Magier oder Faschist? Israel stimmt über Benjamin Netanyahu ab

Uri Geller stellt den amtierenden Ministerpräsidenten auf eine Stufe mit Churchill. Andere Israeli würden sich eher ein Ohrläppchen abreissen, als noch einmal den Likud zu wählen. Begegnungen zwischen Jaffa, dem Wadi Ara und der libanesischen Grenze.

27.10.2026, 05.30 Uhr

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«Wir haben nur eine Chance, zu gewinnen»: Benjamin Netanyahu wirbt mit der Unterstützung des amerikanischen Präsidenten.

«Wir haben nur eine Chance, zu gewinnen»: Benjamin Netanyahu wirbt mit der Unterstützung des amerikanischen Präsidenten.

Abir Sultan / EPA

Er kann es noch immer. Mit der rechten Hand hält Uri Geller den Stiel, mit der linken reibt er für einen Moment zärtlich knapp unterhalb der Laffe. Dann: bling! Der Löffelkopf löst sich vom Stiel und fällt scheppernd auf den Boden seines Museums in Jaffa. Ganz ohne Hitze, nur mit Gedankenkraft, versichert der Magier. Seit fast sechs Jahrzehnten zieht Geller mit diesem Trick über die Bühnen und vor die Fernsehkameras der Welt. Es ist seine Paradenummer, und er wiederholt sie bereitwillig. Sie hat ihn weltberühmt und reich gemacht.

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Sprechen möchte er heute aber nicht über seine eigenen telepathischen Kräfte, sondern vielmehr über einen Mann, den er für einen «noch besseren Magier als Uri Geller» hält. Über Benjamin «Bibi» Netanyahu: Er sei ein Visionär und ein grosses politisches Talent. Fast so gross wie Churchill, vielleicht sogar ebenbürtig. Mit seiner Weltsicht und seiner Eloquenz fessle er die Welt, schwärmt Geller.

Der amtierende Ministerpräsident kann Zuspruch gebrauchen. Am Dienstag wählen die Israeli ein neues Parlament. Und Bibi droht, Zauberkräfte hin oder her, eine Niederlage. Sein Likud hat in den Umfragen zuletzt deutlich verloren, eine Regierungsmehrheit ist für ihn und die ihn unterstützenden Parteien unwahrscheinlich.

Doch Geller gibt nichts auf die Demoskopen. Zu viele im Land seien gegen Netanyahu, dazu die Presse, gewisse Sender. «Wie soll man solchen Zahlen glauben?», fragt er. Am Ende zähle nur das Wahlergebnis. Wo sein Stimmzettel landet, steht für ihn jedenfalls fest – beim Likud. Netanyahu sei der Einzige, der das Land führen könne.

Frust über die frommen Verwandten

Der Herausforderer: Der ehemalige Armeechef Gadi Eisenkot liegt in Umfragen vor Benjamin Netanyahu.

Der Herausforderer: Der ehemalige Armeechef Gadi Eisenkot liegt in Umfragen vor Benjamin Netanyahu.

Nir Elias / Reuters

Roni Margalit ist keine Berühmtheit, und Millionen hat er auch keine. Er ist 57 Jahre alt, Bauingenieur und wohnt in Ramat Gan, einer Stadt östlich von Tel Aviv. Mit Geller teilt er immerhin eines. Auch er hat schon einmal für Bibi gestimmt. «Vor langer, langer Zeit.» Heute würde er sich «eher das rechte Ohrläppchen abreissen», als Netanyahu noch einmal zu wählen. «Ohne Betäubung», der Zusatz ist ihm wichtig. «Er hat uns verarscht, ganz einfach», schimpft Margalit.

Sein Neffe sei inzwischen zum dritten Mal als Reservist eingerückt. «Und unsere netten Cousins sitzen in den Religionsschulen, drehen Däumchen und lesen fromme Texte.» Er meint die Ultraorthodoxen, die weitgehend vom Wehrdienst befreit sind. Das alles nur, weil «König Bibi» auf dem Thron bleiben wolle. Weil er fürchte, dass jemand seine Koalition sprenge und er am Ende doch noch ins Gefängnis müsse. Margalit spielt auf den Korruptionsprozess an, in dem sich Netanyahu seit 2020 verantworten muss.

