Leicester City schrieb ein Fussballmärchen – zehn Jahre später rebellieren die Fans gegen einen Wettanbieter, der mit einer Pornodarstellerin paktiert

Vor einem Jahrzehnt gewann Leicester City als Aufsteiger sensationell die Premier League. Inzwischen ist der Klub in der Anonymität der Drittklassigkeit versunken – und auch der Trikotsponsor sorgt für Unmut.

08.11.2026, 05.30 Uhr

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Ort der Tristesse: Das King Power Stadium in Leicester im Herbst 2026.

Ort der Tristesse: Das King Power Stadium in Leicester im Herbst 2026.

Andrew Boyers / Action Images via Reuters

Ein Jahrzehnt ist es her, dass Claudio Ranieri ungläubig den Meisterpokal der Premier League küsste. Der Maestro hatte den Aufsteiger Leicester City aus dem Nichts zum Titel geführt, es ist bis heute die grösste Sensation im Profifussball des 21. Jahrhunderts geblieben. Als vergleichbar wundersam wäre nur einzustufen, gäbe es irgendwann einen Super-League-Spieltag, an dem sich der St. Galler Lukas Görtler nicht bitterlich über den Schiedsrichter beklagt, so kühn diese Vision auch anmuten mag.

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Zehn Jahre sind eine kleine Ewigkeit im Leben und im Fussball. Stephan Lichtsteiner war noch kein gescheiterter Trainer, sondern Captain der Schweizer Nationalmannschaft. Gianni Infantino war eben erst zum Fifa-Präsidenten gewählt worden und galt als Hoffnungsträger.

Auch in Leicester ist man eine Dekade später ein paar Illusionen ärmer. Der Klub ist in die Niederungen der League One abgestürzt; in der dritthöchsten Spielklasse setzte es kürzlich zu Hause ein 0:4 gegen Oxford und ein 1:3 gegen Peterborough.

Seit der thailändische Teambesitzer Vichai Srivaddhanaprabha 2018 bei einem Helikopterunglück neben dem King-Power-Stadion verstarb, scheint den Verein die Fortune verlassen zu haben. Sein Sohn Aiyawatt leitet die Geschicke seither, und die Proteste des Anhangs gegen dessen Person werden immer lauter. Regelmässig sind auf den Tribünen Schilder zu sehen, die ihn dazu auffordern, den Klub zu verkaufen. Und in dieser Woche meldete sich eine Fanvereinigung, die sich gegen den Trikotsponsor BC Game auflehnt.

Es ist eines dieser besonders schurkigen, in England nicht einmal lizenzierten Online-Kasinos. Leicester läuft seit 2024 mit dem Logo des Glücksspielanbieters auf, schon damals gab es Gegenwehr. Vor wenigen Tagen stellte der Konzern nun eine russische Pornodarstellerin als neue «Markenbotschafterin» vor; die schauspielerischen Qualitäten im Clip führen dazu, dass man Nella Martinetti postum als grosse Charakterdarstellerin gewürdigt wissen möchte. «Glücksspiel und Pornografie können verheerende Auswirkungen haben, besonders bei jungen Menschen. Ist es das, was wir inzwischen sind?», schrieben die Anhänger besorgt.

Nun ja, offenbar schon. Sportwettenanbieter gehören seit Jahrzehnten zu den wichtigsten Geldgebern des britischen Profifussballs. Seit dieser Saison dürfen die Firmen nicht mehr auf den Trikots der Premier-League-Klubs werben, sie weichen deshalb in die Unterklassigkeit aus. Glücklich kann sich da der Schweizer Fussball schätzen, der solche Probleme nicht kennt. Der kontroverseste Sponsor der letzten Dekade war in der Saison 2014/15 «Cohen» auf dem Tenue des FC Sion: eine italienische Skimarke, deren Produkte es aber nirgendwo zu kaufen gab, wie das Magazin «Zwölf» aufdeckte und eine dubiose russische Schachtelfirma dahinter enttarnte. In Sitten wie in Leicester halten sie es mit dem früheren Börsenguru André Kostolany: «Wenn’s um Geld geht, gibt’s nur ein Schlagwort: ‹Mehr!›»

Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»

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Source: Neue Zürcher Zeitung · Nicola Berger

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