Medikamentenpreise: Zürcher Forscher warnen vor vorauseilendem Gehorsam gegenüber USA

Experten der Universität Zürich halten es für unwahrscheinlich, dass die USA von der Schweiz höhere Arzneimittelpreise einfordern werden. Von der Idee der Meistbegünstigung sei wenig übriggeblieben.

02.11.2026, 15.00 Uhr

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Nach dem Willen von Präsident Donald Trump sollen Medikamente in den USA deutlich billiger werden. Doch die Umsetzung gestaltet sich schwierig.

Nach dem Willen von Präsident Donald Trump sollen Medikamente in den USA deutlich billiger werden. Doch die Umsetzung gestaltet sich schwierig.

Evan Vucci / Reuters

Der amerikanische Präsident Donald Trump drängt darauf, dass die USA nicht mehr die Gesundheitskosten anderer Industrieländer subventionieren. Bis anhin war es üblich, dass Medikamente dort ungefähr das Drei- bis Vierfache dessen kosteten, was in Europa, Kanada oder in Japan dafür verlangt wird. Neu soll das Prinzip der Meistbegünstigung gelten: Medikamente sollen in den USA nur noch so viel kosten dürfen wie im günstigsten aller anderen Industriestaaten.

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Die Idee sorgt umgekehrt für Nervosität in Europa. Auch in der Schweiz ist die Sorge gross, künftig deutlich mehr für Pharmaprodukte bezahlen zu müssen oder gar nicht mehr erst Zugang zu neuen Medikamenten zu erhalten.

«Eine starke Relativierung»

Dahinter steht die Überlegung, dass die Preise in den USA nur sinken können, wenn andere Länder mehr für ihre Medikamente bezahlen. Die mächtige Pharmaindustrie werde es, so erwarten die meisten Branchenbeobachter, nicht zulassen, unter dem Strich weniger zu verdienen als bis anhin.

Nun kommt eine Studie der Schweizer Rechtsexperten Kerstin Noëlle Vokinger und Simon Hediger, die in der Fachzeitschrift «Jusletter» erschienen ist, indes zum Schluss, dass die Auswirkungen weit weniger gravierend ausfallen könnten als befürchtet. «Die Entwicklungen der letzten Monate und insbesondere Wochen implizieren eine starke Relativierung», so halten die beiden Autoren fest.

Vokinger und Hediger weisen darauf hin, dass der erste Anwendungsbereich der Meistbegünstigungsklausel, das sogenannte GLOBE-Programm, «auf ein Minimum» geschrumpft sei. Dieses sieht wie GUARD, ein zweites Programm, den Vergleich der Medikamentenpreise in den USA mit jenen in 19 weiteren Staaten, einschliesslich der Schweiz, Deutschland und Österreich, vor. Beide Programme sind für die staatliche Krankenversicherung Medicare massgebend, die sämtlichen Patienten in den USA im Alter ab 65 offensteht.

Laut den Autoren zeigte sich in den vergangenen Wochen, dass «nur ein Bruchteil» aller ursprünglich vorgesehenen Arzneimittel von GLOBE erfasst wird. Zudem würden lediglich noch vier Medikamentenhersteller mit ihren Produkten darunter fallen. Auch sei bereits eine Klage gegen die Regierung durch den amerikanischen Pharmaverband PhRMA ergangen, der das Programm als nicht rechtmässig einstuft.

Schweiz hat nicht die niedrigsten Preise

Wie Vokinger und Hediger weiter ausführen, dürfte GLOBE dem amerikanischen Gesundheitswesen nur noch Einsparungen von 440 Millionen Dollar über sieben Jahre ermöglichen. Ursprünglich sei die Rede von fast 12 Milliarden Dollar gewesen. Beim zweiten Programm GUARD seien die finalen Anpassungen in Kürze zu erwarten. Die beiden Rechtsgelehrten von der Universität Zürich halten es für möglich, dass diese die erhofften Einsparungen in ähnlicher Form begrenzen.

Was die Schweiz betrifft, fanden die beiden Autoren heraus, dass entgegen anderslautenden bisherigen Behauptungen hierzulande auch kaufkraftbereinigt die Medikamentenpreise nicht am tiefsten sind. Bis anhin wurde vor allem aufseiten der Pharmaindustrie argumentiert, die Schweiz könnte künftig zu besonders starken Preiserhöhungen gezwungen sein, weil sie unter Berücksichtigung ihrer hohen Kaufkraft besonders wenig für Arzneimittel bezahle.

Bei der Analyse eines Warenkorbs mit 238 Medikamenten zeigte sich, dass die Schweiz unter 18 Ländern im Ranking der tiefsten Preise den sechsten Platz belegte. Ohne Berücksichtigung der Kaufkraft landete sie auf Rang 11. So gesehen, meinen die Autoren, wäre die Schweiz im Rückblick wohl auch selten massgebend in Sachen Meistbegünstigung gewesen. Mit anderen Worten: Die US-Regierung hätte sich in den meisten Fällen an anderen Ländern orientiert, wenn sie schon früher nur die jeweils günstigsten Preise akzeptiert hätte.

Vokinger und Hediger räumen zugleich ein, dass es relevant sei, dass der Pharmastandort Schweiz stark bleibe. Der Industriezweig ermögliche zahlreiche Arbeitsplätze und sei ein bedeutender Steuerzahler. Dennoch sollte sich ihres Erachtens die Schweiz nicht unter Druck setzen lassen und gewissermassen in vorauseilendem Gehorsam Preiserhöhungen beschliessen. Es sei zurzeit alles andere als klar, ob die USA ihre Programme zur Einführung der Meistbegünstigung umsetzten. Und falls dies tatsächlich geschehe, stellten sich grosse Fragen zum Umfang und zur Dauer der Massnahmen.

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Source: Neue Zürcher Zeitung · Dominik Feldges

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