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Russlands Armee lernt in der Ukraine schneller, als sie sich verändern kann
Moskau muss seine Streitkräfte an eine neue Form der Kriegsführung anpassen. Doch technologischer Fortschritt trifft auf alte militärische Strukturen. Was bedeutet das für Russlands künftige Kampfkraft – und wie stellt sich die Nato darauf ein?
02.11.2026, 05.30 Uhr
6 Leseminuten
Zaun an der Grenze zu Russland in Nuijamaa, Finnland, im Mai 2025.
Leonhard Foeger / Reuters
Rund 1350 Kilometer zieht sich die Grenze zwischen Finnland und Russland durch Wälder, entlang von Seen und dünn besiedelten Landschaften. Seit Finnlands Nato-Beitritt im April 2023 ist sie die längste Landesgrenze eines Mitgliedstaats mit Russland.
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Seit mehr als vier Jahren führt das Regime in Moskau einen Krieg, der die militärischen Kräfteverhältnisse in Europa verändert. Welche Armee wird Russland daraus hervorbringen? Eine geschwächte Streitmacht, deren Verluste in der Ukraine auf Jahre hin nicht zu ersetzen sein werden? Oder einen militärischen Gegner für die Nato, der aus seinen Niederlagen und Erfahrungen gelernt hat und künftig gefährlicher ist als vor dem Überfall auf die Ukraine?
Finnland beschäftigt sich mit diesen Fragen besonders intensiv. Die Verteidigungsuniversität in Helsinki veröffentlichte jetzt einen Bericht, in dem sich internationale Fachleute aus Militär und Wissenschaft mit Russlands Rüstungsindustrie, seiner Armee, den Erfahrungen auf dem ukrainischen Gefechtsfeld und der Veränderung seiner Militärdoktrin befasst haben.
Uneinigkeit auch bei russischen Militärtheoretikern
Dafür haben sie auch russische Veröffentlichungen und Fachaufsätze ausgewertet. Eine der bemerkenswertesten Erkenntnisse lautet: Selbst russische Militärtheoretiker sind sich keineswegs einig, welche Lehren aus dem Krieg zu ziehen sind. Das zeigt sich an den unterschiedlichen Positionen des früheren russischen Generalstabschefs Juri Balujewski und des pensionierten Obersten Sergei Suworow, die in der Studie unter anderem behandelt werden. Beide haben sich mit der Frage befasst, welche Rolle der Kampfpanzer künftig noch spielen soll.
Balujewski sieht in der weitgehenden Transparenz des Gefechtsfelds durch Drohnen, Satelliten und vernetzte Aufklärung einen grundlegenden Wandel der Kriegsführung. Suworow dagegen, so ist der finnischen Studie zu entnehmen, hält den Bedeutungsverlust des Panzers für vorübergehend. Neue Abwehrtechnologien könnten mechanisierten Verbänden seiner Ansicht nach wieder grössere Bewegungsfreiheit verschaffen.
Diese Kontroverse findet seit Jahren auch unter westlichen Militärfachleuten statt. Dahinter steht eine Frage, die weit über den Panzer hinausreicht: Kann eine Armee unter den Bedingungen des heutigen Gefechtsfelds überhaupt noch einen Bewegungskrieg führen?
Der Krieg in der Ukraine hat gezeigt, wie schwierig Operationen geworden sind. Auf einem Gefechtsfeld, das von immer mehr Drohnen und anderen Sensoren überwacht wird, lassen sich grössere Truppenbewegungen häufig schon frühzeitig entdecken und bekämpfen. Angriffe können so zum Scheitern gebracht werden, bevor sie begonnen haben.
Ein russischer Kampfpanzer im Grenzgebiet zur Ukraine zwei Tage vor dem Überfall auf das Nachbarland.
