Pro Artikel

PTSD-Wahl: Die Israeli gehen traumatisiert an die Urnen. Wie beeinflusst das ihren Entscheid?

Ein Drittel der israelischen Bevölkerung kämpft mit Traumafolgestörungen nach dem Terroranschlag der Hamas im Jahr 2023. Der Umgang mit dieser Angst bestimmt den Ausgang dieser Wahl.

Petra Ramsauer25.10.2026, 05.30 Uhr

5 Leseminuten


Eine Frau trauert um die Opfer des Terroranschlags vom 7. Oktober 2023.

Eine Frau trauert um die Opfer des Terroranschlags vom 7. Oktober 2023.

Shir Torem / Reuters

Zwei Dinge sind nötig, damit der Heilungsprozess bei einem psychischen Trauma beginnen kann. Das Gefühl, geschützt zu sein, und die Überzeugung, dass die Gefahr vorbei ist. Beides gibt es nicht in Israel. Ausser man konzentriert sich auf das Jetzt, auf einen einzigen Moment. Die Traumatherapeutin Cathy Lawi versucht betroffenen Menschen genau das zu erklären. Der Patient müsse verstehen, dass er in exakt diesem Augenblick sicher sei und dass er sich damit begnügen müsse. «Das ist eine Strategie, um der Überforderung unseres Nervensystems entgegenzuwirken.»

Optimieren Sie Ihre Browsereinstellungen

NZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.

Bitte passen Sie die Einstellungen an.

Wie kann man in diesem fast permanenten Gefühl der Bedrohung über die Zukunft nachdenken? Wie einen Wahlentscheid treffen? Am 27. Oktober gehen die Israeli an die Urne und stimmen über das Schicksal ihres Landes ab.

Cathy Lawi gründete die Organisation Emotion Aid, die erste Hilfe für Menschen in psychischen Krisen bietet. Institutionen, die solche Hilfsangebote anbieten, werden in Israel derzeit regelrecht gestürmt. Ein Drittel der Bevölkerung leidet an klassischen Traumafolgestörungen. Ein lauter Knall, ein Telefonanruf zu später Stunde lösen Flashbacks und Panik aus. Schlafstörungen grassieren, selbst schwere psychiatrische Erkrankungen nehmen zu.

Alles begann am 7. Oktober

All dies sind in erster Linie Folgen des Terrorangriffs der Hamas am 7. Oktober 2023, der 1200 Menschen das Leben gekostet hat. Für viele Israeli fühlt es sich so an, als wäre dieser Tag nie zu Ende gegangen.

In diesem Zustand gehen sie am nächsten Dienstag zur Knesset-Wahl. Ihr Wahlentscheid wird vor allem von etwas getragen sein: Angst. Der routinierte amerikanische Sondergesandte Dennis Ross spricht gar von einer PTSD-Wahl, mit dem Akronym meint er die posttraumatische Belastungsstörung (auf Englisch: post-traumatic stress disorder). «Die Menschen in dem Land sind von einem tiefen Gefühl der Bedrohung geprägt, sie sind derzeit kaum in der Lage, etwas anderes zu spüren als ihren eigenen Schmerz», so lautet seine Analyse.

Adina und Shira Perez trauern mit ihrem Vater Doron bei der Beerdigung ihres Bruders Daniel, der am 7. Oktober von der Hamas getötet worden ist.

Adina und Shira Perez trauern mit ihrem Vater Doron bei der Beerdigung ihres Bruders Daniel, der am 7. Oktober von der Hamas getötet worden ist.

Ronen Zvulun / Reuters

Umfragen belegen, dass der 7. Oktober bei zwei Dritteln der Menschen die Wahlentscheidung beeinflussen wird. Aussergewöhnlich hoch ist der Wert bei jenen, die sich als «säkular» definieren: 80 Prozent aus dieser Gruppe wählt basierend auf den Erfahrungen dieses Terrorangriffs. Ihr Schock ist mehrfach: Schutzlos sahen sie sich dem Terror ausgesetzt, dann erlebten sie, wie sich die Identität ihres Landes unter Benjamin Netanyahus nationalreligiöser Koalition radikal veränderte.

«Alles dreht sich um die Folgen dieses Tages», sagt die Meinungsforscherin Tamar Hermann, die diese Daten erhoben hat: «Das bedeutet aber nicht, dass alle zu dem gleichen Schluss kommen», räumt sie ein: «Deshalb ist das nicht zwingend eine schlechte Nachricht für Netanyahu. Die zentrale Folge ist, dass sich die Lager für ihn und gegen ihn verhärtet haben.»

