Maga ist Geschichte – was kommt als Nächstes?
Die Republikanische Partei steht nach den desaströsen Zwischenwahlen vor einem Neuanfang. Die ersten potenziellen Erben von Donald Trump bringen sich schon in Stellung.
Andreas Mink08.11.2026, 05.30 Uhr
9 Leseminuten
Illustration Simon Tanner / NZZ
Er wird wohl das erste Opfer sein: Verteidigungsminister Pete Hegseth. Gegen ihn könnte bereits in den nächsten Tagen ein Amtsenthebungsverfahren eingeleitet werden. Damit droht ihm nicht etwa ein Demokrat, sondern ein republikanischer Abgeordneter aus Kentucky, Thomas Massie. Genügend Stimmen kämen dafür zusammen. Wahrscheinlich wird Donald Trump Hegseth aber vorher zum Rücktritt drängen. Der selbsternannte Kriegsminister muss nun für die gescheiterte Kriegführung in Iran geradestehen. Die grosse Frage ist jedoch: Was kommt als Nächstes? Die grosse Rebellion der Republikaner? Oder die Spaltung der Partei?
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Seit die Republikaner am Dienstag bei den Midterms eine gigantische Niederlage erlebt haben, hat aber nicht nur die Suche nach Schuldigen begonnen, vielmehr ist eine neue Zeitrechnung angebrochen. Denn eigentlich ist jedem klar, dass Figuren wie Hegseth nicht schuld sind am Wahldebakel, sondern Donald Trump. Die Republikaner denken deshalb über eine Zukunft ohne Trump nach. Und das ist schwierig, haben sie sich vor ihm doch in den Staub geworfen.
Die Wahlbüros waren am Dienstag noch nicht geschlossen, als schon der erste Politiker das Wort ergriff. Es war Ron DeSantis, der scheidende Gouverneur von Florida. Er zeigte mit dem Finger auf Trump: Kein gewählter Politiker dürfe mit seinem Amt Geld verdienen, sagte er. Auch führt der Gouverneur das Wahldebakel darauf zurück, dass das Justizdepartement die Veröffentlichung der Epstein-Akten verschleppt habe. Die Niederlage sei «ohne jeden Zweifel ein Denkzettel für den Präsidenten und den Kongress». Ebenfalls zu Wort meldete sich Ted Cruz, der Senator aus Texas. Er kritisierte Trumps Strafzölle und den Krieg in Iran, das seien die Gründe für die «historische Abstrafung».
Erste Kandidaten
Nicht lange dauerte es zudem, bis sich auch J. D. Vance zu Wort meldete. Auch der Vizepräsident kam auf X zu dem Schluss, dass der Grund für die Niederlage der Krieg in Iran sei. Alle drei gehören natürlich zu den Anwärtern, die Trump beerben möchten. Sie vollbringen gerade einen Balanceakt: Sie kritisieren Trump ein wenig, um sich von ihm abzugrenzen, halten sich jedoch zurück, um ihn nicht allzu sehr zu provozieren. Denn Trump ist noch immer der Präsident der Vereinigten Staaten und der mächtigste Republikaner. Er kann politische Karrieren genauso schnell beenden, wie er früher in seiner Sendung «The Apprentice» Leute entliess.
Wie das amerikanische Online-Magazin «Politico» berichtet, hat sich auf dem Capitol Hill bereits in der Wahlnacht eine kleine Gruppe von Republikanern formiert, die überzeugt sind: «Maga ist am Ende.» Es sei Zeit für einen Neuanfang. Doch bislang hat noch keine prominente Stimme in der Partei öffentlich direkte Kritik an Trump riskiert. Wie sollen sich die Republikaner auch von ihm lösen, nachdem sie seine Agenda die letzten zwei Jahre ohne jede Kritik durchgesetzt haben? Noch scheint also ihr Frust über Donald Trump in keinem Verhältnis zu ihrem Mut zu stehen, Trump persönlich anzugreifen.
Immerhin tat sich aber etwas in der Parteizentrale. Am Freitag wurde ein Brief der stellvertretenden Vorsitzenden des Republican National Committee (RNC) bekannt. KC Crosbie hatte sich an die 168 Mitglieder des Gremiums gewandt. Die Politikerin aus Kentucky will gegen den Vorsitzenden Joe Gruters kandidieren. Unter dessen Führung habe die Partei die Sorgen der Wählerschaft ignoriert und schwache Kandidaten aufgestellt – eine direkte Attacke gegen Trump und dessen Präferenz, unpopuläre, aber loyale Kandidaten zu unterstützen.
