Milliardenschwerer Betrugsskandal erschüttert Erdogans Machtzentrum
Das türkische Establishment bereicherte sich illegal an der Börse und hinterlässt eine halbe Million geprellte Kleinanleger. Für die Regierung Erdogan wird der Skandal zur Zerreissprobe.
06.11.2026, 05.30 Uhr
4 Leseminuten
Fatma Betül Sayan Kaya war stellvertretende AKP-Vorsitzende. Ende September trat sie von sämtlichen Parteiämtern zurück.
Mehmet Ali Ozcan / Anadolu via Getty
Ein milliardenschwerer Betrugsskandal, der die Türkei seit Wochen erschüttert, hat Fatma Betül Sayan Kayas politischer Karriere ein abruptes Ende gesetzt: Die enge Vertraute von Präsident Recep Tayyip Erdogan startete ihre Laufbahn als dessen persönliche Beraterin, wurde später Familienministerin, hatte zuletzt den Posten der stellvertretenden AKP-Vorsitzenden inne – dann kam der Fall.
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Ende September beschuldigte die Opposition die 45-Jährige und ihren Ehemann, sich durch Insiderhandel, also den Kauf oder Verkauf von Wertpapieren auf Basis von nicht öffentlichen Insiderinformationen, umgerechnet um rund 36 Millionen Euro bereichert zu haben. Kaya trat von ihren Parteiämtern zurück. Das Paar zahlte den Spekulationsgewinn zurück und bestreitet die Vorwürfe. Die Istanbuler Generalstaatsanwaltschaft leitete dennoch strafrechtliche Ermittlungen gegen sie ein.
Die Kayas sind bei weitem nicht die einzigen Mitglieder der türkischen Elite, die offenbar in den Betrug verwickelt sind. Doch angesichts ihrer Nähe zum Präsidentenpalast wurden sie zu Gesichtern eines Skandals, der bis in die höchsten Regierungskreise reicht – und ihr Fall wurde zum entscheidenden Auslöser für die juristische Aufarbeitung des Betrugssystems.
Umfassendes kriminelles Netzwerk
Innerhalb weniger Monate hatten 131 Investmentfonds von sieben Vermögensverwaltern mit illegalen Methoden einzelne Aktien in schwindelerregende Höhen getrieben. Mit der Aussicht auf hohe Renditen investierten fast eine halbe Million ahnungslose Kleinanleger ihr Geld in diese Fonds. In Wirklichkeit handelte es sich aber um eine Blase, die platzte, nachdem die Börsenaufsicht Ende August eingeschritten war.
Der eigentliche Skandal liegt aber im Insiderhandel unmittelbar vor dem Crash: Korrupte Spitzenbeamte warnten einen exklusives Kreis von Personen vor neuen Richtlinien, die das betrügerische System stoppen sollten. Mit diesem Vorwissen stiessen Eingeweihte – wie das Ehepaar Kaya – ihre Aktien auf dem Höchststand ab. 141 Personen und 73 Unternehmen erzielten so einen Nettogewinn von umgerechnet rund 4 Milliarden Euro. Erst nachdem das Geld auf deren Konten gelegen hatte, änderte der Staat die Regeln. Die Blase platzte, der Kurs kollabierte, und die Kleinanleger verloren wohl einen Grossteil ihre Ersparnisse.
Seither zieht der Skandal immer weitere Kreise. Der türkische Justizminister Akin Gürlek sprach am Dienstag von einem umfassenden kriminellen Netzwerk, das die staatlichen Aufsichtsmechanismen unterwandert habe. Zu den Profiteuren zählen zahlreiche Personen mit Nähe zur Macht: hochrangige Mitglieder der Regierungspartei, deren Familienmitglieder sowie Unternehmer, die ihre Holdings für die künstlichen Kurssteigerungen nutzten.
In den vergangenen Tagen erfasste der Betrug auch die oberste Etage der staatlichen Finanzinstitutionen. Jüngster Paukenschlag war die Verhaftung des mittlerweile abgesetzten Generaldirektors der türkischen Börse. Er sitzt nun gemeinsam mit Spitzenfunktionären der Börsenaufsicht, Erdogans einstigem Chefberater oder dem frühere Vize-Zentralbankchef in Untersuchungshaft.
