Rosmarie Michel schaffte es in der Schweizer Wirtschaft an die Spitze. Feministin wollte sie nie sein. Sie sagte: «Nicht jammern. Einfach machen»
Die Grande Dame der Zürcher Wirtschaftselite ist 95-jährig verstorben. Ein Nachruf.
05.11.2026, 05.00 Uhr
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Rosmarie Michel in ihrem Büro im Zürcher Niederdorf, Sommer 2026.
Karin Hofer / NZZ
Diesen Sommer gab Rosmarie Michel der NZZ ein Interview. Sie empfing in ihrem Haus eingangs des Niederdorfs, direkt neben der Polybahn, in dem sie praktisch ihr ganzes Leben verbracht hatte. Michel, damals kurz vor ihrem 95. Geburtstag, brauchte einen Gehstock. Aber das hielt sie nicht davon ab, in der freien Hand ein Tablett mit zwei Tassen heissem Kaffee zu balancieren.
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Während des Interviews – es ging um den Frauenstreik – war Michel hellwach. Sie war freundlich, machte aber auch deutlich, wenn ihr eine Frage nicht gefiel. Zum Beispiel die Frage danach, ob sie je diskriminiert worden sei. Sie antwortete: «Nicht jammern. Einfach machen. Just do it. Wir haben doch so viele Möglichkeiten.»
Rosmarie Michel war die erste Frau, die im Verwaltungsrat der Credit Suisse sass. Sie wurde zur Vorkämpferin für Frauen in der Schweizer Wirtschaftswelt. Grosses Aufhebens mochte sie darum nicht machen. Als Feministin bezeichnete sie sich nie: Sie fand, das klinge zu sehr nach Sonderzug für Frauen.
Über ihre Karriere sagte sie einmal: «Meine beiden Grossmütter waren Unternehmerinnen. Das war für mich total selbstverständlich und brauchte weder Mut noch Kampf.»
Als Verwaltungsratspräsidentin des Zürcher Frauenvereins begleitet Michel zahlreiche Umbauten, unter anderem des Restaurants «Olivenbaum» in Zürich. Aufgenommen im Mai 1989.
Keystone
Kaninchen in den Hinterhöfen, Prostituierte in den Gassen
Michel, geboren 1931, war ein Kind des Niederdorfs. In den Erzählungen aus ihrer Kindheit gab es Kaninchen und Hühner, die man damals noch in den Hinterhöfen hielt. Aber auch Prostituierte in den Gassen – und in den Spelunken Emigranten aus dem vom Krieg umtobten Europa.
Es war eine eng vernetzte Nachbarschaft, eine Umgebung, in der sie lernte, die Menschen zu nehmen, wie sie sind. Und in der sie ihr Kommunikationstalent schärfte, das ihr später als Geschäftsfrau half.
Vater und Mutter waren beide berufstätig. Der Vater führte das Zunfthaus zum Rüden, die Mutter die Confiserie Schurter. Die Confiserie, gegründet 1869, lag im Erdgeschoss des Elternhauses, der über 500-jährigen Liegenschaft «Zur Sempacher Hellebarde». Am Sonntag, wenn die Kirchgänger ihr Dessert abholten, hielt die Tochter ihnen die Türe auf und sagte: «Danke.»
Machen, was ansteht. Nicht jammern. Freundlich sein. Das eigene Geld verdienen. Damals saugte sie diese Werte auf. Vom «realistischen Zürisinn» sprach sie stets gerne.
Sie beklagte, dass dieser leider mehr und mehr verlorengehe. Noch im Juni enervierte sie sich darüber, dass der linksdominierte Stadtrat aus dem Mühlesteg über die Limmat eine Velobrücke machen wolle: Das sei unpassend, Velowege gebe es schon genug. Die Brücke hatte einst das Gewerbe im Niederdorf bezahlt und der Stadt geschenkt.
Rosmarie Michel verbrachte nur zweimal längere Zeit ausserhalb ihrer Heimatstadt: als sie an der Hotelfachschule in Lausanne studierte und als sie in London im berühmten Hotel Dorchester in die Lehre ging. Von dort kehrte sie früher als geplant zurück, weil der Vater erkrankt war. 1956 übernahm sie das elterliche Geschäft.