Trump hatte Crosbie und Gruters persönlich für die Führungspositionen am RNC vorgeschlagen. Crosbies Forderung nach einem Kurswechsel ist laut der Medienplattform «Axios» die erste nennenswerte Herausforderung für Trumps Autorität innerhalb der Republikanischen Partei nach den Midterms. Würde Crosbie gewählt, wäre dies ein Misstrauensvotum gegen den Präsidenten. Die Wahl ist im Januar.
Trump selber tut derweil noch immer so, als hätte er nichts mit der Niederlage zu tun («Ich stand nicht auf dem Wahlzettel»). Und sein Entscheid vom Freitag, Stephen Miller zum Chief of Staff zu machen, deutet auch nicht darauf hin, dass er über die Bücher gehen möchte. Miller ist ein kaltblütiger Hardliner, der die verhasste Migrations- und Deportationspolitik von Trump zu verantworten hat. Trump wird kämpfen, nicht nur gegen die Demokraten. Sondern auch gegen allfällige Kritiker aus den eigenen Reihen.
Die Abtrünnigen
Der Frust der Partei über Trump mag gross sein, aber noch scheint unklar, in welche Richtung sie ohne ihn ginge. Einige wenige wissen das aber schon seit langem. Sie haben sich längst von Trump gelöst. Dazu gehört nicht nur Thomas Massie, der nun Hegseth das Leben schwermachen will. Sondern auch die ehemalige Abgeordnete aus Georgia, Marjorie Taylor Greene. Beide hatten von Trump gefordert, dass er sich an seine eigenen Wahlversprechen halte. Also keine Kriege zu führen, endlich die Epstein-Akten freizugeben und sich um die Lebenshaltungskosten zu sorgen. Sie setzten sich deshalb auch für die Epstein Files Transparency Act ein – ein Gesetz zur vollständigen Offenlegung aller Regierungsdokumente über den verurteilten Sexualstraftäter Jeffrey Epstein. Das Gesetz wurde mit überwältigenden Mehrheiten beider Parteien Mitte November 2025 verabschiedet.
Trump rächte sich dafür an beiden für deren Einsatz. Er bezeichnete Marjorie Taylor Greene, die jahrelang eine seiner glühendsten Unterstützerinnen war, als «Verräterin» und «durchgeknallt». Trump drohte ihr gar, bei den kommenden Vorwahlen in Georgia einen Gegenkandidaten zu unterstützen. Greene trat daraufhin als Abgeordnete zurück. Der Druck wurde zu gross für sie, sie fühlte sich bedroht.
Massie widerfuhr Ähnliches. Dieser hatte Trump nicht nur wegen der Epstein-Files kritisiert, sondern auch wegen der hohen Schulden Amerikas, die durch Trumps «Big Beautiful Bill» noch mehr steigen werden, und natürlich wegen des Iran-Kriegs. Der Präsident holte zum Gegenangriff aus: Er rekrutierte einen Gegenkandidaten für die republikanischen Vorwahlen in Massies 4. Kongressbezirk von Kentucky. Dann mobilisierte Trump seine Basis und eine Rekordsumme an Spenden gegen Massie. Der verlor im Mai nach dreizehn Jahren im Repräsentantenhaus seinen Sitz.
Massie und Taylor Greene sind nicht die einzigen Abtrünnigen. Auch die Podcaster Tucker Carlson und Megyn Kelly brachen mit Trump. Sie konnten es nicht fassen, dass Trump einen Krieg gegen Iran anzettelte. Beide kritisieren Trump, werfen ihm vor, sich von Israels Regierungschef Benjamin Netanyahu überreden lassen zu haben. Das sei Israels Krieg, nicht jener der USA. Im April entschuldigte sich Carlson offiziell dafür, 2024 die Kandidatur Trumps unterstützt zu haben.
Dienstagnacht postete Massie auf X, die Republikaner hätten nur drei Dinge tun müssen, um die Niederlage abzuwenden: Amerika an erster Stelle zu setzen, keinen neuen Krieg zu beginnen und Sexualstraftäter juristisch zu verfolgen. Massie und Taylor Greene werden weiter für ihren nationalistischen und isolationistischen Kurs kämpfen, auch ohne Trump.
