Regniers Buch «Wir Nachgeborenen – Kinder berühmter Eltern». «Einmal pro Woche hat er Freunde eingeladen oder ist nach Oberammergau zum Skat gefahren.» Ausgedehnte Spaziergänge im Garten, die möglich geworden waren, da der Hausherr im Laufe der Jahre immer mehr Grundstücke um die Villa dazugekauft hatte. Strauss suchte und brauchte die Ruhe der Abgeschiedenheit am Ortsrand.
Rätsel um die Schweizer Jahre
Ebendiese persönlichen Seiten sind es, die einem hier in Garmisch den Menschen näherbringen. Darauf baut Šedivý auch bei den hier alljährlich im Sommer veranstalteten Richard-Strauss-Tagen. Nach einem Rückgang der Besucherzahlen hat der RSI-Chef 2020 die künstlerische Leitung des Festivals übernommen und setzt seither nicht zuletzt auf Vermittlungsformate, bei denen es bewusst «menschelt»: Musikwanderungen auf den Spuren des Namensgebers, «Essen wie Strauss» mit einem musikalisch-anekdotisch gewürzten Vier-Gänge-Menu in der Tradition der Hausherrin Pauline, aber auch ein «Kulturfrühstück» rund um das heikle Thema «Die Olympischen Spiele 1936 und Richard Strauss».
Trotz einer gewissen Abneigung gegen sportliche Aktivitäten – «Skifahren ist eine Beschäftigung von norwegischen Landbriefträgern!» – unterbrach Strauss seinerzeit die Arbeit an seiner Oper «Die schweigsame Frau» (nach einem Libretto von Stefan Zweig), um eine «Olympiahymne für die Proleten» zu komponieren. Gemeint waren die Machthaber des NS-Staates, die die Spiele in Berlin als Propagandaschau missbrauchen und sich mit dem Weltruhm des Komponisten schmücken wollten. Der Dünkel hielt den damals 70-Jährigen indes nicht davon ab, die Hymne bei der Eröffnungsfeier in Anwesenheit aller Grössen des «Dritten Reichs» auch selbst zu dirigieren. Ein «Beispiel für seine absichtsvollen Ambivalenzen» nennt das Šedivý.
Im Rahmen der Forschungen am RSI kommt es immer wieder zu Entdeckungen und zu neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen, die im besten Fall sogar dafür sorgen können, dass ein Kapitel der Strauss-Geschichte «neu geschrieben» werden muss, wie es Laurenz Lütteken ausdrückt, der Direktor des Musikwissenschaftlichen Instituts an der Universität Zürich und Strauss-Experte. Konkret geht es derzeit namentlich um die vier Schweizer Jahre von Richard Strauss nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs.
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Die Garmischer Villa beherbergte auch die Barock-Sammlung des Ehepaars Strauss. Wie selbstverständlich erwartete der universal gebildete und belesene Richard Strauss (rechts mit einem seiner beiden Enkel), dass sich auch die nachkommende Generation für das kulturelle Erbe begeisterte.
In Deutschland waren damals dessen Vermögen und sämtliche Tantiemenkonten gesperrt. In den eigenen vier Wänden sorgte überdies der «vollständige Mangel an Koks» für eine kalte Villa. Und nicht zuletzt drohte ihm wegen seiner Rolle als erster Präsident der «Reichsmusikkammer», einer staatlich gelenkten Organisation zur Überwachung, Steuerung und Zensur des gesamten Musiklebens im NS-Staat, ein langwieriges Entnazifizierungsverfahren. Eine denkbar schlechte Ausgangslage für die geplante Übersiedlung in eidgenössische Gefilde. «Strauss war seinen Status los und ist wie ein Bittsteller umhergereist», erklärt Lütteken.
Im Nachlass eines Schweizer Bankiers sind nun Niederschriften und Unterlagen von Strauss’ letztem Rechtsanwalt aufgetaucht, deren Inhalte Ausgangspunkt für eine musik- und rechtswissenschaftliche Doppelpromotion von Giulio Francesco Biaggini sind. Das Projekt verspricht Aufschluss über die vielen offenen Fragen rund um Strauss’ späte Jahre in der Schweiz. Und ohne den Forschungen im Detail vorgreifen zu wollen, stellt Lütteken fest: «Er ist mit der Realität nicht fertiggeworden – der grosse Richard Strauss zerfällt, seine ganze späte Existenz war ein Zusammenbruch auf allen Ebenen.»
In Garmisch ist von all dem noch wenig zu erfahren. Vorerst erinnert man sich unter dem Label «Wo Strauss daheim war» oder in Veranstaltungen wie «Klassik unter Berggipfeln» lieber an den Glanz jener mondänen Epoche, als die Zoeppritzstrasse Treffpunkt der europäischen Kulturszene war und Grössen wie Hugo von Hofmannsthal und Stefan Zweig, die Sängerin Lotte Lehmann, Dirigenten wie Fritz Busch und Karl Böhm oder der Maler Max Liebermann hier ein und aus gingen.
Und so gibt es im Kaffeehaus Krönner, in dessen eleganten Sesseln schon das Ehepaar Strauss Platz nahm, weiterhin Arabella-Törtchen und Rosenkavalier-Schokolade. Gern schmunzeln die Besucher dabei über die besagten Anekdoten des Lieblingsenkels Christian, dessen Grossvater ihm Operngeschichten statt Märchen erzählte und wie selbstverständlich erwartete, dass sich der Nachwuchs ebenso für Homer begeistere wie er selbst. Der steckte die Nase allerdings lieber in die Abenteuerromane Karl Mays.
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Source: Neue Zürcher Zeitung · Auswärtige Autoren NZZ
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