«Puh, Problempony» – können wir eine politische Haltung von der Stirn ablesen?
Ein kurzer Pony gilt manchen als Erkennungszeichen linker Frauen. Ist da etwas dran, oder ist das an den Haaren herbeigezogen?
27.10.2026, 07.26 Uhr
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Die Berliner Linke-Politikerin Elif Eralp verdeckt mit dem Pony ihre hohe Stirn.
Wolodimir Sindieiew / Imago
Die Berliner Linken-Spitzenkandidatin Elif Eralp hat eine Erklärung für ihren Pony. Sie findet ihre Stirn relativ hoch und sich selbst mit Haaren darüber schöner. Schon als Kind habe sie die Frisur getragen, erzählt die Berliner Linken-Politikerin im Funke-Podcast «Meine schwerste Entscheidung». Ob dahinter inzwischen auch ein politisches Statement stecke, wollen die Moderatoren wissen. Eralp verneint eine bewusste Absicht. Manchmal schneide sie den Pony selbst.
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So harmlos könnte es sein. Aber wenn eine Frau Politik macht, wird ihr Haar selten einfach als Frisur wahrgenommen. Es muss etwas bedeuten. Nähe oder Distanz zum Establishment, Radikalität oder Gefallsucht. Bei einem kurzen Pony scheint für viele die Sache besonders klar: links, feministisch, kompromisslos, «Emanze» halt.
Heidi Reichinnek und Elif Eralp, beide links, beide mit Pony.
Der Verdacht ist älter als die jüngste Aufmerksamkeit für Eralps Frisur. Schon im Mai 2024 erschien in der «Welt» ein Meinungsartikel mit dem Titel «Je kürzer der Pony, desto krasser die Haltung». Die Autorin diagnostiziert darin den kurzen Pony als äusseres Merkmal linker Aktivistinnen und ihrer vermeintlichen Probleme. Die Kurzpony-Trägerinnen müssen gar nichts sagen. Ihre Stirnfransen haben sie bereits verraten.
Die so Etikettierten spielen inzwischen selbst mit dem Klischee. Als die Grünen-Politikerin Ricarda Lang Ende letzten Jahres auf Instagram ihre Rückkehr zum Pony präsentierte, kommentierte Heidi Reichinnek, Fraktionschefin der Linken im Bundestag: «Puh, Problempony – schwierig!» Von einer Ponyträgerin zur anderen war dies eine ironische Antwort auf die Vorstellung, mit den Stirnfransen gleich eine politische Diagnose stellen zu können.
Glatze, Irokesenschnitt, Hippiemähne
Auch der Fall von Caroline Wahl zeigt, wie schnell die Frisur zum Urteil über eine ganze Person wird. In der Debatte über ihren schriftstellerischen Erfolg und ihr selbstbewusstes Auftreten geriet der kurze Pony der Autorin gleich mit ins Visier. Wahl hielt bei einem Auftritt im September 2025 dagegen: «Lest doch mal den Text, anstatt mit einem Massband meinen Pony zu messen!» Aber natürlich ist eine Frisur schneller und leichter beurteilt als ein Buch.
Autorin Caroline Wahl: «Lest doch mal den Text, anstatt mit einem Massband meinen Pony zu messen!»
Jürgen Kessler / Imago
Dass Frisuren politisch sein können, ist allerdings keine Erfindung heutiger Kulturkämpfe. Die Glatze war einst Schreckbild des Neonazis, der Irokesenschnitt das Erkennungszeichen des Punks. Und auch langes Haar wird politisch gelesen. Teilnehmer der Bewegung gegen den Vietnamkrieg liessen sich die Haare lang wachsen, auch als Zeichen gegen den kurzen Haarschnitt der dort kämpfenden amerikanischen Soldaten. Die aufwendig gestylten Mähnen prominenter Frauen aus Trumps Umfeld gelten als Teil einer demonstrativen Weiblichkeit, die mit konservativen Rollenbildern verbunden wird.
Erwartungen an die Weiblichkeit
Als Frauen sich im frühen 20. Jahrhundert ihre langen Haare abschneiden liessen, verletzten sie damit Erwartungen an Weiblichkeit. Der Bubikopf der 1920er Jahre gehörte zum Erscheinungsbild einer neuen Frau, die sich freier bewegen wollte. Doch die Botschaft war nicht eindeutig. So trug Audrey Hepburn kurze Stirnfransen, ebenso das Pin-up-Model Bettie Page.
Audrey Hepburn im Jahr 1954. Im Zweiten Weltkrieg half sie dem niederländischen Widerstand, als Schauspielerin in den USA hielt sie sich aus der Politik heraus. Einen Pony trug sie trotzdem.
mptv.net/Imago
Auch das jetzige Comeback kurzer Ponys auf roten Teppichen, wie es das Magazin «Allure» kürzlich feststellte und dabei insbesondere Dakota Johnson und Zendaya pries, passt schlecht zur Vorstellung einer Frisur, die eine eindeutige politische Haltung verrät.
Die amerikanische Schauspielerin Dakota Johnson trägt einen Pony.
Ron Adar / Sopa Images / Imago
Die Häme über den Problempony erinnert an ein älteres Muster. Mit dem Wort Emanze wurden Frauen ab den 1970er Jahren als unweiblich und unattraktiv abgewertet. Zwar zielte der Begriff nicht auf eine bestimmte Frisur. Doch die Parallelen liegen im Umgang mit Frauen: Deren Forderungen werden mit Urteilen darüber verknüpft, wie vermeintlich attraktiv oder auch nicht sie sind. Wenn Frauen gesellschaftliche Erwartungen infrage stellen, bekommen sie zunächst einmal erklärt, was am eigenen Aussehen angeblich nicht stimmt.
Elif Eralp jedenfalls findet sich mit Pony einfach schöner. Was wir einer Frau so bereitwillig von der Stirn ablesen wollen, ist am Ende oft unsere eigene Projektion.
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Source: Neue Zürcher Zeitung
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