Daniel Kehlmann kennt man als Autor grossangelegter Romane wie «Die Vermessung der Welt» oder «Till». Mit «Afrika» legt er eine Politsatire vor, die ihm beim Schreiben das grösste Vergnügen bereitet haben will.
07.11.2026, 15:58
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Die Situation ist so absurd wie witzig: Da verhandeln die wichtigsten Diplomaten ihrer Zeit über die Zukunft eines Kontinents – und mittendrin sitzt ein österreichischer Beamter, der von nichts eine Ahnung hat. Überdies ist er so abgelenkt, dass er von der Konferenz gar nichts mitbekommt.
Der Beamte ist der von Daniel Kehlmann mit offensichtlichem Spass erfundene Legationsrat Strilensky, Mitarbeiter des Auswärtigen Amtes der österreichisch-ungarischen Doppelmonarchie. In Vertretung seines Vorgesetzten soll er an der historisch verbürgten Kongo-Konferenz in Berlin teilnehmen. Der Vorgesetzte muss Klavier üben.
Die Aufteilung eines Kontinents
Diese Kongo-Konferenz ist ein Treffen vieler europäischer und einiger amerikanischer Diplomaten, Regenten und Interessenvertreter in den Jahren 1884 und 1885 in Berlin. Es geht da um Handelsrechte in Afrika, respektive um die Aufteilung des Kontinents unter den Grossmächten.
Afrikanische Gäste sind nicht vorgesehen. Abgesehen vom Kongo-Forscher Sir Henry Morton Stanley, der zwar als Afrikaner angekündigt wird, aber ein weisser britisch-amerikanischer Doppelbürger ist.
Der grösste Skandal der Konferenz ist aber, dass das gesamte damals neu erforschte Gebiet Kongos zum Privatbesitz des belgischen Königs erklärt wurde. Das führte später zu einem der grössten Verbrechen der Menschheitsgeschichte: dem Mord an der kongolesischen Bevölkerung während der belgischen Kolonialherrschaft.
Ein duellfreudiger Preusse
Nun hat aber der österreichische Vertreter einige private Probleme, die ihn vom politischen Teil der Konferenz ablenken. Die Schulden von 5000 Gulden, die Strilensky zur Finanzierung einer Liebschaft gemacht hat, sind das kleinere. Das grössere sind die Duellforderungen eines preussischen Offiziers.
Für Strilensky eine Katastrophe, für die Lesenden ein Glücksfall. Denn das Duell, das kurz bevorsteht und nicht zu verhindern ist, bewirkt eine unglaubliche Spannung, die unter dem ganzen Roman liegt. Bis hin zum allerletzten Wort.
Daniel Kehlmann: «Afrika». Rowohlt, 2026.
Kehlmanns grosses Verdienst ist es, dass er die zwei unterschiedlichen Ebenen zusammenbringt: die historische Bedeutung dieser Konferenz und ihr satirisches Potenzial. Ganz offenbar war das für einmal nicht mit Verzweiflung darüber verbunden, beim Schreiben den Dreh nicht zu finden. Im Gegenteil: Das Schreiben habe ihm riesigen Spass gemacht, sagt er im SRF-Interview.
Darf man das?
Das spürt man und überträgt sich auf den Text – dank grossartiger Dialoge. Wie etwa der, als Strilensky versucht, eine Untersuchung seiner Spesenauszahlungen zu verhindern, indem er eine Gegenfrage nach der anderen stellt.
Oder wenn er auf der Konferenz nach seiner Meinung gefragt wird und immer nur mit lateinischen Zitaten antwortet. Das erinnert an den «historisch informierten» Humor von Monty Python. Oder an John Cleeses Figur des Basil Fawlty, dessen Versuche, sich aus einem Schlamassel zu retten, im immer noch grösseren Schlamassel endet.
Stellt sich die Frage, ob man das darf: Witze reissen vor dem Hintergrund einer Konferenz, deren Folgen zu einem Massenmord geführt haben. Eine Antwort darauf muss jede Leserin, jeder Leser selbst geben. Dieses Buch jedenfalls ist ein sehr gutes Argument dafür, dass man es darf. Und dass man das auch soll.
Radio SRF 2 Kultur, Kultur-Aktualität, 6.11.2026, 8:06 Uhr.
Source: SRF · Michael Luisier
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