Seit ihren Erfolgen bei den Bayreuther Festspielen ist die Französin international als Wagner-Interpretin gefragt. Bei Stutzmanns Gastauftritt mit dem Tonhalle-Orchester hört man ihren sehr eigenen Stil – sogar bei einem Werk, das nicht von Wagner stammt.
23.10.2026, 05.30 Uhr
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Schon zum zweiten Mal beim Tonhalle-Orchester in Zürich zu Gast: die französische Dirigentin Nathalie Stutzmann.
Jeff Fusco
Die Dirigentin Nathalie Stutzmann erzählt in Interviews gern eine kuriose Geschichte: Als sie einmal bei einem Projekt für Kinder im Alter von vier bis sieben Jahren erklären wollte, wie das mit dem Dirigieren funktioniert, habe ein Knabe zu ihr gesagt: «Jedes Mal, wenn wir ins Konzert kommen, sind Sie die Dirigentin. Können nur Mädchen Dirigentinnen werden, oder geht das auch, wenn man ein Junge ist?» Was seinerzeit für viel Heiterkeit sorgte, wertet Stutzmann heute als Beleg dafür, wie entscheidend «Sichtbarkeit» sei. Sie meint die Sichtbarkeit von Frauen in einem Beruf, der jahrhundertelang als beinahe uneinnehmbare Männerdomäne galt.
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Sichtbar – das ist Nathalie Stutzmann als Dirigentin seit etwa drei Jahren im ganz grossen Massstab. Seit sie nämlich 2023 mit spektakulären Debüts an der Metropolitan Opera New York und bei den Bayreuther Festspielen ins internationale Rampenlicht getreten ist. Zuvor wussten nur Eingeweihte, dass die 1965 nahe Paris geborene Künstlerin «auch» dirigiert – man kannte sie bis dahin in erster Linie als Sängerin im Stimmfach Alt. Seit ihrem Bayreuth-Debüt mit «Tannhäuser», dem in diesem Sommer die aufsehenerregende Erstaufführung des «Rienzi» im Festspielhaus folgte, gibt es jedoch kein Halten mehr: Alle wollen Wagner von Stutzmann, auch das Tonhalle-Orchester, bei dem sie diese Woche zum zweiten Mal zu Gast war.
Ein heikles Werk
Wie bei ihrem Einstand 2024, als sie sich in Zürich mit der Ouvertüre zum «Tannhäuser» vorstellte, knüpfte sie wieder direkt an ihren jüngsten Triumph in Bayreuth an: mit dem Vorspiel zu «Rienzi». Dessen getragenes Hauptthema ist erstaunlich populär, durch den Einsatz in der Werbung, vor allem aber in TV-Dokumentationen über das «Dritte Reich». Denn zur schwierigen Wirkungsgeschichte dieser Oper gehört auch, dass Hitler in jungen Jahren während einer Aufführung eine Art Erweckungserlebnis gehabt haben soll. Die Thematik lag so bleischwer wie sinnstiftend über der Bayreuther Produktion – wie aber bringt man die im weiteren Verlauf eher harmlose Musik in einer Konzertaufführung zur Geltung?
Stutzmann spielt ihre im Sommer bei insgesamt neun Vorstellungen gesammelte Erfahrung voll aus. Sie hält das eigenartig unausgegorene Gebräu des jungen Wagner virtuos in der Schwebe: ein permanentes Wechselbad aus schicksalsschweren und schamlos auf Effekt berechneten Tönen, die ihre Wirkung auch hier nicht verfehlen. Wie viel tiefsinniger Wagner rund zwanzig Jahre später komponiert hat, zeigt Stutzmann in der Tonhalle indes auch: mit der klassischen Kopplung aus dem Vorspiel und dem sogenannten «Liebestod» aus «Tristan und Isolde».
Ausgeprägter Personalstil
Das Jahrhundertstück, dessen unablässiges Wühlen in den Abgründen der Harmonik den Gang der Musikgeschichte verändert hat, wird hier zu einem souverän in weiten Steigerungswellen entfachten Rausch – auch dank der Sopranistin Christina Nilsson, deren Opernhaus-Debüt als Elisabeth im «Tannhäuser» in bester Erinnerung ist. Geprägt durch ihren eigenen Erfahrungsschatz als Sängerin, bringt Stutzmann hier die Tonhalle-Musiker dazu, auch jede instrumentale Phrase breit auszuspielen und frei atmen zu lassen.
Diesen gesanglichen Ton hört man nach der Pause erneut in der 1. Sinfonie von Johannes Brahms. Statt nach Beethoven, dem übermächtigen Vorbild, klingt sogar Brahms’ Musik stellenweise nach wagnerschem Musikdrama. Ein diskutabler, ungewöhnlicher Ansatz, der allerdings noch mit einem zu satten und entsprechend intransparenten Klang erkauft wird. Doch klar wird auch: Stutzmann hat als Dirigentin einen unverkennbaren Personalstil gefunden. So ausgeprägt gibt es das selten.
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Source: Neue Zürcher Zeitung · Christian Wildhagen
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