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«NZZ-Podium» zu Starlink Wars: «Von da oben sieht man keine Grenzen. Man sieht nur Kontinente»

Satelliten sind für moderne Gesellschaften unverzichtbar. Doch sie werden immer mehr zu einem strategischen Schwachpunkt. Darüber hat das Podium diskutiert.

Nadine Gerber

23.10.2026, 13.22 Uhr

4 Leseminuten


Der Moderator Daniel Fritzsche und seine Gäste: Clémence Poirier, Andrea Rotter, Britta Simon und Ulrich Walter (von links).

Der Moderator Daniel Fritzsche und seine Gäste: Clémence Poirier, Andrea Rotter, Britta Simon und Ulrich Walter (von links).

NZZ

Die Abhängigkeit von privaten Anbietern und die Gefahr einer militärischen Eskalation stellen die Politik punkto Weltraumkrieg vor neue Fragen. Zum Thema «Starlink Wars – Geopolitik im Weltraum» haben am Donnerstag bei «NZZ Podium» Andrea Rotter, Expertin für Aussen- und Sicherheitspolitik am Hanns-Seidel-Institut in München, Ulrich Walter, Physiker und Wissenschaftsastronaut, Clémence Poirier, Senior Cyber Defense Researcher an der ETH Zürich, und Britta Simon, Finanzanalystin bei Julius Bär, diskutiert. Moderiert hat das Podium Daniel Fritzsche, Ressortleiter bei der NZZ.

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Als Ulrich Walter 1993 mit dem Space Shuttle Columbia ins All flog, sah er eine friedlich wirkende Erde. Er sagte: «Von da oben sieht man diese Grenzen nicht». Aus dem All seien weder die Grenzen zwischen Frankreich und Deutschland noch jene zwischen Russland und anderen Staaten zu erkennen. «Man sieht nur Kontinente. Und Meer.» Walter habe sich damals gefragt, weshalb Menschen überhaupt Krieg führten.

Heute ist der Weltraum vom Ort wissenschaftlicher Forschung zum geopolitischen Machtfaktor geworden. Satelliten ermöglichen Kommunikation, Navigation und Erdbeobachtung und bilden eine Grundlage militärischer Operationen.

Weltraum als potenziell umkämpfter Raum

Wie real diese Gefahr ist, zeigte sich im Februar 2022. Kurz vor dem russischen Angriff auf die Ukraine wurde das Satellitennetzwerk Viasat Ziel eines Cyberangriffs. Die Kommunikationsverbindungen in der Ukraine wurden beeinträchtigt. Die Auswirkungen – insbesondere auf Windkraftanlagen – seien in Deutschland spürbar gewesen, erzählte Andrea Rotter. Deren Fernüberwachung sei teilweise auf Satellitenverbindungen angewiesen.

Der Vorfall zeigte, dass Angriffe auf Weltrauminfrastruktur weit über den Orbit hinauswirken. Auch die Zerstörung eines russischen Satelliten, bei der Tausende von Trümmerteilen entstanden, verdeutlichte die Risiken: Weltraumschrott gefährdet sämtliche Betreiber.

Der Weltraum müsse als potenziell umkämpfter Raum gelten, sagte Rotter weiter. Das bedeute nicht, dass dort permanent Krieg herrsche. Störungen und mögliche Angriffe seien aber keine blossen Zukunftsszenarien mehr. Der Ukraine-Krieg zeige, wie Satelliten Aufklärung und militärische Koordination ermöglichten. Zusammen mit Präzisionswaffen und unbemannten Systemen veränderten sie die Kriegsführung.

Ohne Satelliten geht nichts mehr

Satelliten sind auch im Alltag unverzichtbar: Sie unterstützen Navigation und Wetterberichte, synchronisieren Kommunikations- und Finanzsysteme und helfen, Klimaveränderungen sowie Naturkatastrophen zu beobachten. Je grösser die Abhängigkeit, desto grösser die Verwundbarkeit, so Andrea Rotter.

Clémence Poirier warnt davor, Europas Abhängigkeit von amerikanischen Anbietern zu unterschätzen. Europa verfüge über eigene Kompetenzen und Systeme, darunter das Satellitennavigationssystem Galileo sowie Kommunikations- und Erdbeobachtungskapazitäten. Diese seien jedoch nicht in allen Bereichen mit den amerikanischen Fähigkeiten vergleichbar. Kritisch sei die Abhängigkeit bei militärischen Schlüsseltechnologien wie der Frühwarnung vor Raketenangriffen. Europa müsse solche Lücken schliessen, um in einer Krise eigenständiger handeln zu können.

