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Proteste in Frankreich: Le Pen gewinnt in den Umfragen, Mélenchon stagniert, doch er verfolgt eine ganz andere Strategie

Der bis heute grösste Verlierer der Proteste ist die Mitte. Mélenchon spielt derweil Weimar: Er versucht, die moderate Linke zu zerschlagen, um ins Duell mit Le Pen zu ziehen. Seine Anhänger fanatisiert er mit dem Heraufbeschwören der «faschistischen» Gefahr.

27.10.2026, 05.30 Uhr

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Marine Le Pen spricht am 25. Oktober in Orléans nach dem Parteitag des Rassemblement national zum Auftakt ihres Präsidentschaftswahlkampfs.

Marine Le Pen spricht am 25. Oktober in Orléans nach dem Parteitag des Rassemblement national zum Auftakt ihres Präsidentschaftswahlkampfs.

Stephanie Lecocq / Reuters

Wer profitiert am meisten von den Unruhen in Frankreich? Die Antwort scheint auf den ersten Blick klar: Marine Le Pen vom rechtsnationalen Rassemblement national (RN). In den jüngsten Umfragen zu den Präsidentschaftswahlen liegt sie mit etwa 33 Prozent deutlich vorne und konnte leicht zulegen, während Jean-Luc Mélenchon von der linksradikalen La France insoumise (LFI) bei 19 Prozent stagniert. Die 58-jährige Politikerin hat Rückenwind: Am RN-Parteitag in Orléans startete sie am 25. Oktober ihren Wahlkampf – ausgerechnet in jener Stadt, in der die Nationalheldin Jeanne d’Arc vor knapp 600 Jahren einen historischen Sieg über die Engländer feierte.

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Haben sich die Proteste, die derzeit Frankreich erschüttern und die von der LFI unterstützt werden, für den Linkspopulisten also gar nicht ausgezahlt? Nein, denn Mélenchon verfolgt ein anderes Ziel: Er möchte seine Konkurrenten um den zweiten Platz bei den Präsidentschaftswahlen im April 2027 abschütteln und sich den Weg ins direkte Duell mit Marine Le Pen sichern. Dass Le Pen durch die Proteste gestärkt wird, kommt ihm entgegen: Die Linkspopulisten profitieren von der Polarisierung.

Mélenchon ist ein gebranntes Kind: Bei den Präsidentschaftswahlen 2022 fehlten ihm nur rund 420 000 Stimmen, um in die Stichwahl gegen Emmanuel Macron einzuziehen. Stattdessen holte Marine Le Pen die zweitmeisten Stimmen. Dasselbe soll ihm nicht noch einmal passieren. Seit dem Bruch mit den Sozialisten versteht sich Mélenchon als linker Populist. Das sagen nicht seine Gegner, sondern das sagt er selbst. In einem Interview 2018 kritisierte er die linke Ablehnung des Populismus und nannte Hugo Chávez als sein Vorbild.

Bisher ging die Strategie für Mélenchon auf. Fast alle Umfragen zeigen ihn an zweiter Stelle hinter Le Pen. Der Linkspopulist tut alles dafür, damit es so bleibt.

Mélenchon profitiert von der Schwäche der Mitte

Beim Kampf um den zweiten Platz sind Mélenchons grösste Konkurrenten der Mitte-Kandidat Édouard Philippe von der Partei Horizons und der moderate Sozialist Raphaël Glucksmann. Die Mitte ist bis heute der grösste Verlierer der Protestwelle. Philippe verlor seit September mehrere Prozentpunkte und liegt nun bei etwa 16 Prozent.

Jean-Luc Mélenchon, Chef von La France insoumise und Präsidentschaftskandidat für 2027, nimmt am 24. Oktober in Paris mit dem Abgeordneten Manuel Bompard an einer Gewerkschaftsdemonstration teil.

Jean-Luc Mélenchon, Chef von La France insoumise und Präsidentschaftskandidat für 2027, nimmt am 24. Oktober in Paris mit dem Abgeordneten Manuel Bompard an einer Gewerkschaftsdemonstration teil.

Abdul Saboor / Reuters

Die Unruhen verstärken den Ruf nach einem harten Durchgreifen. Solche Massnahmen traut man der Rechtsnationalistin Le Pen eher zu als der Mitte. Die Mittepolitik sieht sich in Frankreich zudem durch die schlechte Bilanz der Regierung Macron in Verruf.

Für Mélenchon sind die Schwäche der Mitte und das Erstarken von Le Pen ein Geschenk. Beständig warnt er vor der Gefahr eines neuen Faschismus und vor Rassismus, obwohl das Bespielen antijüdischer Ressentiments fester Teil seiner Rhetorik ist. Als die Regierung linksextremen Gruppen jüngst vorwarf, das Land bis zur Präsidentschaftswahl ins Chaos stürzen zu wollen, entgegnete Mélenchon, die Gefahr für die Wahlen gehe nicht von ihnen aus, sondern von Netanyahu.

Das Heraufbeschwören der «faschistischen» Gefahr fanatisiert Mélenchons Anhänger und lässt sie von der Revolution träumen. Laut dem Enthüllungsbuch «La Meute» soll Mélenchon gesagt haben: «Vielleicht habe ich schon verloren, aber ich will der Held der Revolte gegen Marine Le Pen sein.»

Kampf gegen die Sozialdemokraten

Dann ist da noch Raphaël Glucksmann. Der gemässigte Politiker gewann die Vorwahl der Sozialisten – unter anderem mit dem Versprechen, keine gemeinsame Sache mit dem Linkspopulisten Mélenchon zu machen. Zurzeit liegt er in Umfragen bei 13 bis 16 Prozent, nur knapp hinter Mélenchon.

LFI beansprucht die Führungsrolle in der französischen Linken. Mélenchon tut deshalb alles dafür, Glucksmann zu dämonisieren und aus der Bewegung auszuschliessen. Mehrmals wurde er von Linksradikalen und LFI-Anhängern angegriffen. Von den gegenwärtigen Protesten hält sich Glucksmann fern – wohl auch aus berechtigter Angst vor physischen Konfrontationen. Das Vorgehen der LFI erinnert an jenes der Kommunisten in der Weimarer Republik gegen die Sozialdemokraten: Der Gegner in der Zukunft ist zwar Le Pens RN, aber der gegenwärtige Gegner ist primär die gemässigte Linke.

Bisher ist die Ausschlussstrategie der LFI aber nur bedingt aufgegangen. Glucksmann hält sich in den Umfragen stabil. Viele seiner Anhänger verabscheuen Mélenchon, und eine klare Mehrheit möchte ihm keinesfalls ihre Stimme geben, selbst im Duell mit Le Pen.

Strategie der Konfrontation

Sollte es zum Duell gegen Le Pen kommen, hofft Mélenchon natürlich darauf, auch die gemässigten Linken hinter sich zu vereinigen. Doch für das Aufgehen seiner Strategie braucht er ihre Stimmen nicht.

Selbst wenn Mélenchons Strategie aufgeht und er im Frühling in die Stichwahl einzieht, weiss er wohl selbst, dass er im direkten Duell mit Le Pen kaum Chancen hat. Seine Perspektive ist langfristiger. Mélenchon hat bereits die nächsten Parlamentswahlen im Visier und möchte der Anführer einer neuen Volksbewegung werden.

Viel Zeit bleibt ihm für die Umsetzung seiner Pläne möglicherweise aber nicht mehr. Er ist mit bereits 75 Jahren deutlich älter als die meisten seiner Anhänger. Die Saat werden wohl andere ernten.

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Source: Neue Zürcher Zeitung · Daniel Rickenbacher

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