Margalit wünscht sich einen Regierungschef, für den die Sicherheit des Landes an erster Stelle steht, nicht der eigene Machterhalt. «Deswegen wähle ich Gadi Eisenkot.» Der frühere Generalstabschef führt die Partei Yashar an, die in einigen Umfragen vor dem Likud liegt. Netanyahu verspottet ihn als zaudernden Kommandanten, seine Minister nennen ihn einen Linken. Margalit hält das für Unsinn. Ein Weichei sei Eisenkot nicht. Er habe schliesslich die Dahiya-Doktrin erfunden: Wer Israel angreift, muss mit voller Härte rechnen. Zugleich mache Eisenkot das politische Theater nicht mit, sondern ziehe seine Linie durch. Er wolle, dass auch die Ultraorthodoxen dienten. «Genau so einen brauchen wir jetzt.»

Ein Ministerpräsident Eisenkot? Für Geller wäre das «ein Desaster». Das fange schon beim Reden an. Eisenkot könne das Land nicht so vertreten wie Netanyahu. «Vor der Uno würde er stottern.» Der Vorwurf ist nicht neu. Im Likud-Lager lästert man seit Monaten über Eisenkots holpriges Englisch. Und dann seien da noch die Kriege, die Israel führe, gegen die Hamas, den Hizbullah und Iran. Was daraus würde, sollte Netanyahu abgewählt werden, darüber will Geller gar nicht erst nachdenken. «Es wäre einfach erschreckend schlecht.»

Allerdings steht auch Eisenkot eine schwere Wahl bevor. Der Parteienblock, der ihn unterstützt, kommt laut aktuellen Umfragen ebenfalls nicht auf eine Regierungsmehrheit.

Stimmung der Angst

Treten auf gemeinsamer Liste an: der Araber Mansour Abbas (r.) und der Jude Yoav Segalovitz.

Treten auf gemeinsamer Liste an: der Araber Mansour Abbas (r.) und der Jude Yoav Segalovitz.

David Goldman / AP

Fahrt nach Kafr Kara, einer arabischen Stadt im Wadi Ara, nah an der Grenze zum Westjordanland. Der Ort sorgte in letzter Zeit vor allem wegen seiner Gewaltkriminalität für Schlagzeilen. Verfeindete Clans schossen aufeinander, Familienfehden wurden ausgefochten. Allein seit Jahresbeginn sind in der Stadt vier Menschen ermordet worden – bei gerade einmal 21 000 Einwohnern. Im mehr als zwanzigmal so grossen Tel Aviv waren es im selben Zeitraum ebenso viele. «Die Menschen hier haben Angst», sagt Samir Khalil. Der Staat müsse viel stärker präsent sein, müsse Sicherheitskräfte und Polizisten schicken. «Aber das passiert einfach nicht. Sie lassen uns im Stich.»

Khalil ist arabischer Israeli, spricht aber fliessend Deutsch. Er hat im hessischen Giessen Betriebswirtschaft studiert. Von der amtierenden Regierung erwartet er nicht viel. Nicht einmal unbedingt wegen Netanyahu, sondern wegen der Leute, mit denen der Likud-Politiker regiert. «Leute wie Itamar Ben-Gvir wollen uns hier nicht haben. Also sorgen sie dafür, dass es uns so schlecht wie möglich geht.» Ausgerechnet der rechtsradikale Ben-Gvir, der für die Vertreibung der Palästinenser wirbt, ist als Minister für nationale Sicherheit für die Polizei zuständig.

Ein wenig Hoffnung macht Khalil die anstehende Wahl. Erstmals tritt mit Yoav Segalovitz ein Jude für die arabische Partei Raam an, auf Listenplatz zwei. Segalovitz war Polizeigeneral und leitete die Ermittlungs- und Nachrichtendienstabteilung. Er kennt die Probleme, über die Khalil klagt, aus seiner früheren Arbeit. Raam hat die Bekämpfung der Kriminalität zum zentralen Thema ihres Wahlkampfs gemacht.

Dass Segalovitz antritt, findet Khalil mutig. Unter Juden müsse sich dieser dafür rechtfertigen, er habe sogar Morddrohungen erhalten. Khalil hofft, dass ein jüdischer Kandidat der Partei mehr Aufmerksamkeit verschafft. «Und vielleicht reden jüdische Parteien eher mit uns, wenn da einer von ihnen sitzt.» Bis jetzt jedoch lehnen fast sämtliche jüdische Parteien eine Zusammenarbeit mit Raam oder anderen arabischen Parteien ab.