Alexander Ermochenko / Reuters
Die Rüstungsindustrie erweist sich als anpassungsfähig
Seit dem Überfall auf das Nachbarland im Februar 2022 haben die russischen Streitkräfte gewaltige Mengen an Militärgerät verloren. Auch die massiven Verluste an Soldaten und qualifizierten Offizieren belasten die Armee. Die russische Rüstungsindustrie versucht, den Verschleiss durch Produktion neuer Waffen, durch Reparaturen und durch den Einsatz älterer Waffensysteme, insbesondere Panzer, auszugleichen.
Doch die klassischen Waffensysteme spielen im Krieg in der Ukraine immer weniger eine Rolle. Ihre operationelle Bedeutung wurde von neuen Waffensystemen verdrängt. Dazu gehören vor allem Drohnen und Systeme zur elektronischen Kriegsführung.
Hier hat sich die russische Rüstungsindustrie als anpassungsfähig erwiesen. Sie reagiert damit auch auf ukrainische Entwicklungen und erzielt teilweise technische Vorteile, etwa bei Drohnen mit Jetantrieb.
Zudem lernte Russlands Armee, ihre Stellungen und Waffen gegen Drohnen zu schützen, Kommandoposten und Munitionslager zu verbergen und Ziele schneller aufzuspüren und zu bekämpfen. Diese Entwicklungen zeigen einen Widerspruch auf, der den Krieg in der Ukraine kennzeichnet: Eine Armee kann materiell geschwächt sein und dennoch in bestimmten Bereichen leistungsfähiger werden.
Die Geschwindigkeit entscheidet
Russland setzt zum Beispiel immer mehr Drohnen ein. Das ist das eine. Das andere ist, was mit den Informationen geschieht, die diese Drohnen liefern. Die Koordinaten einer entdeckten gegnerischen Stellung müssen schnell an die Einheit gelangen, die das Ziel am besten bekämpfen kann. Das kann eine Artilleriebatterie sein, ein Lenkwaffensystem oder eine weitere Drohne. Je kürzer die Zeit zwischen Aufklärung und Angriff, desto schwieriger wird es für den Gegner, sich dem Schlag zu entziehen.
Diese sogenannte Sensor-to-Shooter-Kette, also die Verbindung zwischen Aufklärung und Waffenwirkung, haben sowohl Russland als auch die Ukraine in den vergangenen Jahren erheblich verbessert. In der russischen Militärdoktrin spielt die konzentrierte Feuerwirkung seit je eine zentrale Rolle. Die Russen modernisierten in der Ukraine also ein altes Prinzip mit den Mitteln des Drohnenzeitalters.
Strassenszene in Moskau: Eine Fussgängerin läuft im September 2026 an einem Schaufenster vorbei, in dem sich ein Werbeplakat für die russische Armee spiegelt.
Ramil Sitdikov / Reuters
Russlands Armee hat nach wie vor erhebliche Defizite
Doch Russlands Armee weist nach wie vor erhebliche Defizite auf. Erfolgreiche Sensor-to-Shooter-Ketten an einzelnen Frontabschnitten machen noch keine moderne Streitmacht. Zwischen taktischer Anpassung und dem Umbau der Armee liegt ein beträchtlicher Unterschied.
Dafür braucht Russland Führungssysteme, die Informationen zuverlässig verarbeiten, entscheidungsfähige Kommandanten und entsprechend ausgebildete Soldaten. Hier stösst die Armee auf alte Probleme: hierarchische Führung, wenig Eigeninitiative und eine Rüstungsindustrie, die zugleich den Krieg versorgen und neue Technologien entwickeln soll.
Dass Russland durchaus in der Lage ist, neue Technologien rasch weiterzuentwickeln, zeigt sich bei seinen jetgetriebenen Geran-Drohnen. Die jüngste Version der Geran-4 verfügt nach Angaben des ukrainischen Militärgeheimdienstes über zusätzliche Navigationssysteme und einen neuartigen Gefechtskopf. Auch das bislang aus China bezogene Strahltriebwerk wurde laut den Angaben durch eine russische Entwicklung ersetzt. Solche Fortschritte zeigen die Anpassungsfähigkeit der Rüstungsindustrie. Sie bedeuten allerdings nicht, dass sich die gesamte Armee im gleichen Tempo modernisieren lässt.
