«Meine Liebe für das Meer ist stärker als meine Angst vor Haien», sagt ein australischer Surfer, der einen Haiangriff nur knapp überlebte

Vor fünfzehn Jahren wurde Dave Pearson bei einem Haiangriff schwer verletzt. Schon kurz darauf begann er wieder zu surfen. Heute hilft er anderen Opfern von Haiangriffen, mit dem Schock umzugehen.

02.11.2026, 05.30 Uhr

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Dave Pearson in seinem Element. Schon kurz nachdem er vom Hai angegriffen worden war, stieg er wieder ins Meer.

Dave Pearson in seinem Element. Schon kurz nachdem er vom Hai angegriffen worden war, stieg er wieder ins Meer.

Dave Pearson blickt hinaus aufs Meer. Es ist tiefblau, langsam ziehen die Wellenkämme an den Strand, brechen schäumend. «Schau, da ist ein Wal», sagt Dave und zeigt auf die Gischtwolke weit draussen. Dann entdeckt er eine Gruppe von Delfinen – ihre Rückenflossen flitzen elegant durchs Wasser. «Ziemlich genau da, wo die Delfine sind, hat mich der Hai angegriffen.» Als bedeute das nichts, geht er mit dem Surfboard unter dem Arm über den glitschigen Fels zum Wasser. Und springt hinein.

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Der Hai, von dem Dave so lakonisch spricht, griff ihn am 23. März 2011 an. Es sei ein ähnlich schöner Tag gewesen wie heute an der Crowdy Bay. An Australiens Ostküste gelegen ist dies Daves Heimstrand, rund zwanzig Minuten von seinem Wohnort Coopernook entfernt. Crowdy Bay ist kein berühmter Strand wie Bondi oder Manly bei Sydney, eher etwas für Einheimische und Kenner.

Der Hai griff an einem wunderschönen Tag an

Damals vor fünfzehn Jahren war Spätsommer – jetzt im Oktober beginnt die warme Jahreszeit in Australien gerade. Auch damals stieg Dave über die Felsen ins Wasser, die quer zum Strand verlaufen; so kommt er schneller in die Wellen, als wenn er vom Sandstrand hinauspaddelt.

Der damals 48-Jährige ritt drei Wellen, paddelte hinaus zur nächsten. Plötzlich erhielt er einen Schlag gegen den Kopf. Halb benommen nahm er wahr, wie ihn etwas packte. Er wurde nach unten gezogen, kurz darauf war er wieder frei. Das Wasser um ihn färbte sich blutrot. «Da wurde mir klar, dass mich ein Hai gebissen hatte. Ich dachte: ‹Mist, ich muss die Blutung stoppen. Wenn ich das nicht schaffe, ist es aus mit mir.›»

Später erfuhr Dave, dass es ein drei Meter langer Bullenhai war, dessen Zähne sich in sein Surfbrett und seinen Arm gebohrt hatten. Neben Weissen Haien und Tigerhaien sind Bullenhaie für die meisten Angriffe auf Menschen verantwortlich. Dave kletterte aufs Brett, presste seinen Oberkörper auf den fast abgerissenen Arm. Ein verzweifelter Versuch, die Blutung zu stoppen.

Die Fussfessel als Lebensretter

Die nächste Welle warf ihn wieder vom Brett. Die Strömung zog ihn nach unten. In der Brandung wurde Dave umhergeworfen wie in einer Waschmaschine. Langsam ging ihm die Luft aus. In dem Moment, so erinnert er sich, habe er mit seinem Leben abgeschlossen.

«Doch dann dachte ich an meine Partnerin, meine Eltern, meine Kinder. Und ich sagte mir: ‹Nicht heute! Heute ist nicht der Tag zum Sterben.›» Als er den sandigen Meeresboden spürte, stiess er mit letzter Kraft ab. Zwei «mates», seine Surffreunde, halfen ihm an den Strand. Sie waren zu Dave gepaddelt, obwohl der Hai noch in der Nähe war.

Behelfsmässig banden sie den stark blutenden Arm ab. Als Tourniquet benutzten sie Daves Fussfessel, die Leine, die Surfer am Bein befestigen, damit sie ihr Brett nicht verlieren.

Dave wusste genau, wie kritisch sein Zustand war. «Mein Puls raste mit 240 Schlägen pro Minute, ich war kurz davor, einen Schock zu erleiden.» Dave ist ausgebildeter Nothelfer, hat als Handwerker mehrere Arbeitsunfälle erlebt. Jede Woche fährt er Hunderte von Kilometern zu seinen wechselnden Baustellen – über die Jahre leistete er immer wieder bei Verkehrsunfällen Ersthilfe. «Normalerweise bin ich derjenige, der Verantwortung übernehmen muss. Nun konnte ich darauf zählen, dass meine ‹mates› das für mich tun.»

Professionelle Nothilfe braucht in Australien Zeit

Für australische Verhältnisse ist Crowdy Bay nicht extrem abgelegen. Der Ort liegt knapp vier Autostunden nördlich von Sydney. Doch das nächste Spital, das Schwerverletzte behandeln kann, ist in Newcastle. Bis dort sind es rund 200 Kilometer. Es dauerte mehr als eine Stunde, bis eine Ambulanz am Strand eintraf.