Die Confiserie war der Anker ihres Lebens. Dank ihrem eigenen Betrieb wurde Michel zur respektierten Geschäftsfrau, die für immer neue und höhere Aufgaben angefragt wurde. 1979, mit 48 Jahren, wurde sie Verwaltungsratspräsidentin des Zürcher Frauenvereins, eines grossen Gastrounternehmens.
Die Wahl zur Präsidentin fiel auf sie, weil man ihr zutraute, die Gastbetriebe des Frauenvereins wieder auf Kurs zu bringen. Sie verantwortete die Gesamterneuerung mehrerer Häuser, darunter jenes des Hotels Zürichberg. Bis 2001 blieb sie beim Frauenverein. An ihn verkaufte sie 2006 die Confiserie Schurter. Es gibt sie noch immer.
Michel sass bei vielen Schweizer Firmen wie Goldbach Media oder Valora im Verwaltungsrat. Das Engagement bei der Schweizerischen Kreditanstalt, der späteren Credit Suisse, sticht heraus. Dort war sie von 1991 bis 2000 die erste Verwaltungsrätin überhaupt.
Rosmarie Michel an ihrem Arbeitstisch, 1980.
Keystone
Der Aufsatz, in dem sie ihr Leben vorhersah
Als Primarschulkind schrieb Michel einst einen Aufsatz dazu, wie sie sich ihre Zukunft vorstelle. Sie beschrieb zwei Varianten: Entweder werde sie Mutter von einem Dutzend Kindern. Oder sie werde Unternehmerin. Sie wurde Letzteres.
Geheiratet hat Rosmarie Michel nie. Vor einigen Jahren sagte sie dazu: «Man kann nicht alles haben im Leben. Aber ich eigne mich ganz schlecht dazu, einfach dazusitzen und zu finden, ich sei ein erbarmungswürdiges Wesen.» Sie lebe glücklich in einem Clan, der ständig «Kleinkinder, Mittelkinder und Grosseltern» produziere.
Ihr Leben widmete sie der Frauenförderung, besonders in wirtschaftlichen Belangen. Als Vizepräsidentin einer Nonprofitorganisation unterstützte sie Frauen in Entwicklungsländern mit Mikrokrediten. Michel ging persönlich vorbei, fuhr alleine im Auto durch indische Städte. Vor Ort tauschte sie sich mit den Frauen aus. Diesen traute sie mehr zu als den Männern.
In den achtziger Jahren wurde sie Weltpräsidentin der International Federation of Business and Professional Women. Und bot dem grossen Ronald Reagan Paroli, als dieser an einer Gala in Washington eine Bemerkung machte, die andere als sexistisch bezeichnen würden: dass die Frauen schon damals im Urwald das Feuer gemacht hätten, während die Männer sich den Lianen entlang gehangelt hätten. Sie fand das schlicht kindisch und sagte das dem amerikanischen Präsidenten auch. Der habe Einsicht gezeigt, erzählte sie später.
Mitfahren verboten
In der Schweiz wirkte sie für viele Frauen als Mentorin. Beim Zürcher Ableger der Business and Professional Women war sie eine prägende Figur. Anfang September besuchte sie ihre letzte Sitzung.
Sie wollte unabhängig bleiben, auch im Alter. Sie fuhr Auto bis an ihr Lebensende – wenn sie zuletzt auch darauf verzichtete, Mitfahrerinnen mitzunehmen: Das könne sie nicht mehr verantworten.
Im September erkrankte Rosmarie Michel. Sie liess sich zu Hause pflegen. Ins Spital wollte sie nicht. Sie blieb dort, wo sie sich geborgen fühlte, in ihrem Elternhaus im Niederdorf. Am 23. Oktober ist sie nach kurzer Leidenszeit verstorben.
Bis zuletzt wollte sie unabhängig bleiben. Auto fuhr sie auch noch 95-jährig – allerdings ohne Beifahrer: Das könne sie nicht mehr verantworten, sagte sie.
Karin Hofer / NZZ
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Source: Neue Zürcher Zeitung · Michael von Ledebur
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