Männlich, weiblich oder beides: Michel Foucault erzählt, wie der Zwang zum «richtigen Geschlecht» entstand
Im nachgelassenen Buch «Die Hermaphroditen» beleuchtet der Philosoph den Wandel von einem Rechtssystem, in dem Geschlecht eine Sache der Wahl war, zu einem System, das auf «Wahrheit» beruht.
Sarah Pines05.11.2026, 05.30 Uhr
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Im Schlaf muss sich Hermaphroditus sich keine Gedanken darüber machen, ob er Mann oder Frau ist.
VCG Wilson / Corbis / Getty
Nicht Mann, nicht Frau, sondern beides. In der Frau verlorener Mann, im Mann verlorene Frau. Der Hermaphrodit steht am Anfang aller Debatten über sexuelle Identität und Geschlecht. Als unfassbares göttliches Wesen, als Monster, als Objekt der Begierde. In der griechischen Mythologie taucht er auf: Hermaphroditos, der Sohn der Liebesgöttin Aphrodite und des Hermes, der seine Jugend bei Nymphen auf einer Insel verbringt. Eine der Nymphen, Salmacis, verliebt sich in ihn, umarmt ihn, zieht ihn ins Wasser. Und bittet die Götter, nie wieder von ihm getrennt zu werden. Der Wunsch geht in Erfüllung, die beiden Körper werden zu einem, der die Eigenschaften von beiden Körpern hat. Erst habe Hermaphroditos das alles nicht gewollt, heisst es. Dann aber sei er glücklich gewesen.
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Der Hermaphrodit ist die Ausgeburt eines Traums. In ihm liegt die Sehnsucht nach einer längst vergangenen mythischen Zeit, in der die Geschlechter noch nicht getrennt waren, und zugleich die Utopie einer Gesellschaft der Bisexualität, in der das Geschlecht dereinst keine Rolle mehr spielen wird. Literatur und Kunst sind voll von Hermaphroditen, die sich den gängigen Zuordnungen entziehen und sich die Freiheit bewahren, nicht das zu sein, was andere in ihnen sehen wollen. Im 19. Jahrhundert schrieb Honoré de Balzac die Novelle «Sarrasine» über den Kastraten und Opernsänger La Zambinella. Jeffrey Eugenides’ Buch «Middlesex», das 2003 den Pulitzerpreis gewann, erzählt die Geschichte des Intersexuellen Calliope Stephanides.
Für den französischen Philosophen Michel Serres war der Hermaphrodit ein Sinnbild für absolute Intellektualität. Eine Metapher für weites, von allen Beschränkungen befreites Denken und die Vermischung der Disziplinen im Geist. Michel Foucault sah es ähnlich: Der Hermaphrodit ist für ihn das, was frei von jeder Zuordnung ist. Ein Sowohl-als-auch, nicht der Disziplinen, sondern der Lust, die kein eindeutiges Geschlecht, keine eindeutige Sexualität kennt (vor allem nicht im Sinne der kulturkämpferischen Debatten von heute), sondern im «glücklichen Limbus der Nicht-Identität» stattfindet.
Das Leben von Herculine
Mehr als vierzig Jahre nach Foucaults Tod ist nun ein weiteres Buch aus seinem Nachlass erschienen. In «Die Hermaphroditen» geht es um die zweigeschlechtlichen Wesen. Aber nicht im Sinn einer vermeintlichen Idylle und poetischen Verträumtheit. Foucault setzt beim gesellschaftlichen Entsetzen über den «Zwitter» an und versucht, daraus die Machtmechanismen zu analysieren, die dazu führten, dass geschlechtliche Vermischung beargwöhnt, bekämpft und aufgelöst wurde.
Grundlage des Buches ist die Lebensgeschichte von Herculine Barbin aus dem 19. Jahrhundert, die als Frau geboren wurde und sich später entschloss, als Mann zu leben. Dazu analysiert Foucault Gerichtsprozesse vom 16. bis zum 20. Jahrhundert und die öffentlichen Debatten, die sie auslösten. Immer wieder wurden intergeschlechtliche Menschen wegen Sodomie oder illegaler Heirat angeklagt, wenn sie abweichend von ihrem juristisch zugeteilten Geschlecht homosexuell lebten.