Diese Polarisierung ordnet die Therapeutin Lawi als eindeutiges Symptom eines kollektiven Traumas in dem Land ein. «Die Komplexität auf eine schwarz-weisse Erzählung zu reduzieren, also entweder für Netanyahu oder gegen ihn zu sein, ist ein Versuch, die Kontrolle zurückzubekommen und die Welt so überschaubar wie möglich zu gestalten», sagt sie. «Es ist eine Wahl im Schatten des Traumas», so erwartet Lawi.

Israel wird wohl einen Politiker wählen, dem sie zutrauen, sie zu schützen, einen Mr. Security. Wird es weiterhin Benjamin Netanyahu sein? Oder doch der ehemalige General Gadi Eisenkot?

Der Ausgang gilt als historische Weichenstellung für die Identität des Landes und die Zukunft der gesamten Region. 6,7 Millionen Menschen sind wahlberechtigt, davon ein Fünftel palästinensische Israeli.

Auf diesem Duell liegt der Fokus der Wahl: Benjamin Netanyahu oder Gadi Eisenkot?

Auf diesem Duell liegt der Fokus der Wahl: Benjamin Netanyahu oder Gadi Eisenkot?

David Goldman / AP

Als Favorit kristallisierte sich der 66-jährige ehemalige Armeechef Gadi Eisenkot heraus. «Israels Sicherheit ist meine lebenslange Mission», bekräftigt der Elitesoldat, der seinen jüngsten Sohn und einen Neffen im Gaza-Krieg verloren hat. Erst vor einem Jahr hat er seine Partei Yashar, «gerade, ehrlich» übersetzt, gegründet, liegt aber an der Spitze aller Meinungsumfragen. Auch die Mitte-rechts-Allianz um seine Partei ist mit bis zu 55 Mandaten Tage vor der Wahl führend.

Dem 66-Jährigen traut man gemäss den Umfragen eher zu, die Kriege, die Israel führt, zu Ende zu bringen. Netanyahu hat dagegen nur vom endgültigen Sieg geredet, aber dieses Versprechen nicht eingehalten. Eisenkot traut man auch zu, dass er anders als Netanyahu eine Untersuchungskommission einrichtet, in der aufgearbeitet wird, wer für das Versagen der Sicherheitskräfte am 7. Oktober 2023 verantwortlich war.

Netanyahu verstärkt das Trauma

Für eine Regierungsmehrheit braucht er 61 Mandate, was er wahrscheinlich nur mit Stimmen der arabischen Parteien schaffen würde: etwas, das er ausgeschlossen hat, wie auch eine Zweistaatenlösung.

Netanyahu versuchte im Wahlkampf den Wählern weiszumachen, dass die Opposition einen palästinensischen Staat ermöglichen werde, von dem aus es immer wieder Angriffe wie jene vom 7. Oktober 2023 geben werde. Ilai Saltzman, Professor für Israel-Studien an der Universität Maryland, erklärt: «Netanyahus Botschaft lautet wie folgt: Wenn ich Geschichte sein werde, seid ihr es auch! Dann werden die Hamas einen Staat und Iran eine Atomwaffe haben und euch zerstören.»

Benjamin Netanyahu ist mittlerweile der am längsten amtierende Ministerpräsident Israels.

Benjamin Netanyahu ist mittlerweile der am längsten amtierende Ministerpräsident Israels.

Debbie Hill / EPA

Saltzman forscht vorrangig zum Zusammenspiel von Psychologie und Politik, und er betont, dass der Langzeitregierungschef die grassierende Panik im Land politisch nutzt. «Netanyahu verstärkt das Trauma», sagt er.

Auch versuche er, sein Image eines obersten Kriegschefs zu polieren. So behauptete er, er werde aus Israel ein Sparta machen und mit purer Härte für Sicherheit sorgen. Vor allem in Iran: Er kündigt an, dass seine Armee das Regime bald wieder angreifen und stürzen wird.

Doch dafür fehlt dem Land zunehmend die psychische Kraft. Seit 2023 ist die Zahl der Fälle von posttraumatischen Belastungssyndromen unter Armeeangehörigen um 40 Prozent gestiegen. 279 Armeeangehörige versuchten nach einem Einsatz in Gaza, sich das Leben zu nehmen, ein Dutzend starb dabei. Diese fürchterlichen persönlichen Tragödien sind auch Indikatoren für eine tiefe, historische Krise. Sie werde nicht schlagartig mit dem Ende Netanyahus gelöst, sagt die renommierte Journalistin Dahlia Scheindlin: «Unsere Gesellschaft kann sich von dem Trauma nur lösen und neue Wege einschlagen, wenn die nächste Regierung auch bereit ist, mit seiner Politik zu brechen.»

Passend zum Artikel

Source: Neue Zürcher Zeitung · Petra Ramsauer

At a glance

Topic
World
Country
🇨🇭 CH
Publisher language
DE
Added to Allnira