Daniel Fritzsche und Clémence Poirier.

Daniel Fritzsche und Clémence Poirier.

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Starlink: Staatliche Kompetenzen plötzlich privat

Wie wichtig private Anbieter in diesem Bereich geworden sind, zeigt Starlink von Elon Musks Unternehmen SpaceX. Die Ukraine konnte mit dem Satellitennetzwerk ihre Kommunikationsmöglichkeiten aufrechterhalten, auch als andere Verbindungen ausfielen oder beeinträchtigt wurden. Kommerzielle Unternehmen übernehmen damit Funktionen, die früher Staaten vorbehalten waren.

Doch wie verlässlich ist eine strategisch wichtige Infrastruktur, wenn sie von einem privaten Unternehmen kontrolliert wird? Clémence Poirier wies auf die Abhängigkeit von kommerziellen Weltraumdiensten hin. Im Fall der Ukraine sei unklar gewesen, ob Einschränkungen von Starlink auf SpaceX oder auf die US-Regierung zurückzuführen seien. Der Fall verdeutliche, dass die Verfügbarkeit strategisch wichtiger Infrastruktur nicht allein von technischen Voraussetzungen abhänge, sondern auch von unternehmerischen Entscheidungen und politischen Interessen.

USA voraus dank hohen Budgets

Der Aufbau militärischer Weltrauminfrastruktur ist teuer und braucht die Zusammenarbeit vieler Staaten. Zwischen politischen Beschlüssen und einsatzfähigen Systemen liegt eine zeitliche Lücke. In den USA fördert der Staat kommerzielle Anbieter und nutzt ihre Leistungen militärisch. Die Finanzanalystin Britta Simon sah darin einen Grund für die amerikanische Führungsposition: Die USA verfügten über einen grossen Heimatmarkt, hohe staatliche Budgets und viel Risikokapital.

Europa müsse private Innovationen nutzen, ohne bei kritischen Fähigkeiten die Kontrolle aus der Hand zu geben. Ulrich Walter betonte, dass Kommunikation, Navigation und Erdbeobachtung zusammenspielen müssten. Ein Kommunikationsnetz allein genüge nicht, wenn Informationen oder präzise Navigation fehlten.

Andrea Rotter, Britta Simon und Ulrich Walter (von links).

Andrea Rotter, Britta Simon und Ulrich Walter (von links).

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Schweiz als neutrale Vermittlerin

Während die technischen Möglichkeiten rasant wachsen, hinkt der internationale Rechtsrahmen hinterher. Der Weltraumvertrag von 1967 bildet weiterhin eine zentrale Grundlage des internationalen Weltraumrechts, beantwortet viele heutige sicherheitspolitische Fragen aber nicht.

Wie lässt sich feststellen, ob sich ein Satellit einem anderen aus technischen Gründen nähert oder eine Bedrohung darstellt? Ab wann gilt die Störung eines Satellitensystems als bewaffneter Angriff? Und wie sollte ein Staat reagieren, wenn ein Angriff auf zivile Infrastruktur zugleich militärische Auswirkungen hat?

Laut Poirier sind die Bemühungen um Rüstungskontrolle im Weltraum festgefahren. In den zuständigen Uno-Gremien komme die Diskussion über konkrete Regeln kaum voran. Dabei wäre gerade die Vermeidung von Weltraumschrott ein gemeinsames Interesse: Trümmer gefährdeten alle Betreiber. Poirier sieht hier eine mögliche Rolle für die Schweiz, die mit ihrer Vermittlungserfahrung den Austausch zwischen Staaten und Betreibern erleichtern könnte.

Ein gemeinsamer Raum für die Menschheit

Bei aller militärischen Konkurrenz bleibt für Ulrich Walter eine andere Perspektive entscheidend. Der Blick aus dem All auf die Erde 1993 habe ihn geprägt. Er erinnert daran, dass der Weltraum nicht allein ein Schauplatz strategischer Rivalität ist, sondern ein Raum, den die Menschheit gemeinsam nutzen sollte.

Die grösste Sicherheit für die weltraumgestützte Infrastruktur bestünde darin, den Orbit möglichst konfliktfrei nutzbar zu halten. Ob die Staaten dazu bereit sind, ist offen. Fest steht: Die Handlungsfähigkeit moderner Gesellschaften hängt zunehmend vom Weltraum ab.

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Source: Neue Zürcher Zeitung · Auswärtige Autoren NZZ

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