Nach seinem «Anschwellenden Bocksgesang» hat Botho Strauss mit der deutschen Öffentlichkeit gebrochen. Auch in seinem jüngsten Werk teilt er kräftig aus
Gegen Kurzweil-Klimbim, «mediale Schutzzonen» und die Jeans, diese «schäbigste Uniform der Zivilisation». In «Bleiben und Blicken» bleibt sich der konservative Schriftsteller treu.
27.10.2026, 05.30 Uhr
5 Leseminuten
«Der Mensch in seinem kreatürlichen Behindertenstatus»: Botho Strauss zu lesen (hier in einer Aufnahme von 1997), heisst, Strauss zitieren zu wollen. Egal, ob man seine Meinung teilt.
Ullstein / Getty
Es wäre nicht gut bestellt um die Konservativen, würden sie sich selbst untreu werden. Wer sich als Hüter alter Werte sieht, muss selbst auf festem Grund stehen. So gesehen: bei Botho Strauss alles im Lot. Schon auf den ersten Seiten seines neuen Prosabuches «Bleiben und Blicken» weht ein Hauch von Ewigkeit: «Der Mensch ist nicht im Jetzt zuhaus. Zuhaus ist er, wo er einst zuhaus war.»
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Als diesseitigen Wohnsitz hat sich Strauss in den neunziger Jahren ein Haus in den Hügeln der Uckermark gewählt. Die zeitenüberspannenden Ideen und die einsame Lage der Immobilie fallen im jüngsten Werk metaphorisch zusammen. Von hier aus lässt sich gut blicken. Von hier aus scheint dem «Flurumschreiter, Zeitumschreiter» die geschäftige Welt lächerlich und oft genug auch ärgerlich. Dunkel erinnert sich der autobiografisch auftretende Schriftsteller an seine Zeit mit Berliner Adresse: vierzehn Jahre «am Saum der Sensationen ausgehalten und sich befleissigt, saumselig zu bleiben, nah an der Hauptschlagader des Aufruhrs». Berlin: Demonstrationen, Empörte, Krawall, Polizeiwagen. «Er sagte: Ich wäre für eine Zwangsherrschaft, deren Legitimität im Schutz und Bewahren zerbrechlicher Verhältnisse besteht.»
Wut gegen Identitätspolitik und neue Medien
Das Verhältnis von Botho Strauss zur deutschen Öffentlichkeit ist im Februar 1993 zerbrochen. Damals erschien im «Spiegel» sein kämpferischer Grossessay «Anschwellender Bocksgesang». Eine priesterhafte Suada gegen den linken Zeitgeist, in der der Schriftsteller als grosser Apokalyptiker auftrat. Der sich als gerecht inszenierende Zorn von Strauss ist dabei nicht vor Ungerechtigkeiten zurückgeschreckt, die man als menschenfeindlich lesen konnte.
Damit landete der grosse deutsche Erfolgsdramatiker der siebziger und achtziger Jahre, der auch mit dem Prosabuch «Paare, Passanten» zum Pop-Star geworden war, in seinem eigenen Drama. Später folgten weitere Essays, die gegen die politische und kulturelle Gegenwart Deutschlands geschrieben waren. Im «Plurimi-Faktor» von 2013 wird schon früh gegen so etwas wie Identitätspolitik angeschrieben. «Das natürliche Bedürfnis gegenüber dem schrankenlos inkludierenden System geht nach dem ausgewählten Zirkel», heisst es dort. Die Wut des Botho Strauss richtet sich damals auch gegen die neuen Medien, «gegen den Markt des breitgetretenen Quarks».
Jedes neue Buch von Botho Strauss ist ein Anlass, nach den alten Fährten zu suchen, nach ideologischen Wegen. Dass sie nicht wie ausgetretene Pfade wirken, liegt an der Sprache eines Autors, der seiner Gläubigkeit ans Elitäre und seinem Zorn über das Gegenteil grösste formulierungsfreudige Sorgfalt verleiht. Strauss zu lesen, heisst, Strauss zitieren zu wollen, egal, ob man seine Meinung teilt.
Die Jeans als «Kleiderverneinung»
Natürlich wird auch in «Bleiben und Blicken» wieder kräftig ausgeteilt. So zum Beispiel: «Der Mensch in seinem kreatürlichen Behindertenstatus: kein Instinkt, dafür technisch überrüstet bis in die Hirnspitzen.» Oder: «Die von heute kennen nur das Heutzutage. Also hört man sie posten woken ghosten. Oder sonstwie dahinwörtern.» Und dann auch noch die Jeans, «diese schäbigste Uniform der Zivilisation», eine tiefe «Kleiderverneinung, Gewandlosigkeit bis hin zum Nicht-tragen-Können des eigenen Körpers».
Hier spricht der Konservative, der natürlich auch ein Projekt des Bewahrens hat. Es ist unmittelbar gegen die schnöde Wirklichkeit der Jetztzeit gerichtet, gegen ihr Kurzweil-Klimbim und gegen die «medialen Schutzzonen». Die helfen nicht, wenn «Furcht und Zittern mit antiker Stärke» ins Dasein einbrechen, wenn die Menschen «das Original von Schauder und Verzweiflung» erfahren «und erleben, dass das Zittern ihrer Hand nicht aus zweiter Hand geschieht».
