Rachmaninow-Trilogie in Zürich: Aus drei mach eins – und noch etwas mehr

Das Opernhaus zeigt ab Sonntag alle Bühnenwerke von Sergei Rachmaninow an einem Abend. Für Zürichs Generalmusikdirektor Gianandrea Noseda liegt der Reiz dieser Trilogie, die so noch nie in der Schweiz zu sehen war, gerade in der Verbindung der Stücke.

30.10.2026, 05.30 Uhr

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Der gebürtige Mailänder Gianandrea Noseda ist seit 2021 Generalmusikdirektor der Oper Zürich. Hier leitet er eine Orchesterprobe an der Scala, Februar 2024.

Der gebürtige Mailänder Gianandrea Noseda ist seit 2021 Generalmusikdirektor der Oper Zürich. Hier leitet er eine Orchesterprobe an der Scala, Februar 2024.

Antonio Calanni / AP

Zürichs Generalmusikdirektor wirkt entspannt. Bloss erscheint dieser Zustand bei ihm wie ein Widerspruch in sich. Denn Gianandrea Noseda, der 2021 die musikalische Gesamtleitung des Opernhauses von Fabio Luisi übernommen hat, ist normalerweise ein Feuerkopf: impulsiv, quirlig, ständig in Bewegung – am Dirigentenpult ohnehin, aber ebenso im persönlichen Gespräch. Doch an diesem Vormittag in seinem Büro im Opernhaus ist er die Ruhe selbst: Nichts deutet darauf hin, dass ihm am Sonntag die anspruchsvollste Premiere der noch jungen Spielzeit 2026/27 bevorsteht.

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Auf Wagners Tetralogie «Der Ring des Nibelungen», mit deren profilierter, leidenschaftlicher Deutung Noseda während der Jahre 2022 bis 2024 international für Aufsehen sorgte, soll nämlich ein weiterer Opernzyklus folgen. Der hat zwar nicht die Dimensionen des «Rings» – statt vier sind es nur drei Werke, und die bilden zusammen einen klassischen Opernabend von gut dreistündiger Dauer. Ihre Koppelung aber und die Stücke selbst sind aussergewöhnlich.

Zwei von ihnen sind noch nie in der Schweiz gezeigt worden. Und auf die Idee, alle vollendeten Bühnenwerke von Sergei Rachmaninow in einer Produktion zusammenzubringen, ist man überhaupt erst zweimal gekommen: das erste Mal vor elf Jahren an der Opéra La Monnaie in Brüssel und letztmals 2022 bei einer halbszenischen Aufführung in Boston.

Elementare menschliche Gefühle

Noseda, der diese Idee nun in Zürich aufgegriffen und gemeinsam mit dem Regisseur Dmitri Tcherniakov entwickelt hat, kann nach den zurückliegenden Proben kaum mehr verstehen, dass die Möglichkeit einer zyklischen Aufführung so selten genutzt wird. «Im Musiktheater sind mehrteilige Abende gängig und beliebt», sagt er und verweist auf die sogenannten Verismo-Zwillinge, die oft im Doppelpack gezeigten Opern «Cavalleria rusticana» und «I Pagliacci» von Pietro Mascagni und Ruggero Leoncavallo.

Das direkte Vorbild für den Rachmaninow-Zyklus ist aber «Il Trittico» von Giacomo Puccini. In dessen origineller Verschmelzung von drei Einaktern zu einem Triptychon entstehen zwischen den scheinbar völlig gegensätzlichen Stücken (einem Opern-Thriller, einem Klosterdrama und einer rabenschwarzen Erbschleicher-Komödie) geheimnisvolle Kriechströme, die einen übergreifenden Zusammenhang herstellen. Ähnliches erhofft sich Noseda von der Verbindung der drei Rachmaninow-Einakter, auch wenn diese unabhängig voneinander komponiert wurden und nie als Trilogie gedacht waren.

Der kluge Satz des Aristoteles, wonach das Ganze immer mehr sei als die Summe seiner Teile, soll sich also auch bei der Zürcher Produktion bewahrheiten. Die Regie von Tcherniakov – so viel immerhin verrät Noseda – helfe dabei konzeptionell ein wenig nach: indem sie die drei Stücke als Fallstudien über elementare Gefühle, menschliche Obsessionen und Urängste deute.