Dennoch waren vormoderne Gesellschaften von der römischen Antike bis zur Renaissance körperlicher Uneindeutigkeit gegenüber relativ tolerant. Hermaphroditen galten zwar als schwer zu fassende Monstrositäten, durften aber ihr Geschlecht frei wählen. Das Geschlecht – zur Wahl standen nur die Kategorien Frau oder Mann – war Angelegenheit persönlicher Entscheidung und eines Rechtssystems, das diese legitimierte.
Kontrolle statt Gewalt
Vom 17. Jahrhundert an allerdings entstand ein System, das davon ausging, dass jedes Individuum ein «wahres» Geschlecht habe (Mann oder Frau), das nicht vom einzelnen Menschen, sondern von der Medizin bestimmt werden sollte. Der Hermaphrodit war kein Monster mehr, das Geschlecht aber auch nicht mehr eine frei wählbare Option. Uneindeutigkeit galt als krankhafte Abweichung.
Macht und Wissen sind eng miteinander verknüpft, das hat Michel Foucault in seinen Büchern immer wieder gezeigt. Anhand des Strafvollzugs hat er auch dargelegt, wie sich seit dem 17. und 18. Jahrhundert die Disziplinarmacht des Staates immer weiter ausbreitet: eine systemische Macht, die nicht mehr auf brutale Gewalt setzt, sondern als eine Form von Kontrolle auftritt, der sich das Individuum ausgesetzt sieht. Sie aktiviert dessen Selbstkontrolle und durchdringt den Körper und Alltag der Menschen.
Der Umgang mit dem Hermaphroditen zeigt: Der gesellschaftliche Diskurs darüber, was richtig und falsch ist, und die Machtmechanismen, die sich daraus ergeben, unterliegen einem historischen Wandel. Die «souveräne Macht» vormoderner Gesellschaften «liess leben» und «machte sterben»: Der Souverän, konkret der König, hatte die Macht über den Tod, aber in die Regulation des Lebens griff er kaum ein. Mit dem Aufkommen der frühen bürgerlichen Gesellschaft im späten 17. und im 18. Jahrhundert und mit dem Siegeszug der industriellen Gesellschaften im 19. Jahrhundert änderten sich die Lebensweisen und damit auch die Machtverhältnisse. Das machte vor dem Geschlecht nicht halt.
Die Melodien der Diskurse
Für Foucault gibt es das biologische Geschlecht, das entweder klar umgrenzt oder im Fall des Hermaphroditen uneindeutig ist. Und es gibt die sexuelle Subjektivität, das nach allen Seiten offene «sexuelle Sensorium», das in jedem Menschen anders wirkt. Die kulturkämpferischen Debatten um Sexualität und Geschlecht, wie sie heute geführt werden, würde er wohl als Resultat der Machtmechanismen und Identitätszwänge moderner Gesellschaften verstehen. Man kann «Die Hermaphroditen» deshalb nicht als Stichwortgeber für den linken Kulturkampf lesen, in dem das Mantra mitschwingt: Geschlechtliche Binarität ist ein überholtes Konzept, wir alle sind im Grund unserer Seele Hermaphroditen. Es ist komplizierter.
Foucault hat die heutigen Grabenkämpfe um Geschlecht und Gender nicht mehr erlebt. Vielleicht sind sie ein Beweis dafür, dass wir die systemische Macht verinnerlicht haben. Kaum eine andere Zeit hatte weniger Sinn für Ambivalenzen als die unsere, die in einem unseligen Schwarz-Weiss-Denken gefangen ist. Wir wählen zwar unsere Identitäten, Sexualitäten und geschlechtlichen Zugehörigkeiten. Wir werden beobachtet und beobachten. Wir klassifizieren, trennen, schliessen Menschen aus und ein und machen uns selbst zu dem, was wir sein wollen. Aber vielleicht tun wir das alles nicht autonom, sondern aus den Tiefen der Machtdispositive heraus, denen wir unterworfen sind. Wir tanzen nach den Melodien der Diskurse.
Michel Foucault: Die Hermaphroditen. Aus dem Französischen von Andrea Hemminger. Suhrkamp-Verlag, Berlin 2026. 154 S., Fr. 39.90.
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Source: Neue Zürcher Zeitung · Auswärtige Autoren NZZ
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