Viel ändern werde die Wahl deshalb nicht, meint Khalil. Das Verhältnis zwischen Juden und Arabern sei zu schlecht. «Seit dem 7. Oktober schaut man uns nur noch misstrauisch an.» Früher fuhr er gern nach Tel Aviv, ging einkaufen oder einen Kaffee trinken. «Heute zieht mich da nichts mehr hin. Die Stimmung ist einfach vergiftet.» Er kenne viele, die über einen Umzug nachdächten. Einige wollten Israel ganz verlassen. Er selbst habe auch schon darüber nachgedacht.

Bibi, Verbündeter der Drusen

Weiter geht es nach Hurfeish, einem Drusendorf im Bergland Galiläas, nur wenige Kilometer von der libanesischen Grenze entfernt. Rund 7000 Menschen leben hier, fast alle sind Drusen. Anders als die meisten arabischen Israeli sind drusische Männer wehrpflichtig.

Der Krieg hat auch hier Spuren hinterlassen. Allein in den ersten beiden Kriegsmonaten fielen sechs Soldaten aus dem Ort. Im Juni 2024 schlugen zwei Drohnen des Hizbullah im Dorf selbst ein. Ein israelischer Soldat wurde getötet, mehrere Menschen verletzt. Die Warnsirenen hatten versagt.

Auch Amir Nifess stand schon an der Front. Der 42-Jährige wurde zum Reservedienst eingezogen, musste seine Arbeit als Spediteur liegenlassen und wieder in die Uniform schlüpfen. Bei der kommenden Wahl will er für Benjamin Netanyahu stimmen. Dass der Ministerpräsident nicht bei allen Drusen beliebt ist, weiss er. «Sollen die Leute doch über Bibi schimpfen», sagt er. «Ich habe nicht vergessen, was er für uns getan hat.»

Im Sommer 2025 wurden bei Kämpfen und Massakern in der syrischen Region Suweida Hunderte Drusen getötet. Israel griff daraufhin militärisch ein und bombardierte Stellungen syrischer Regierungstruppen. «Das sind unsere Leute dort. Unsere Brüder und Schwestern», sagt Nifess. «Die wurden abgeschlachtet, und alle haben nur zugeschaut.» Alle ausser Bibi. «Der hat etwas gemacht.»

Ein «Bibiist», wie die eingefleischten Anhänger des Ministerpräsidenten genannt werden, sei er nicht, sagt Nifess. An der israelischen Regierung gebe es einiges auszusetzen. Die Strassen in Hurfeish seien voller Schlaglöcher, die Schulen heruntergekommen. «Unsere Söhne gehen zur Armee, genau wie die jüdischen Jungen. Aber wenn wir etwas brauchen, müssen wir jedes Mal in Jerusalem betteln gehen.» Aber deshalb jemand anderen wählen, fragt Nifess. «Wen denn?»

Mit einem linken General gegen den Faschismus

Hoffnung der Linken: Yair Golan führt die sozialdemokratische Partei der Demokraten an.

Hoffnung der Linken: Yair Golan führt die sozialdemokratische Partei der Demokraten an.

Erik Marmor / Getty

Nächste Station ist Pardes Hanna, eine Kleinstadt zwischen Tel Aviv und Haifa. Einst vor allem für ihre Orangenplantagen bekannt, ist sie in den vergangenen Jahren zum Rückzugsort der Tel Aviver Bohème geworden. Künstler, Yogalehrer und junge Familien sind hergezogen. Cafés schenken veganen Chai Latte aus, Galerien verkaufen handgemachte Keramik.

Auch Tal Levaton hat Tel Aviv vor einigen Jahren den Rücken gekehrt. Die 36-jährige Sozialarbeiterin rechnet sich dem linken Spektrum zu, früher hat sie die Sozialdemokraten von Meretz gewählt. Am Dienstag will sie ihre Stimme Yair Golan geben. Er diente dem Land als stellvertretender Armeechef und ist heute Parteivorsitzender der Demokraten.

