Nach der Waffenruhe ein Massaker: Russischer Angriff auf Schulhaus tötet Dutzende von Zivilisten

Die erfolgreiche Hilfsaktion in Oleschki steht nicht für ein humanitäres Umdenken im Kreml. Russland attackiert die Ukraine weiterhin ohne jegliche Rücksicht auf zivile Opfer an. Exemplarisch dafür steht ein besonders blutiger Angriff in der Provinz Saporischja.

03.11.2026, 15.15 Uhr

4 Leseminuten


Der russische Luftangriff auf ein Schulgebäude in der Provinz Saporischja hat nicht nur zahlreiche Todesopfer gefordert. Das Bild zeigt, wie zwei Rettungshelfer auch einen verletzten Hund in Sicherheit bringen.

Der russische Luftangriff auf ein Schulgebäude in der Provinz Saporischja hat nicht nur zahlreiche Todesopfer gefordert. Das Bild zeigt, wie zwei Rettungshelfer auch einen verletzten Hund in Sicherheit bringen.

AP

Die Hilfsaktion für die russisch besetzte Frontstadt Oleschki bot vergangene Woche einen kleinen humanitären Lichtschimmer in Russlands Krieg gegen die Ukraine. Professionell arbeiteten Vertreter der beiden Kriegsparteien zusammen, um Hilfsgüter in die seit Monaten eingeschlossene Stadt zu bringen und Ausreisewillige zu evakuieren. Mehrere hundert Zivilisten konnten so aus akuter Lebensgefahr gerettet werden.

Optimieren Sie Ihre Browsereinstellungen

NZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.

Bitte passen Sie die Einstellungen an.

Perfider Doppelschlag

Wer die Hoffnung hegte, dass Russland nun auch anderswo mehr Rücksicht auf ziviles Leben in der Ukraine nehmen könnte, ist jedoch schnell eines Besseren belehrt worden. Seit dem Ende der Aktion in Oleschki haben die russischen Streitkräfte gleich mehrere besonders grausame Schläge durchgeführt.

Der mit Abstand folgenschwerste Angriff ereignete sich in der Ortschaft Komischuwacha in der Provinz Saporischja. Am Montagmorgen schlugen dort russische Gleitbomben in einer Schule ein. Ein Unterricht findet in der nur zwanzig Kilometer von der Front entfernten Ortschaft zwar nicht mehr statt. Einmal wöchentlich werden im Schulhaus jedoch Hilfsgüter an die Bevölkerung ausgegeben. Der Angriff begann, kurz nachdem die Hilfsbedürftigen vor Ort eingetroffen waren.

Einige Zeit später gab es eine zweite Angriffswelle mit insgesamt neun schweren Bomben. Diese nahmen neben den Rettungskräften auch einen Schutzraum ins Visier, in den sich die Menschen geflüchtet hatten. Mit dieser besonders perfiden Strategie sogenannter Double-Tap-Angriffe hatte Russland bereits im Luftkrieg in Syrien Angst und Schrecken verbreitet.

Bis Dienstagmittag stieg die Zahl der bestätigten Todesopfer in Komischuwacha auf 31 an, unter ihnen zwei Rettungshelfer. Fast fünfzig Personen gelten noch als vermisst. Damit ist der russische Angriff einer der blutigsten des gesamten Krieges.

Schutzlos gegen ballistische Raketen

Der ukrainische Präsident Wolodimir Selenski sprach am Montag von einem bösartigen Terrorangriff. «Falls Russland eine Deeskalation wollte, hätte nun, nach Oleschki, die Möglichkeit bestanden, die humanitäre Arbeit fortzusetzen», sagte Selenski. «Wir haben das vorgeschlagen. Doch Russland tötet weiter.»

An utterly horrific Russian attack on the settlement of Komyshuvakha in the Zaporizhzhia region. Since this morning, the settlement has been hit several times by aerial bombs. The strikes targeted a school used for humanitarian purposes – people were receiving humanitarian aid… pic.twitter.com/T02r0HlNCZ

— Volodymyr Zelenskyy / Володимир Зеленський (@ZelenskyyUa) November 2, 2026

Nur wenige Stunden nach Selenskis Ansprache griff Russland in einem kombinierten Grossangriff Ziele in mehreren Landesteilen an. Dabei kamen laut Präsident Selenski 17 ballistische Raketen, 59 aus der Luft und vom Boden abgefeuerte Marschflugkörper sowie 289 Angriffsdrohnen zum Einsatz.