Ist das nun wirklich das Ende von Trumps Maga?
Den Slogan «Make America Great Again» hatte sich Trump eigentlich von Ronald Reagan abgeschaut. Er liess ihn gar urheberrechtlich schützen und setzte den Handle «#maga» auf Twitter zigtausendmal bei seiner Präsidentschaftsbewerbung 2016 ein. Mit der Parole inszenierte sich der Reality-TV-Star mit Rückgriff auf rechtspopulistische Traditionen als «Vorstreiter der vergessenen Männer und Frauen in Amerika». Weisse aus der Arbeiterschaft sahen Trump als modernen Moses, der ihnen wieder gut bezahlte Industriejobs bringen, kriminelle Migranten deportieren und den «Sumpf in Washington austrocknen» würde. Evangelikalen sagte er die Abschaffung des Rechts auf Abtreibung zu. Dieses Versprechen hat Trump gehalten. Und der breiten Bevölkerung versprach er, keine neuen Kriege zu beginnen.
Von den meisten dieser Versprechen ist Trump nun abgerückt. Maga hat keine Ideologie mehr. Trump will von Parteimitgliedern einfach die totale Loyalität. Das ist Maga für ihn. Trump bestimmt, und die anderen folgen. Wer nicht folgt, wird rausgeworfen. Das ist Trumps Führungsstil. Dabei geht er sehr weit. Nach seinem gescheiterten Putschversuch am 6. Januar 2021 verlangte er von seinen Anhängern, die Lüge von der «gestohlenen Präsidentschaftswahl 2020» nachzubeten. Die Lüge wurde zum Lackmustest, damit brachte er die Partei auf Linie und später auch die Administration. Niemand darf da laut sagen, dass Trump 2020 die Wahlen verloren habe.
Doch nun ist alles anders. Trump hat bei den Midterms einen Teil seiner Gefolgschaft verloren. Ohne diese Basis dürfte er weniger bedrohlich sein. Ob ihn seine reichen Freunde weiterhin unterstützen, ist fraglich. Allein Elon Musk hat rund 450 Millionen Dollar für Maga-Kandidaten in den Sand gesetzt. Inzwischen kehrt ihm auch das Medienimperium der Murdochs den Rücken: Das «Wall Street Journal» erklärte ihn schon Dienstagnacht zum «Hauptarchitekten der Niederlage». Die «Financial Times» zitiert einen Insider: Der Patriarch Rupert Murdoch «wolle nichts mit Verlierern zu schaffen haben». Trumps Haussender Fox News verliert seit Monaten an Publikum. Im Oktober war es fast ein Drittel gegenüber dem Vorjahr.
Sein ehemaliger Berater Steve Bannon sieht einen «Bürgerkrieg» innerhalb der Partei nahen. Dabei dürften christliche Nationalisten wie Marjorie Taylor Greene auf Establishment-affine Figuren wie Vizepräsident J. D. Vance oder Aussenminister Marco Rubio prallen. Dann gibt es aber noch die alten Republikaner wie Mike Pence. Dieser postete auf X: «Wir können die Republikanische Partei wieder zu den zeitlosen Grundsätzen zurückführen, die zu unseren grössten Erfolgen geführt und Amerika stark, wohlhabend und frei gemacht haben.»
Tom Massie ist noch bis Ende Jahr im Kongress. Er will diese Zeit nutzen. Nächste Woche will er eine Neuauflage der Epstein Files Transparency Act zur vollständigen Publikation der Dokumente einbringen. Massie ist überzeugt, dass er dafür nun auch republikanische Stimmen finden werde.
J. D. Vance: Der Thronfolger ohne Charisma
US-Vizepräsident J. D. Vance.
