Migros-Umbau: Mario Irmingers Radikalkur hat dem orangen Riesen eine Identitätskrise beschert

Der Migros-Chef Irminger wird die Genossenschaft noch vor der Neuorganisation verlassen. Er hat die Migros ausgemistet und auf Veränderung eingestellt, hinterlässt aber ein kulturelles Vakuum.

27.10.2026, 05.30 Uhr

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Mario Irminger, Präsident der Generaldirektion des Migros-Genossenschafts-Bunds, soll Platz machen für Kräfte, die den Umbau bis zum Schluss umsetzen können.

Mario Irminger, Präsident der Generaldirektion des Migros-Genossenschafts-Bunds, soll Platz machen für Kräfte, die den Umbau bis zum Schluss umsetzen können.

Peter Klaunzer / Keystone

Für die Migros ist es nicht weniger als eine Revolution: Aus elf Genossenschaften soll eine einzige Gruppengenossenschaft werden. Der Migros-Chef Mario Irminger spricht von einer «historischen Weichenstellung», von einem «epochalen Schritt». Doch ausgerechnet Irminger selbst, der Architekt des geplanten Umbaus, wird zum Opfer der eigenen Revolution.

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«Es ist der richtige Zeitpunkt, den Stab weiterzugeben. Wir haben erreicht, was uns viele nicht zugetraut hätten», sagte er am Montag in Bern, umringt von den Präsidenten der zehn Regionalgenossenschaften. Der 61-Jährige soll nach der Abstimmung über die Neuorganisation im Sommer 2027 weg sein. Irminger ist seit drei Jahren im Amt. Ebenso gehen wird Peter Diethelm, Chef der Supermarkt AG.

Es brauche Persönlichkeiten, die den mehrjährigen Prozess ganz begleiten könnten, erklärt Irminger. Diethelm und er, beide werden nächstes Jahr 62, könnten das nicht mehr. Irminger sagt, die Migros agiere aus einer «Position der Stärke», finanziell sei sie kerngesund. Was er nicht sagt: Es war sein Verdienst, dass die Migros nun vor der historischen Chance steht, ihre komplexen Strukturen aufzubrechen.

Heissen die 2,3 Millionen Migros-Genossenschafter im Juli 2027 den Umbau in einer Urabstimmung gut, wird das der Höhepunkt von Irmingers Karriere sein. Seine Laufbahn prädestinierte ihn für den Migros-Topjob, den er nun auf der letzten Meile abgeben muss. Er, der in den vergangenen Jahren zum Architekten der neuen Migros geworden ist. Ein Rückblick.

DNA eines Discounter-Chefs

Irminger hat keine jahrzehntelange Laufbahn in den Genossenschaften hinter sich, wie viele Migros-Manager. Nach 15 Jahren bei Heineken Schweiz kam er 2010 zum Schweizer Discounter. An der Spitze von Denner machte er sich einen Namen als Sanierer. Er stieg als Finanzchef ein und überzeugte den damaligen Denner-Präsidenten Philippe Gaydoul schon nach wenigen Monaten. Gaydoul attestierte ihm «unternehmerische Dynamik» und Qualitäten als «Teamplayer». 2011 machte er Irminger zum Denner-CEO.

«Denner bot mir die Chance, die Mechanismen des Detailhandels von A bis Z kennenzulernen», sagte Irminger in einem NZZ-Interview. Über ein Jahrzehnt lang prägte der Zürcher die Migros-Tochter Denner massiv. Er entstaubte die Verkaufsstellen und baute das Filialnetz auf über 850 Standorte stark aus. Er positionierte Denner als erfolgreichsten Detailhändler hinter Migros und Coop.

Ging es um Preise, fürchtete Irminger keine Auseinandersetzung, auch nicht mit Branchenriesen wie Coca-Cola oder Nestlé. Bis vor seinem Wechsel zur Migros 2023 steigerte er den Umsatz des Discounters auf rund 3,8 Milliarden Franken. Doch seit seinem Abgang stagniert Denner – und verliert sogar Marktanteile.

Der Denner-Erbe Gaydoul schoss in letzter Zeit scharf gegen seinen ehemaligen Protégé. In einem Interview mit der «NZZ am Sonntag» warf er ihm vor, den Discounter vernachlässigt zu haben: «Viele Läden sehen fast so aus wie vor bald zwanzig Jahren», sagte Gaydoul. Unter Irminger sei zu wenig investiert worden.

Als Sanierer angetreten

Dank seiner vermeintlich hervorragenden Bilanz bei Denner empfahl sich Irminger im Mai 2023 als Nachfolger von Fabrice Zumbrunnen als neuer Präsident der Generaldirektion des Migros-Genossenschafts-Bundes. Er trat mit dem klaren Auftrag an, das schwerfällige Migros-Gebilde grundlegend zu restrukturieren und wettbewerbsfähiger zu machen. Die Migros drohte weiter hinter der Marktführerin Coop zurückzufallen und wurde im Preiskampf von den deutschen Discountern Lidl und Aldi bedrängt.

Irminger fokussierte die Migros wieder auf das Kerngeschäft der Supermärkte und verordnete dem Konzern ab 2024 eine radikale Schrumpfkur: Die Migros trennte sich von den Alnatura-Bio-Supermärkten, verkaufte das Möbelhaus Micasa und stellte die Fachmärkte Do It & Garden sowie die Sportkette Sport X ein. Die Kosmetikgruppe Mibelle ging nach Spanien. Sogar die Reisebürokette Hotelplan, die stark für das kulturelle Erbe des Migros-Gründers Gottlieb Duttweiler steht, stiess Irminger ab.

Doch während er das Portfolio bereinigte und den Supermärkten eine Tiefpreisstrategie verpasste, um der Herausforderung durch die Discounter zu begegnen, kämpfte die Migros mit Soft-Faktoren: Sie drohte ihre ursprüngliche Identität zu verlieren. Im Schweizer Fernsehen Ende 2025 sagte Irminger auf die Frage, ob es nur noch um den Preis gehe und was die Migros von Aldi oder Lidl unterscheide: «die grossartige Frischeleistung».

Historische Strukturrevolution

So hilflos sich Irminger bei emotionalen Fragen gibt, so entschlossen agiert er bei seinem strategischen Vorhaben. Gelingt die Fusion zu einer neuen Gruppengenossenschaft, würden die komplizierte föderale Machtstruktur der Migros und ihre regionalen «Fürstentümer» zerschlagen. Eine 101-jährige Organisation würde sich auflösen. Die Aussichten sind gut, dass sich die Migros besser gegen die agile Konkurrenz behaupten könnte.

Dennoch hinterlässt Irminger ein Vakuum. Denn niemand weiss mehr genau, wofür die Migros eigentlich steht, ausser für tiefere Preise. Und noch weniger, wofür die neue, zentralisierte Migros stehen wird. Die Migros gehört in ihrem Selbstverständnis zur Schweiz wie die Demokratie oder die Alpen. Doch die Identitätsfrage wird der Abgang des Sanierers Irminger nicht lösen.

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Source: Neue Zürcher Zeitung · Eflamm Mordrelle

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