Die Staatsanwaltschaft verdächtigt sie der Marktmanipulation, Bestechlichkeit oder der Mitgliedschaft einer kriminellen Organisation. Von den insgesamt 433 Verdächtigen befinden sich 121 in Untersuchungshaft. Die Zahl wird wohl weiter ansteigen. Justizminister Gürlek erklärte, dass die Aussagen der Festgenommenen laufend neue Verdächtige ans Licht brächten.
Die Leidtragenden des Börsenbetrugs sind derweil 455 758 private Kleinanleger. Es handelt sich um türkische Bürger aus dem Mittelstand, die ihre Ersparnisse und Altersvorsorge vor der hohen Inflation retten wollten und deshalb am heimischen Aktienmarkt investierten. Sie müssen mit herben Verlusten rechnen. Eine vollständige Erstattung des Geldes ist bis heute nicht garantiert. Doch die Regierung bemüht sich mit einer Reihe von Massnahmen um Schadensbegrenzung.
Laut Justizminister Gürlek haben die Beschuldigten bisher rund 600 Millionen Euro, die den Geschädigten zugutekommen sollen, freiwillig auf ein Konto zurückgezahlt. Mit demselben Ziel friert der Staat präventiv Konten und Immobilien Verdächtiger ein. Die Kapitalmarktaufsicht verlangt, dass die 131 betroffenen Fonds innerhalb von sechs Monaten aufgelöst und das restliche Geld an die betrogenen Anleger zurückfliesst. Das Parlament beschloss eine Notfallregelung, damit die beschlagnahmten Gelder schneller bei den Kleinanleger ankommen.
Popularität gefallen
Nicht nur die Opposition ist ob dem Betrug ausser sich, ein Grossteil der Bevölkerung ist empört. Er hat die Regierung in eine schwere Krisen gestürzt. Selbst regierungsnahe Medien verurteilen den Skandal scharf. Einer der loyalsten Kolumnisten der Tageszeitung «Hürriyet» schrieb wütend von einem «organisierten Raub», attackierte die Aufsichtsbehörden und forderte konsequente Säuberung. Es ist davon auszugehen, dass dies mit der Regierungsspitze abgesprochen war.
Denn die Darstellung deckt sich mit jener von Erdogan: Er verspricht schonungslose Aufklärung bis in die obersten Etagen. Zugleich spielt er den Betrug herunter und nennt ihn ein begrenztes Problem der Kapitalmärkte. Es ist der Versuch, die Wut der verprellten Kleinanleger auf korrupte Spitzenbeamte der Finanzbürokratie als Sündenböcke abzuwälzen. So schützt er die Staatsspitze um sich selbst und inszeniert sich als Krisenmanager, der durchgreift und aufräumt.
Erdogan weiss, dass viele der Kleinanleger zu seiner Kernwählerschaft zählen. Der Skandal hat sie verärgert und enttäuscht: Während viele von ihnen im Alltag mit explodierenden Lebenshaltungskosten kämpfen, müssen sie erfahren, wie sich die Elite auf illegale Weise auf ihre Kosten bereichert. Das Verbrauchervertrauen ist im Oktober im Vergleich zum Vormonat um 7,7 Prozentpunkte gefallen. Laut dem regierungsnahen Meinungsforschungsinstitut Genar verlor die Regierungspartei innerhalb eines Monats zudem fast drei Prozentpunkte an Beliebtheit.
Es herrscht Nervosität
Die Regierung hat die Deutungshoheit über den Skandal in Teilen der Bevölkerung verloren. Um die Berichterstattung über die politische Verstrickungen zu unterbinden, ging sie in den vergangenen Wochen verstärkt auf regierungskritische Medien los. Mitte Oktober stürmte die Polizei etwa den bekanntesten oppositionellen Nachrichtensender Halk TV inmitten einer Live-Übertragung über den Finanzskandal und stellte ihn unter staatliche Zwangsverwaltung. Dies geschah unter dem Vorwand angeblicher Bestechung und Geldwäsche gegen den Eigentümer.
Unabhängige Nachrichtenportale wurden blockiert, ebenso wie Hunderte von Social-Media-Konten von Ökonomen und Finanzanalysten. Auch namhafte Journalisten, welche die politische Dimension des Skandals aufdeckten, wurden festgenommen. Ihnen wird die Verbreitung irreführender Informationen vorgeworfen. Das Vorgehen der Regierung zeigt: Sie ist nervös.
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Source: Neue Zürcher Zeitung · Nicole Anliker
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