Oscar-Anwärter von Martin McDonagh: Zynismus, bis das Militär putscht
Mit «Brügge sehen . . . und sterben?!» gelang Martin McDonagh eine legendäre Tragikomödie. In seinem neuen Film lässt er zwei abgehalfterte CIA-Agenten über die Osterinsel kurz vor Pinochets Machtergreifung wüten. Ein klarer Oscar-Anwärter.
Jens Balkenborg08.11.2026, 05.30 Uhr
3 Leseminuten
Ihnen gehen auf der Osterinsel die Pferde durch: das CIA-Duo Chris (John Malkovich) und Lee (Sam Rockwell) in «Wild Horse Nine».
Diego Araya Corvalán / keystone-sda.ch
Was, bitte schön, soll Käsekultur mit Homosexualität zu tun haben? Wenn man Chris (John Malkovich) in Martin McDonaghs Tragikomödie «Wild Horse Nine» glaubt, besteht da ein ganz unmittelbarer Zusammenhang: Je mehr guter Käse, desto schwuler sei ein Land. Holland! Und die Schweiz erst! Ja, ne, ist klar, der alte CIA-Hase erzählt neben heftigen Wahrheiten eben auch viel Quatsch.
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McDonagh siedelt seinen neuen Film 1973 an, kurz vor dem Militärputsch in Chile gegen den sozialistischen Präsidenten Salvador Allende. Wie die Geschichte weiss, nahm sich Allende das Leben, und es folgte eine Junta unter dem Diktator Augusto Pinochet. Vor diesem Hintergrund also reist Chris mit seinem Kollegen und Freund Lee (Sam Rockwell) auf die Osterinsel – eine letzte Reise, denn Ersterer leidet unter Gedächtnisproblemen und ist, wie wir nach und nach erfahren, todkrank.
Sehr erfolgreich hat sich McDonagh einen Platz mit seinem eigenen Sound erarbeitet. Zimperlich oder politisch korrekt geht es bei ihm nie zu, sein Kino ist vieles auf einmal: komisch, tragisch, melancholisch, brutal, teilweise zynisch und zugleich durch und durch menschlich. In «Three Billboards Outside Ebbing, Missouri» erzählte er von einer Frau, die sich, nachdem die Vergewaltiger ihrer Tochter nicht gefasst worden waren, mit der rassistischen Polizei des Provinzkaffs anlegt. Und in «The Banshees of Inisherin» verarbeitete er den irischen Bürgerkrieg in einer tragikomischen Geschichte über zwei Freunde, von denen einer die Freundschaft aufkündigt.
Mit «Wild Horse Nine» schliesst sich nun ein Kreis zu seinem Debüt «Brügge sehen . . . und sterben?!». Waren es dort zwei Gangster, von denen der eine den anderen nach einem misslungenen Auftrag in der belgischen Kleinstadt erschiessen soll, so sind es in «Wild Horse Nine» zwei CIA-Agenten. Wobei der Kranke hier immer vergisst, dass er von seinem jüngeren Freund erschossen werden will – eine ähnliche Konstellation also und dennoch ein völlig anderer Film.
Im Nacken sitzt den beiden Freunden der Südamerika-Chef MJ (herrlich verschroben: Steve Buscemi). Der hat wahnsinnige Angst davor, dass Chris seine angekündigten Memoiren schreibt. Bei all den CIA-Geheimnissen, die dieser mit sich herumträgt . . . Es wird sogar angedeutet, er wisse Genaueres über die Ermordung John F. Kennedys.
Zudem geht der redselige Zyniker mit seinen Geheimnissen alles andere als vertraulich um. Am Flughafen verrät er der linken Studentin Monica (Mariana di Girolamo), dass er und sein Kumpel von der CIA seien, und erzählt von den amerikanischen Bestrebungen, «die Demokratie in Chile zu destabilisieren» – Lee versucht das wegzulachen. Später zeichnet Chris voraus, was tatsächlich Brutales in dem südamerikanischen Land passieren wird. Die historischen Ereignisse thematisiert «Wild Horse Nine» als grausames kapitalistisches Kalkül der USA.
Einmal mehr zeigt sich McDonagh als König der traurigen Komödie: Schenkelklopfer-Dialoge «on point» und zarte Endlichkeitsmelancholie verschränken sich vor historischem Hintergrund und den berühmten «big heads» der Osterinsel. Sam Rockwell und John Malkovich sind das Kumpelpaar des Kinojahres – Letzterer wurde, völlig zu Recht, nach der Premiere am Filmfest in Venedig mit dem Darstellerpreis ausgezeichnet. Ganz sicher wird «Wild Horse Nine» in der Award-Season bis hin zu den Oscars eine Rolle spielen.
★★★★★ Wild Horse Nine. USA 2026, 117 Min. Ab 12. November im Kino.
Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»
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Source: Neue Zürcher Zeitung · Jens Balkenborg
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