Wer sich mit den Handlungen vertraut macht, ahnt, wie das gemeint sein mag. «Aleko», das eröffnende Stück nach einem Gedicht von Puschkin, ist ein Drama über Eifersucht. «Der geizige Ritter», ebenfalls nach Puschkin, ist eine bitterböse Charakterstudie über Habgier und Misstrauen. Und «Francesca da Rimini» nach einer Episode aus dem «Inferno» von Dantes «Göttlicher Komödie», die auch von Rachmaninows Förderer Peter Tschaikowsky vertont wurde, ist eine endzeitliche Parabel über Liebe und tödliche Schuld.

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Wie aber fügen sich der 1892 als Studienabschluss komponierte «Aleko» und die beiden 1904 und 1905 parallel entstandenen Stücke musikalisch zueinander? Für Noseda liegt ein besonderer Reiz der Trilogie gerade in der Stilvielfalt: «In ‹Aleko› hört man Rachmaninows Vertrautheit mit den Opern von Verdi, die früh ihren Weg nach Russland gefunden hatten. Im ‹Geizigen Ritter› vertont er Puschkins Text Silbe für Silbe, als dramatischen Sprechgesang, der nur durch sinfonische Zwischenspiele strukturiert wird.» Der kompositorische Höhepunkt sei indes «Francesca da Rimini». Hier setze Rachmaninow in einer emotionsgeladenen Musiksprache Mittel ein – beispielsweise einen unheimlich summenden Chor ohne Text für die Geister der Hölle –, die es in dieser Kühnheit selten gebe.

Ein zerrissener Mensch

Ist Rachmaninow als Opernkomponist also vollkommen verkannt? Immerhin gehört keines seiner Bühnenwerke zum Kanon, während er mit seinen Klavierkonzerten und einigen Orchesterstücken fest im Konzertrepertoire verankert ist. «Wir erleben gerade einen Wandel, was das Bild dieses Komponisten angeht», meint Noseda. «Rachmaninow wird seit einigen Jahren viel intensiver, weniger voreingenommen und vor allem auch breiter rezipiert. Es muss nicht immer das 2. Klavierkonzert sein.»

Die Erfahrung, dass sich das Publikum inzwischen auch auf weniger eingängige Werke einlasse, etwa auf die späte, in Hertenstein bei Luzern entstandene 3. Sinfonie, habe er schon im Gedenkjahr 2023 gemacht: bei einer gemeinsam mit Paavo Järvi und der Tonhalle veranstalteten Rachmaninow-Reihe. In deren Rahmen hatten die beiden Dirigenten auch das Orchester des jeweils anderen geleitet (das Konzept soll ab November mit Werken von Prokofjew fortgeführt werden). Ein vergleichbares Interesse an einem facettenreicheren Bild des Komponisten konnte man bereits am Lucerne Festival beobachten, wo der Chefdirigent Riccardo Chailly sogar eine mehrjährige Rachmaninow-Werkschau präsentiert hat.

Trifft dessen Musik womöglich einen Nerv in unserer verunsicherten Zeit? Ein bisschen Herzschmerz-Romantik zur Beruhigung aufgewühlter Seelen? Noseda lacht. «Über dieses Klischee sind wir hoffentlich hinweg. Richtig ist daran nur: Rachmaninow war kein Neutöner, er bleibt mit seinem Schaffen im 19. Jahrhundert verwurzelt. Aber er war auch kein Reaktionär, er reflektiert all das Neue, das im 20. Jahrhundert während seines ruhelosen Lebens im Exil auf ihn einstürzt. Man kann sagen, er war zerrissen zwischen einer mächtigen Vergangenheit, die nicht endgültig vergangen war, und einer Zukunft, die ihn gleichzeitig befremdet und fasziniert hat.» Ist das nicht auch die Beschreibung eines sehr heutigen Lebensgefühls? Noseda nickt. «Vielleicht ist uns die Musik deshalb so nah.»

Rachmaninow-Trilogie: Schweizer Erstaufführung am 1. November, sechs weitere Aufführungen bis 28. November, Opernhaus Zürich.

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Source: Neue Zürcher Zeitung · Christian Wildhagen

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