Nach 21 Jahren geht eine grosse Familien-Saga zu Ende: Mit Michelle verlässt die letzte der Familie Gisin den Ski-Weltcup

Die unerschütterliche Liebe zum Skifahren schenkte der Familie aus Engelberg historische Triumphe wie drei Olympiasiege, forderte durch Stürze und Schmerzen aber auch einen Tribut. Die Gisins schweisste dies nur noch enger zusammen.

03.11.2026, 17.45 Uhr

7 Leseminuten

Aktualisiert


Michelle Gisin tritt nach einer erfolgreichen, langen Karriere mit 32 Jahren zurück.

Michelle Gisin tritt nach einer erfolgreichen, langen Karriere mit 32 Jahren zurück.

Boris Bürgisser / CH Media

Michelle Gisin deutet durch die Panoramafenster des Titlis Tower nach draussen. Hier stand sie erstmals auf den Ski, hier fuhr sie kürzlich, um eine Antwort zu finden: Ist sie noch Michelle Gisin, die Skirennfahrerin? Ihr Herz hatte da schon entschieden; es konnte sich nicht mehr vorstellen, mit 120 km/h und einer Startnummer den Berg hinunter zu rasen. Bis der Kopf das auch akzeptierte, brauchte es zwei emotionale Wochen mit vielen Tränen und Gesprächen. Dann stand fest: «Ich habe alles gesehen, alles erlebt. Die Reise ist hier zu Ende.»

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327 Tage nach ihrem schweren Sturz in St. Moritz, bei dem sie knapp einer Querschnittslähmung entging, beendet Michelle Gisin im Alter von 32 Jahren ihre Karriere.

Mit diesem Rücktritt endet eine aussergewöhnliche Familien-Saga im Schweizer Skisport. Drei Geschwister, die alle Weltklasse wurden. Drei Geschwister aber auch, die von den höchsten bis zu den beängstigendsten Gefühlen alles durchlebten. Seit Dominique Gisins Weltcupdebüt im Dezember 2005 fuhren Dominique, Marc und Michelle Gisin insgesamt fast 600 Rennen im Weltcup, an Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen. Zu Seriensiegern avancierten alle nicht, doch am Ende stehen drei Olympiasiege, zwei WM-Medaillen und knapp 30 Weltcup-Podestplätze.

Drei Geschwister im Weltcup: Dominique, Michelle und Marc Gisin (von links) 2012 in ihrem Elternhaus in Engelberg.

Drei Geschwister im Weltcup: Dominique, Michelle und Marc Gisin (von links) 2012 in ihrem Elternhaus in Engelberg.

Karin Hofer / NZZ

Die Ära Gisin war mehr als eine Reihe nüchterner Zahlen. Diese Familie lebte viele der grossen Erzählungen, die der Sport bietet: Leidenschaft und Bangen, Glücksgefühle und Bestürzung, Resilienz, Comebacks und Siege. Die Gisins nahmen das Schweizer Skipublikum über zwei Jahrzehnte mit auf diese Reise, indem sie offene Worte und Gefühle nicht scheuten. Alle drei blickten über den Sport hinaus; das Miteinander, das in der Familie so gross geschrieben wurde, lebten sie auch in den Teams, in denen sie unterwegs waren.

Hans Flatscher, der Alpinchef von Swiss Ski, sagt: «Die Familie ist nicht nur einzigartig, wie sie den Skisport gelebt hat und was sie erreicht hat. Sondern, weil sie das auf eine wertschätzende, menschliche und korrekte Art tat.» Wie sie ihr Wissen teilten, sich vor das Team stellten, wenn es nötig war, Klartext redeten und vor allem Teamplayer waren.

Die Eltern lernten sich beim Skifahren näher kennen

Die Gisins waren nicht wie die Guts oder die Kostelics, deren Eltern etwa als Trainer bis zum Schluss in die Sportkarrieren der Kinder involviert waren; im Weltcup gab es nie ein Team Gisin. Und doch liegen die Wurzeln des Erfolgs bei den Eltern, bei Bea und Beat Gisin, die doch eigentlich bloss so schnell wie möglich wieder auf die Ski wollten nach der Geburt der ersten Tochter Dominique 1985. Die beiden hatten sich im Sportstudium kennengelernt und waren sich bei den Skilehrerkursen in Engelberg nähergekommen.

Die unerschütterliche Liebe zum Skifahren trug die Gisin-Skikarrieren bis zuletzt, daran änderten auch die schweren Verletzungen nichts, die diese Leidenschaft immer wieder auf die Probe stellten. Von solchen Rückschlägen war jedoch noch keine Spur, als die Familie 1996 aus dem Engadin nach Engelberg zog, wo die Eltern ein Sportgeschäft übernahmen. Für sie bildete der Sport, neben Elternhaus und Schule, einen der drei zentralen Lebenspfeiler: Lief es an einer Stelle nicht rund, sollten die Kinder anderswo Erfolgserlebnisse finden.