Was hilft bei einem solchen existenziellen Schock? Die Kunst! Vor allem die Literatur. «Das häusliche Rätseln und Begreifen, belletristisch ungeschult, befindet sich im Krisenfall selten auf Höhe des Herzschlags. Man bleibt, um dem Alles-Umwerfenden gewachsen zu sein, auf das Reservoir der schönen Literatur angewiesen.» Noch ein pharmazeutischer Rat von Botho Strauss: keine fragwürdigen Generika! Immer die Quelle grosser Werke lesen «statt die seichten Kopien auf den Bestsellerlisten».
Bücher prüfen ihre Leser
Der Schriftsteller ist ein grosser Thesenaufsteller. Je weniger die Thesen allerdings etwas Politisches wollen, umso mehr können sie sich literarisch entfalten. Sie behalten etwas Ambivalentes, etwas, das zwischen Intellektualität und Phantasma produktiv ist. Sehr schön ist die Idee, dass ein gemaltes Bild, je länger es von den Menschen betrachtet wird, selbst Augen entwickelt und kritisch auf sein Gegenüber schaut. Bei den Büchern ein Ähnliches: «Die Werke selbst besitzen sphärische Tastorgane, die wie Fingerspitzen über Lippen und Wangen des Lesers streichen, zärtliche Überprüfer von Profil und gutem Geschmack.» Apropos Geschmack. Bei manchen Themen geht es mit Botho Strauss sprachlich auch durch. «Weiss und gross und nackt, das sturmerprobte Vorderste einer Frau, das Vorne allen Vorans», heisst es einmal.
Dass dieser Autor einmal zu einem ganz anderen Vorne allen Vorans, zur Avantgarde der Bühnenschriftsteller, zählte, merkt man den vielen kleinen Dramoletten an, die sich in «Bleiben und Blicken» finden. Kurze menschliche Szenen wie die Geschichte von der Frau, die beschlossen hat, statt eines Koffers eine Brotdose als Reisebehältnis zu wählen. Unvermeidlich fährt zur Unzeit die runde Klappe hoch. Der intime Inhalt ergiesst sich in Zugabteile und auf Bahnsteige.
Einige der straussschen Storys handeln auch von mehr oder weniger flüchtigen Begegnungen zwischen zwei Menschen, vom Mysterium der Liebe und des Abschieds. Mit dem Satz «Hören wir voneinander?» beginnt ein floskelhafter Abschiedsdialog des Aneinandervorbeiredens, das bei Strauss immer auch ein Signal des Aneinandervorbeilebens ist. Später im Buch dann der grosse und traurige Aphorismus: «Das Glück senkt sein Lot so tief in das Herz eines Menschen, um die Strecke zu messen, die später das Unglück zurücklegen muss.»
Auch die Meisen bekommen etwas ab
Als «loses Erzähl-Geflecht» beschreibt Botho Strauss sein neues Buch ganz am Anfang, «nicht unähnlich dem weissen Geweb der Gespinstmotte». Tatsächlich ist hier vieles zusammengesponnen, und man wird auf den letzten siebzig, mit «Der Ort und die Jahre» überschriebenen Seiten eine Art Wandergefährte des uckermärkischen Flurumschreiters. Es geht hinaus in die Hügel rund um das weisse Haus des Autors, hinaus in die Jahreszeiten und unberührten Biotope. Hier, denkt man sich, lässt sich leicht die brausende Einsamkeit des Menschen in der Schöpfung spüren. Nichtigkeit und Grösse. Den kleinen Meisen gibt Botho Strauss freundlich eins mit, weil sie «in tausend Jahren» nicht merken, dass die blattlosen Bäume im Winter keinen Schutz bieten. «Hocken sich ins Geäst und fühlen sich unentdeckt. Das Meisenhirn speichert den Baum belaubt. Alles andere ist meisenhauptstürzendes Fremdweltbild.»
Mit dem euphorischen Auge des Dichters geht der 81-Jährige durch die Landschaft. Das Blicken des Buchtitels wird zur hermeneutischen Methode, und wenn alles politische Wollen vom Text abfällt, dann ist das einfach nur schön. «O dies Heute! Der Glastprunk der Senke. Die späte Hitze teilt und teilt die Brut der Fliegen. Das Kamelhaar der Herbstwiese, das feuerrote Pfaffenhütchen in den Auen.» Oder: «An einem hechtgrauen Himmel, im Hintergrund ein aufhellendes Grau mit kleinen Wellenfalten, wie sie die Uferwelle im Schlick hinterlässt oder Wind auf der Sanddüne. Stahlblaue Wolkenaufrisse: Streifen wie ein langes Firnfeld.»
Man muss sich den alternden Autor als doppelt glücklichen Menschen vorstellen: «Und so kehrte ihm die Nennfreude wieder, die die lebendige Schilderung nährt wie die Blätter den Baum.»
Botho Strauss: Bleiben und Blicken. Carl-Hanser-Verlag, München 2026. 200 S. Fr. 36.90.
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12 min
Source: Neue Zürcher Zeitung · Paul Jandl
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