«Ich hätte nicht gedacht, dass ich einmal einen General wählen würde», sagt sie. Doch Golan habe ihr imponiert. Als islamistische Terroristen am 7. Oktober den Süden Israels überfielen, Menschen quälten und ermordeten, fuhr er auf eigene Faust in das Kampfgebiet und rettete dort mehrere Überlebende. «Während unsere Regierung versagte, hat er sich ins Auto gesetzt und Menschen aus dieser Hölle herausgeholt.»

Levatons Verhältnis zu Netanyahu ist seit langem belastet, um es vorsichtig auszudrücken. Seit vielen Jahren geht sie gegen seine Politik auf die Strasse, gegen die umstrittene Justizreform und später für ein schnelleres Abkommen zur Freilassung der Geiseln im Gazastreifen. «Dieser Mann führt uns in den Faschismus», sagt sie über den Ministerpräsidenten. Allerdings haben die vergangenen drei Kriegsjahre auch ihren Blick auf den Konflikt mit den Palästinensern verändert. «Früher war ich überzeugt, dass wir nur genug guten Willen brauchen, um Frieden zu schliessen. Seit dem 7. Oktober sehe ich das nicht mehr so einfach.»

Deshalb auch hält sie Golan für den richtigen Mann. Er sei zwar ein Linker, der zugleich aber auch die Sicherheitsbedürfnisse der Israeli verstehe. Dass Golan nach der Wahl tatsächlich Ministerpräsident werden könnte, glaubt Levaton allerdings nicht. Tatsächlich kann der Linke allenfalls auf eine Regierungsbeteiligung hoffen, wenn er eine Koalition mit Eisenkot eingehen sollte. «Mir reicht es schon, wenn wir endlich eine Regierung ohne Netanyahu bekommen.» Das Land müsse wieder heilen, das gehe nur ohne ihn.

Streit um Verantwortung

In Jaffa sitzt derweil Uri Geller und wundert sich. Darüber, woher der grosse Hass auf Netanyahu kommt, auf Bibi, seinen Freund. Ein Geheimnis habe er aus der Freundschaft nie gemacht. Man treffe sich oft, auch Sara Netanyahu kenne er gut. Umso weniger begreift er, was über die beiden geschrieben wird. «Wenn ich diese absurden Geschichten über Sara oder über ihn lese, kann ich nicht fassen, was sich die Leute alles ausdenken.» Für diese Haltung gebe es im Hebräischen eine eigene Formel. «Rak lo Bibi», nur nicht Bibi. «Die Leute sind regelrecht besessen davon. So etwas habe ich noch nie erlebt.»

Drei Jahre sind seit dem Hamas-Massaker vergangen, doch die Ereignisse jenes Tages lassen die Israeli nicht los. Das Misstrauen belastet seither das Verhältnis zwischen Juden und Arabern im Land. Aber auch unter jüdischen Israeli liegen die Nerven blank. Da gibt es Töchter, die nicht mehr mit ihren Vätern sprechen, weil sie sich politisch heillos zerstritten haben. Und Ehepaare, die nach Jahrzehnten gemeinsamer Ehe plötzlich nicht mehr miteinander auskommen.

Gestritten wird nicht zuletzt darüber, wie es mit dem Land weitergehen soll. Und darüber, wer die Verantwortung für das sicherheitspolitische Versagen am 7. Oktober trägt. Die einen machen Netanyahu verantwortlich. Seine Anhänger dagegen glauben, der Ministerpräsident sei von seinem eigenen Sicherheitsapparat im Stich gelassen worden. Eine unabhängige staatliche Untersuchungskommission, die das Geschehen aufarbeiten könnte, lehnt die Regierung ab.

Geller hat dafür eine eigene Erklärung. «Verrat», sagt er. «Sie wollten Netanyahu nicht wecken.» Er meint die Nacht vor dem 7. Oktober. Wen genau er im Blick hat, sagt er nicht. Netanyahus Büro hat erklärt, ein ehemaliger enger Mitarbeiter sei in jener Nacht über Warnzeichen informiert worden, habe den Regierungschef aber nicht geweckt. Der frühere Mitarbeiter bestreitet diese Darstellung.

Am Dienstag wird Geller nun wählen gehen. Seine Stimme hat Netanyahu sicher. Damit noch viele weitere hinzukommen, will er ein wenig übernatürlich nachhelfen: «Ich bete zu Gott, dass er gewählt wird.»

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Source: Neue Zürcher Zeitung · Johannes Bockenheimer

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