Während die ukrainische Flugabwehr die meisten Marschflugkörper und Drohnen abschiessen konnte, gelang dies nur bei drei ballistischen Raketen. Gegen diese Waffen ist die Ukraine weiterhin fast vollständig auf westliche Rüstungstechnik angewiesen, erhält aber nur noch ungenügend Nachschub.

Mehr als siebzig Verletzte in Charkiw

Erneut wurden Einrichtungen mit rein zivilem Charakter getroffen, in der ostukrainischem Metropole Charkiw etwa ein Spital. Dabei wurden mindestens 73 Patienten und Mitarbeiter verletzt. Der Schwerpunkt der Angriffe lag jedoch auf der Energieinfrastruktur. In der Folge kam es in mehreren Provinzen zu längeren Stromausfällen, neben Kiew auch in Dnipro und der in grossem Abstand zur Front gelegenen Provinz Winnizja.

Das in der Nacht auf Dienstag durch einen Luftangriff schwer beschädigte Spital in Charkiw.

Das in der Nacht auf Dienstag durch einen Luftangriff schwer beschädigte Spital in Charkiw.

Carlo Bravo / Imago

Russland zerstört in diesem Herbst nicht nur, wie in früheren Kampagnen vor dem Wintereinbruch, gezielt Einrichtungen für die Produktion von Elektrizität, also Kraftwerke, sondern auch Stromleitungen und Umspannwerke.

Dies führt dazu, dass Energie aus funktionierenden Anlagen, etwa den für die Grundversorgung weiterhin sehr wichtigen Kernkraftwerken, nicht zu den Nutzern in den Ballungsräumen gebracht werden kann. In Kiew sind deswegen in deutlich grösserer Zahl als in früheren Jahren Generatoren im Einsatz. Im Zentrum ist ihr Dröhnen abends in jeder Strasse zu hören.

Ukrainische Grossstädte im Visier

Mit Blick auf den Winter ist die Sorge insbesondere in der Hauptstadt gross. Mit Angriffen auf Internetanbieter oder die für die Pendlerströme zentralen Brücken über den Dnipro behindert Russland seit Wochen gezielt das Alltagsleben der Kiewer Bevölkerung. Hartnäckig halten sich Gerüchte, dass auch Angriffe auf die Wasserversorgung geplant seien.

Sollten Aufbereitungsanlagen, Klärwerke und die Kanalisation ausfallen, würde dies in der Millionenstadt zu einer Notlage bisher unbekannten Ausmasses führen. In einer Dringlichkeitssitzung baten hochrangige Regierungsvertreter kürzlich die grossen Hilfswerke in der Ukraine, nach Möglichkeit hierfür Sondermittel vorzusehen.

Nach einem russischen Luftangriff in der Grossstadt Dnipro sucht ein Feuerwehrmann im Hof eines beschädigten Wohnblocks einen Moment der Erholung.

Nach einem russischen Luftangriff in der Grossstadt Dnipro sucht ein Feuerwehrmann im Hof eines beschädigten Wohnblocks einen Moment der Erholung.

Sergiy Chalyi / Reuters

Ukrainische Geheimdienste sollen einen detailliert ausgearbeiteten russischen Einsatzplan abgefangen haben, der darauf abzielt, neben Kiew auch andere Grossstädte wie Charkiw, Odessa oder Dnipro unbewohnbar zu machen. Laut dem «Guardian» informierte Energieminister Denis Schmihal die europäischen Partner der Ukraine bereits im September über den Plan. Die Angriffe auf Dnipro und Charkiw haben in den vergangenen Wochen spürbar zugenommen.

Passend zum Artikel

Source: Neue Zürcher Zeitung · Volker Pabst

At a glance

Topic
World
Country
🇨🇭 CH
Publisher language
DE
Added to Allnira