Panzer, Artillerie und mechanisierte Infanterie werden auch künftig zum Kern der russischen Landstreitkräfte gehören. Doch ihr Einsatz dürfte sich verändern. Kleinere, stärker verteilte Verbände könnten umfassender durch Drohnen aufgeklärt und mit elektronischen Abwehrsystemen geschützt werden. Zugleich dürften weit reichende Präzisionswaffen und unbemannte Systeme bedeutsamer werden, um gegnerische Reserven, Führungsstellen und Nachschubwege bereits weit hinter der Front zu bekämpfen.
Die Nato lernt ebenfalls
Auch die Nato zieht Lehren aus dem Krieg in der Ukraine. Sie muss sich auf eine russische Armee vorbereiten, die gegnerische Truppen womöglich schneller aufspüren und über grössere Entfernungen bekämpfen kann. In einem Krieg genügt es nicht, russische Panzer an der Grenze aufzuhalten. Nato-Truppen müssten sich bewegen und sammeln können, ohne frühzeitig aufgeklärt und bekämpft zu werden.
Deshalb setzt die Nato auf eine stärkere Flug- und Raketenabwehr. Gleichzeitig sollen weit reichende Präzisionswaffen die Fähigkeit schaffen, russische Angriffssysteme selbst zu bekämpfen. Nur immer neue anfliegende Drohnen und Raketen abzuwehren, kann nicht allein das Prinzip der Verteidigung sein. So viele Lenkwaffen, wie dafür benötigt werden, kann die Allianz nicht vorhalten und wohl auch kaum in der nötigen Geschwindigkeit produzieren.
Eine Caesar-Haubitze der französischen Armee feuert während eines Militärmanövers in Finnland eine Artilleriesalve ab.
Leon Neal / Getty
Grosse Lücken bei Präzisionswaffen
Doch die Lücken der Nato sind gross. Das zeigt sich bei den weit reichenden Präzisionswaffen. Im Juli vereinbarten sechs Mitgliedstaaten, gemeinsam bodengestützte Systeme für Angriffe auf grosse Entfernungen zu entwickeln. Deutschland verfolgt mit anderen europäischen Partnern ähnliche Vorhaben. Bis daraus einsatzbereite Waffen in ausreichender Zahl entstehen, werden Jahre vergehen.
Berlin plant deshalb mit amerikanischen Tomahawk-Marschflugkörpern und Typhon-Abschusssystemen. Doch die USA haben im Krieg gegen Iran erhebliche Mengen an Lenkwaffen verbraucht. Wann Deutschland daher die Systeme erhält, ist offen.
Was bedeutet das alles für einen möglichen Angriff Russlands auf die Nato? Die militärische Konkurrenz der beiden Seiten lässt sich nicht auf einen Wettlauf um mehr Panzer, Drohnen und Raketen reduzieren. Entscheidend ist, wer Aufklärung und Feuerkraft besser vernetzt und seine Truppen auch unter Beschuss einsatzfähig hält.
Russland besitzt den Vorteil unmittelbarer Kriegserfahrung. Die Nato verfügt über erheblich grössere wirtschaftliche und technologische Ressourcen. Doch daraus lässt sich noch nicht ableiten, welche Seite ihre Streitkräfte schneller und erfolgreicher an die Veränderungen der Kriegsführung anpassen wird. Zumal Russland bei der Entwicklung und der Produktion neuer Waffen weiterhin auf Unterstützung aus dem Ausland wie China und Nordkorea zurückgreifen kann.
Für Finnland ist das ein konkretes Problem. An seiner rund 1350 Kilometer langen Grenze muss sich das Land gemeinsam mit der Nato auf einen Gegner vorbereiten, der aus dem Krieg gegen die Ukraine geschwächt, in einzelnen Fähigkeiten aber gestärkt hervorgehen könnte.
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Source: Neue Zürcher Zeitung · Marco Seliger
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