Noch als Teenagerin war Dominique drei Jahre lang dauerverletzt, stand kurz vor dem Aufhören. Und gab doch nicht auf, zum ersten von vielen Malen. Die acht Jahre jüngere Michelle setzte sich jeden Tag mit ihrem Kindertisch ans Bett ihrer grossen Schwester und spielte mit ihr Monopoly. Sie war beeindruckt, wie in Dominique das Feuer fürs Skifahren brannte, selbst in den schwersten Zeiten, «als sie aussah, als hätte sie gegen Muhammad Ali geboxt».

Michelle und Dominique Gisin 2017 an einem Weltcuprennen. Die Ältere half der Jüngeren bei der Besichtigung der Speedrennen.

Michelle und Dominique Gisin 2017 an einem Weltcuprennen. Die Ältere half der Jüngeren bei der Besichtigung der Speedrennen.

Alexandra Wey / Keystone

Jedes Erlebnis färbte auf die Karrieren der anderen ab. Sie kümmerten sich umeinander, zogen daraus Hoffnung und Motivation, es machte sie vorsichtiger. Jüngst liessen sie in Engelberg drei Häuser nebeneinander bauen; es ist ein schönes Bild dafür, wie die 20 Jahre Spitzensport zusammengeschweisst haben.

Sie verlor die Leichtigkeit nur ganz zum Schluss

Michelle mag das Küken der Familie sein, aber sie war auch die frechste, die lauteste – und am Ende die erfolgreichste. Sie schaffte es als eine der wenigen Fahrerinnen weltweit und als erste Schweizerin seit Vreni Schneider in allen vier Haupt-Disziplinen – plus der Kombination – aufs Weltcup-Podest. An den Olympischen Spielen gewann sie 2018 und 2022 die Alpine Kombination.

War die Aufnahme ins C-Kader oder das erste Weltcuprennen für ihre Altersgenossinnen ein Highlight, war es für Michelle Gisin einfach der nächste logische Schritt. So kannte sie es von den Geschwistern. Selbst ihr Olympiasieg war nicht der erste in der Familie, Dominique hatte 2014 die Abfahrt gewonnen. Für die Jüngste relativierte diese Ausgangslage vieles. Sie war dadurch zwar nicht weniger zielstrebig oder arbeitsam, aber es gab ihr eine «schönere und entspanntere Sicht» auf das Ganze, wie sie betonte.

St. Moritz war für Michelle Gisin ein spezieller Ort: 2017 holte sie dort ihre erste WM-Medaille, 2025 stürzte sie aber schwer.

St. Moritz war für Michelle Gisin ein spezieller Ort: 2017 holte sie dort ihre erste WM-Medaille, 2025 stürzte sie aber schwer.

Jean-Christophe Bott / Keystone

Als «Luftgeschöpf» bezeichnete Dominique Michelle einmal, «sie hat eine grundsätzlich positive Einstellung zum Leben, die mir völlig abgeht». Eine Anekdote aus der Kindheit illustriert diese Lockerheit. Als Achtjährige machte Michelle die Platzreife im Golf, mit neun wollte sie sich ein Handicap erspielen. Drei Loch vor Schluss rief sie Dominique begeistert zu: «Ich brauche nur noch zwei Bogeys und ein Par.» Die ältere Schwester wusste, wie gering die Chancen dafür waren, bestärkte Michelle aber. Diese spielte gar zweimal Par und ein Bogey. In der Familie wurde dies zum geflügelten Wort: ‹Ich brauche nur noch zwei Bogeys und ein Par!›»

Ganz bis zum Ende der Karriere reichte die Leichtigkeit selbst bei Michelle Gisin nicht. Nach einem Kreuzbandriss 2011 fuhr sie jahrelang keine Speedrennen mehr. Erst mit der Hilfe ihrer Schwester tastete sie sich wieder heran. Dominique erarbeitete mit ihr auf den Besichtigungen Kurve für Kurve eine Lösung. Mit dieser rationalen Herangehensweise nahm sie der Jüngeren die Angst vor der Abfahrt.

Später wurde Michelle Gisin durch das Pfeiffersche Drüsenfieber gebremst. Dann folgte eine unerklärliche Baisse, während der sie gar Blackouts während des Fahrens hatte. Jahrelang war sie als Allrounderin durch den Weltcup gezogen, ihr ganzes Leben minuziös durchgetaktet, ein schlechtes Training lag nicht drin – bis alles zu viel wurde, der Körper die Notbremse zog. Doch alle Disziplinen zu fahren, kam Gisins Vorstellung einer Skifahrerin am nächsten; sie zog immer Energie aus der Vielseitigkeit.