Derweil kämpfte Dave auf einem Picknicktisch liegend um sein Leben. Zu seinen zwei «mates» kam der Nothelfer des nahe gelegenen Strandklubs. Der brachte einen Sanitätskasten. Und auch Daves Lebenspartnerin Debbie eilte sofort an den Strand, als sie vom Angriff erfuhr. Sie ist Krankenschwester. «Ich hatte also das beste medizinische Team bei mir, das es vor Ort gibt», sagt Dave. Australischer Humor ist so trocken wie der Outback.

Mit 60 suchte Dave noch eine neue Herausforderung. Vom normalen Surfbrett stieg er auf eines mit Foils um. Diese kleinen Tragflächen heben das Brett aus dem Wasser – so erreicht der Surfer viel höhere Geschwindigkeiten. Vor fünfzehn Jahren

Mit 60 suchte Dave noch eine neue Herausforderung. Vom normalen Surfbrett stieg er auf eines mit Foils um. Diese kleinen Tragflächen heben das Brett aus dem Wasser – so erreicht der Surfer viel höhere Geschwindigkeiten. Vor fünfzehn Jahren wurde Dave Pearson bei einem Haiangriff schwer verletzt. Schon kurz darauf begann er wieder zu surfen. Heute hilft er anderen Opfern von Haiangriffen, mit dem Schock umzugehen.

Endlich wurde Dave mit dem Helikopter ins Spital nach Newcastle geflogen. Sein Zustand war noch immer so kritisch, dass der Notarzt Debbie bat mitzufliegen. So wäre sie während des 40-minütigen Flugs an Daves Seite gewesen, wenn er es nicht geschafft hätte.

Als Dave in den Operationssaal geschoben wurde, sagte ihm der leitende Chirurg, dass er nicht sicher sei, ob sein Arm zu retten sei; Venen, Arterien, Muskeln, Knochen – alles hatten die Zähne des Hais zermalmt. «Ich war in dem Moment einfach nur froh, am Leben zu sein», erinnert sich Dave. «Ich sagte mir: ‹Ich werde dann schon einen Weg finden, mit nur einem Arm zu leben.›»

Als Dave aus der Narkose aufwachte, war der linke Arm noch da. Fest eingebunden zwar und höllisch schmerzend. Eine Krankenschwester fragte ihn, ob er je wieder surfen werde. «Auf jeden Fall: Meine Liebe für das Meer ist stärker als meine Angst vor Haien.»

Nach einer Woche wieder am Strand

Eine Woche später, erst gerade aus dem Spital entlassen, stand Dave wieder am Strand von Crowdy Bay. Sein Arm war noch lange nicht verheilt, von Surfen konnte nicht die Rede sein. «Doch ich watete ins Wasser. Ich wollte mir zeigen, dass es geht.»

Bevor er zurück aufs Surfbrett konnte, musste er wieder lernen, seinen Arm zu gebrauchen. Hinauspaddeln gegen die Wellen erfordert viel Kraft. Wenn man dann auf der Welle ist, muss man sich auf dem Brett aufrichten. Daves Arm war nach Wochen in der Bandage völlig steif und kraftlos. Mit Physiotherapie und eisernem Willen wurde der Arm wieder funktionsfähig. Am 12. Juni, dem Geburtstag seines Sohnes, stand Dave erstmals wieder auf dem Brett.

Heute sieht man dem 63-Jährigen nicht an, dass er von einem Hai attackiert wurde. Das sichtbarste Zeichen ist die Tätowierung am Arm, wo der Hai zubiss. Sie zeigt einen Bullenhai und die Inschrift: «Survivor. 3 m Bull 23-3-11» – das Datum, das sein Leben veränderte. Die Schmerzen, welche ihn heute noch regelmässig plagen, behält Dave für sich.

Links: Dave liess das Datum der Haiattacke auf seinen verletzten Arm tätowieren. Rechts: Diese aufgeklebten Augen auf der Unterseite des Surfbretts sollen Haie von einem Angriff abhalten.

Doch der physische Heilungsprozess war das eine. Da war auch die bohrende Unsicherheit, wie es weitergeht. Die Frage, wie er sein Leben wieder meistern kann. Wie lange die Schmerzen anhalten. Die nagende Angst, dass er nicht gesund genug wird, um für seine Familie zu sorgen.

Die psychischen Wunden verheilen langsamer als die physischen

Ärzte und Psychologen konnten Dave nur bedingt Antworten auf seine Fragen geben. Also kontaktierte er andere Opfer von Haiangriffen. Und er merkte bald: «Es geht uns allen gleich.» Daher gründete er eine Selbsthilfegruppe.

Mit einem Augenzwinkern nannte er sie Bite Club, den Klub der Gebissenen. 650 Mitglieder hat der Klub heute, 300 von ihnen ausserhalb Australiens. Aufgenommen werden auch Opfer anderer Raubtiere, etwa solche, die von Löwen oder Krokodilen angegriffen wurden. Das schwarze T-Shirt oder den Hoodie mit dem Haiflossen-Logo des Klubs trägt Dave mit Stolz.