PD
Knapp 40 Cent kostet bei Polymarket am Ende dieser Woche eine Wette auf J. D. Vance. 40 Prozent geben ihm also eine Chance, zum Präsidentschaftskandidaten der Republikaner nominiert zu werden. Keine schlechte Basis für das Rennen um das Weisse Haus. Vance, der amerikanische Vizepräsident, gilt kraft seines Amtes als der natürliche Anwärter auf die Nachfolge von Donald Trump in zwei Jahren. Was dem 42-Jährigen an Charisma fehlt, versucht er durch Ideologie und Aggressivität auszugleichen. Zuerst zuschlagen, bevor andere es tun – das will der weisse amerikanische Nationalist von seiner Grossmutter gelernt haben, die ihn aufzog. Jetzt hat er sogar Trump eine Ohrfeige verpasst und die Entscheidung für den Iran-Krieg zum Grund für die Wahlniederlage der Republikaner erklärt.
Marco Rubio: Das seriöse Gesicht des Trumpismus
US-Aussenminister Marco Rubio.
PD
Er ist Aussenminister, Trumps Sicherheitsberater und der Mann, der das Protektorat Venezuela verwaltet. Alles in einem. Auf dem Papier ist Marco Rubio das mächtigste Kabinettsmitglied seit den Tagen von Henry Kissinger, ein potenzieller Präsidentschaftskandidat neben J. D. Vance. Doch Rubio ist immer noch «Little Marco». Trumps Spottname ist ihm geblieben. Er ist der Mann, der in der Welt herumreist und die Scherben wegkehrt, die Trump hinterlässt. Der sich von seinem Chef Schuhe schenken lässt und sie gehorsam trägt, auch wenn sie zwei Nummern zu gross sind. Der 55-Jährige tut all dies, weil er sich Chancen auf das Präsidentenamt ausrechnet – als das staatstragende, freundlichere Gesicht des Trumpismus.
Ron DeSantis: Der «Trump mit Gehirn»
Floridas Gouverneur Ron DeSantis.
PD
Gelingt ihm ein Comeback? Ron DeSantis, der scheidende Gouverneur von Florida, ritt schon einmal auf einer Welle der Sympathie unter den republikanischen Wählern, lag 2022 weit vor Trump in den Umfragen, bis sich dieser zurückkämpfte und eine zweite Amtszeit im Weissen Haus gewann. DeSantis, heute 48, galt als «Trump mit Gehirn und ohne Drama», ein Kulturkrieger gegen alles Woke, der Florida zum Labor für die neue Rechte machte. Nichts, was die Amerikaner derzeit noch bewegt. Für eine Präsidentschaftskampagne 2028 brauchte DeSantis wohl ein neues Programm. Zeit dafür hat er. Im nächsten Januar endet seine Amtszeit als Gouverneur.
Marjorie Taylor Greene: Die reine Maga-Lehre
Die ehemalige republikanische Kongressabgeordnete Marjorie Taylor Greene.
PD
Die schillernde, vielleicht einflussreichste Figur der Maga-Bewegung von Donald Trump hat mit dem Präsidenten und den Republikanern gebrochen – lange bevor andere in der Partei den Mut fanden, ein paar kritische Äusserungen über Trump abzugeben. Marjorie Taylor Greene (MTG) ist heute eine ernst zu nehmende Herausforderin im konservativen Lager. Genauso wie der ehemalige Fox-News-Moderator Tucker Carlson. Ihrer beider Ablehnung des Iran-Krieges, ihr Vorwurf, Trump habe seine Ideale verraten, könnten die Basis für eine Präsidentschaftskandidatur sein. Die 54-jährige Taylor Greene wie auch Carlson bauen auf die von Trump Enttäuschten.
Donald Trump junior: Die Dynastie soll weiterleben
Donald Trumps ältester Sohn Don.
PD
Wer in zwei Jahren weiter Trump haben will, wählt am besten Trump junior. Das ist die schlichte Überlegung, die hinter dem Szenario einer Kandidatur von Trumps ältestem Sohn Don steht. Der 48-Jährige mag solche Pläne dementieren und sich hinter J. D. Vance stellen, den Vizepräsidenten, den er seinem Vater eingeredet haben soll – in Umfragen steht Don gleichwohl als dritter möglicher Präsidentschaftskandidat der Republikaner, hinter Vance und Rubio, aber noch vor DeSantis oder dem texanischen Senator Ted Cruz. Sein Name zieht. Dabei war Trump senior einst mit der Wahl des Namens, den seine Frau für den Erstgeborenen durchsetzte, nicht einverstanden. Als angehender Vater war er der Meinung, es könne nur einen Donald geben.
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Source: Neue Zürcher Zeitung · Andreas Mink
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