Gold in der Alpinen Kombination, Bronze im Super-G: Michelle Gisin kehrt 2022 nach erfolgreichen Olympischen Spielen aus Peking zurück.

Gold in der Alpinen Kombination, Bronze im Super-G: Michelle Gisin kehrt 2022 nach erfolgreichen Olympischen Spielen aus Peking zurück.

Michael Buholzer / Keystone

Im Moment des Rücktritts bezeichnete sie denn auch nicht etwa einen der Olympiasiege als Höhepunkt ihrer Karriere. Sondern den 3. Rang im Riesenslalom von Kranjska Gora 2021, mit dem sie ihr Podest-Palmarès in allen Disziplinen vervollständigte.

Dominique Gisin und die Tränen beim Olympiasieg

Die Leichtigkeit, die Michelle Gisin in den letzten Jahren verlor, besass Dominique Gisin nie. Ihre Karriere stand eher für die Resilienz, das Wiederaufstehen nach Rückschlägen. Neun Mal wurde sie allein am Knie operiert, in der Muttenzer Rennbahnklinik hatte sie ein fix beschriftetes Ablagefach.

Sie hätte Kampfjetpilotin werden können und studierte Physik an der ETH, doch zehn Jahre lang versuchte sie alles, um die Skikarriere zu verwirklichen. Der Olympiasieg 2014 war einer der emotionaleren Momente in der jüngeren Skigeschichte der Schweiz. Gisin hatte die ganze Saison mit einer Blockade gekämpft, schaffte es nicht mehr, ans Limit zu gehen. In Russland musste sie deswegen die interne Qualifikation fahren – und die Blockade löste sich, endlich. Gisin gewann die Abfahrt als erste Schweizerin seit 30 Jahren. Ihr tränenreiches Telefonat an ihre Grossmutter im Zielraum, von den TV-Kameras eingefangen, wurde legendär.

Ein Moment Schweizer Sportgeschichte: Dominique Gisin schreit sich 2014 in Sotschi die Freude aus dem Leib.

Ein Moment Schweizer Sportgeschichte: Dominique Gisin schreit sich 2014 in Sotschi die Freude aus dem Leib.

Gero Breloer / AP

In Dominique tobte ständig ein Kampf zwischen dem ordnungsliebenden, logisch denkenden Zahlenfreak und der Frau, die von Emotionen geleitet ist. In Momenten wie in Sotschi schaffte sie es, mit ihren offen gelebten Gefühlen eine ganze Nation zu rühren.

Auch mit Marc Gisin, dem mittleren und ruhigsten der drei, litt die Schweiz mit. Weltcupsiege und Podestplätze hat er keine in seinem Palmarès; es gab zu viele Stolpersteine, als dass er sein Potenzial hätte ausschöpfen können.

Da war der Sturz in Kitzbühel 2015 mit einem schweren Schädel-Hirn-Trauma, das als langfristige Folge schwere Schlafstörungen mit sich zog. Dann die 5. Ränge 2016 und 2018 am selben Ort, auf der schwierigsten Abfahrt der Welt, seine Tränen beim TV-Interview. Und schliesslich der Sturz in Gröden, der ihn fast das Leben kostete: 28 Brüche, Lungenquetschung, Hirnerschütterung, mehrere Tage im Koma.

Die Mutter sagte: «Da muss ich durch»

Immer wieder, wenn eines der Geschwister im Spital lag, dachten sie an ihre Eltern. Die ihnen nur die Freude am Skisport vermitteln wollten und danach regelmässig um das Leben ihrer Kinder bangen mussten. Mutter Bea sagte schon 2012 zur NZZ auf die Frage, wie sehr sie Angst habe: «Ich arbeite daran. Es gibt kein Rezept, da muss ich durch.»

Beim Rücktritt 2020 sagte Marc: Man könnte sagen, er habe 20 Jahre seines Lebens verschwendet. Mit einer Karriere, die nicht vom ganz grossen Erfolg gekrönt war. Aber so sah er das nicht. «Im Leben geht es darum, eine Leidenschaft zu finden und bereit zu sein, alles dafür zu geben.»

Er blickte zum Titlis hoch, dort, wo die Jüngste nun ihren Rücktritt gab, und sagte: Er freue sich aufs Tiefschneefahren.

Auch als Dominique Gisin 2015 zurücktrat, sagte sie: Sie freue sich aufs Tiefschneefahren, bis ihr alles wehtue.

Als Michelle Gisin am Dienstag gefragt wurde, worauf sie sich am meisten freue, antwortete sie: «Jetzt kann ich endlich mal Skiferien machen.»

Michelle Gisin verkündet Anfang November auf dem Titlis hoch über Engelberg ihren Rücktritt mit 32 Jahren.

Michael Schmid / Keystone

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Source: Neue Zürcher Zeitung · Eva Breitenstein

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