Wenn immer möglich, bringt Dave ein paar Mitglieder des Bite Club zusammen. «Wenn wir zusammensitzen, tritt der Haiangriff in den Hintergrund. Wir sind einfach ein paar Menschen, die zusammen ein Bier trinken und eine gute Zeit haben wollen», sagt Dave. Im einzigen Pub seines Wohnorts, dem Coopernook Hotel, drehe sich auch niemand mehr um, wenn jemand an der Bar sitze, dem ein Bein oder ein Arm fehle.

Dave Pearson steigt am Strand von Crowdy Bay ins Wasser – genau dort, wo er von einem Hai attackiert wurde.

Dave Pearson steigt am Strand von Crowdy Bay ins Wasser – genau dort, wo er von einem Hai attackiert wurde.

Viele Haiopfer erlebten ein halbes Jahr nach dem Angriff eine tiefe Krise, sagt Dave. Nach zwei Jahren gehe es den meisten aber dann so gut, dass sie ihr Leben wieder geniessen könnten. «Das sage ich heute jedem, der erst gerade einen Haiangriff überlebt hat.» Die Spitäler der Region kennen Daves Nummer. Haiopfer können ihn kontaktieren, wenn sie wollen.

Häufig passiert das nicht. Pro Jahr werden in Australien im Schnitt 14 Personen bei Haiangriffen verletzt, 7 weitere kommen ohne physische Verletzungen davon. In den letzten 25 Jahren wurden insgesamt 58 Personen von Haien getötet. Zum Vergleich: Allein 2025 kamen auf Australiens Strassen 1306 Personen ums Leben. Statistisch gesehen ist Daves Arbeitsweg viel gefährlicher als sein Hobby.

Auf den Einwurf, dass es doch gar nicht viele Haiopfer gebe, meint Dave: «In meiner Welt gibt es viele.» Als er an diesem Oktobermorgen an den Strand von Crowdy Bay fährt, trifft Dave auf Bruce Lucas. Auch er wurde von einem Hai angegriffen.

Bruce sah den Hai auf sich zuschwimmen. Als der Hai ihn packte, schlug er ihm gegen die Nase. Da liess der Hai los. «Daher hat mich der Hai bloss ein bisschen gekratzt», so spielt Bruce die Begegnung mit dem Raubtier herunter: Sein Arm musste mit 33 Stichen genäht werden.

Was fühlt Dave, wenn er von einem Haiangriff hört? Erst im vergangenen Jahr kam an der Crowdy Bay eine junge Schweizerin ums Leben, ihr Partner wurde vom Hai verletzt. «Wenn es hier in der Nähe passiert, greife ich sofort zum Telefon. Vielleicht kenne ich die Person ja», sagt er. Viele seiner Freunde surfen. Seine Partnerin surft, seine Tochter auch, wenn auch selten. Seinen Grosskindern bringt er das Surfen selber bei. Auch sie sollen die Liebe zum Meer spüren.

Das Risiko muss jeder selber tragen

Die Frage, wie Haiangriffe verhindert werden können, wird in Australien hochemotional geführt. An einigen Stränden in der Nähe von Grossstädten werden Netze montiert – doch darin verheddern sich auch Delfine oder Meeresschildkröten, die elendiglich verenden. Andernorts werden Haken mit Ködern gesetzt, um Haie zu fangen. Auch gibt es eine App, die warnt, wenn Haie gesichtet werden. Dazu werden immer häufiger auch Drohnen eingesetzt.

Crowdy Bay gehört nicht zu den überwachten Stränden. Dave hat selber eine Drohne, mit der er manchmal das Wasser absucht. An diesem Oktobermorgen ist es dafür aber zu windig. Dave schaut daher nach anderen Anzeichen, die auf Haie hindeuten könnten. Etwa Fischschwärme. Doch er entdeckt nichts Besorgniserregendes.

Und überhaupt: «Wenn man Haiangriffe komplett verhindern möchte, müsste man alle Haie in den Ozeanen töten – und das ist unmöglich.» Am Ende sei jeder für sich selber verantwortlich.

«Jedes Mal, wenn ich mir die Fussfessel anlege, bevor ich ins Wasser gehe, frage ich mich: ‹Bin ich bereit, für diese Wellen zu sterben?›» Es sei ein bewusster Entscheid, ins Wasser zu gehen. «Genau diesen Entscheid habe ich im März vor fünfzehn Jahren gefällt.»

Dave hat den Bite Club gegründet, der Opfern von Haiangriffen hilft, mit den psychischen Folgen fertigzuwerden. Auch sein «mate» Bruce (links) wurde beim Surfen von einem Hai attackiert.

Dave hat den Bite Club gegründet, der Opfern von Haiangriffen hilft, mit den psychischen Folgen fertigzuwerden. Auch sein «mate» Bruce (links) wurde beim Surfen von einem Hai attackiert.

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Source: Neue Zürcher Zeitung · Patrick Zoll

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