Junge Vandalen verwandeln französische Städte in Krisengebiete. Der Staat wird sein Territorium nur mit grösster Mühe zurückerkämpfen können. Fürs Erste wird die Polarisierung zunehmen.

23.10.2026, 05.30 Uhr

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Illustration Simon Tanner / NZZ

Frankreich hat in den vergangenen Tagen einen exzessiven Vandalismus erlebt. In Angers, Lille und Marseille stürmten Vermummte die städtischen Amtsgebäude, in Limoges wurde das Rathaus abgefackelt. Es kam zu Plünderungen und massiven Angriffen auf Einsatzkräfte, beinahe tausend Polizisten und Feuerwehrleute wurden verletzt. Landesweit sind 2400 Personen festgenommen worden. «Wie können Franzosen Frankreich so etwas antun?», fragte Präsident Macron in seiner Fernsehansprache vom Sonntag und blieb eine Antwort schuldig.

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Die bittere Wahrheit ist, dass die Vandalen diesen Staat komplett ablehnen. Damit sind nicht Schüler gemeint, die sich eine bessere Infrastruktur und einen geregelten Schulbetrieb wünschen. Auch nicht friedliche pensionierte Gelbwesten-Träger, die sich ohnmächtig fühlen, weil das Benzin und die Lebensmittelkosten zu teuer sind. Es geht um all jene, die in Fundamentalopposition zu Frankreich stehen, sei es aus einem gefestigten politischen Motiv oder aus krimineller Gewohnheit.

Diese jungen Randalierer verachten Frankreich zutiefst, weshalb es ihnen auch nicht weh tut, den Staat so vorzuführen. Im Gegenteil, es macht ihnen Spass. Sie wollen gar nicht teilhaben, sie wollen den Staat demontieren. Indem sie Amtshäuser angreifen und johlend Innenstädte auseinandernehmen, demonstrieren sie der ganzen Welt, dass der Staat seinen Aufgaben nicht gewachsen ist. Die ungehinderte Anwendung kollektiver Gewalt wird zum Beweis für die Dysfunktionalität Frankreichs. Es ist eine selbst erfüllende Prophezeiung: Man vertraut dem Staat nicht, und indem man ihn zerlegt, demonstriert man, dass ihm tatsächlich nicht zu trauen ist.

Ein Schlag ins Gesicht

Ob diese Randalierer Franzosen sind oder nicht, ist fast schon eine dialektische Frage. Ob erste, zweite, dritte oder vierte Generation Franzosen: Mit ihrem Verhalten zeigen sie, dass sie sich mit diesem Staat nicht identifizieren und seine Symbole gezielt angreifen.

Gewalt erzeugt Aufmerksamkeit, und diese suchen die Jugendlichen ganz bewusst, indem sie ihre Taten auch noch festhalten und weiterverbreiten. Die Videos aus Paris, Marseille und Limoges gingen um die Welt – der amerikanische Präsident nahm sie zum Anlass, um vor dem Untergang Amerikas zu warnen, sollten die Demokraten an die Macht kommen. Osteuropäische Regierungspolitiker blickten auf Frankreich, um ihren Stimmbürgern einzutrichtern, warum für sie eine liberale Migrationspolitik nicht infrage kommt.

«Ein Argument kann ignoriert werden, ein Schlag ins Gesicht nicht», schreibt Jörg Baberowski in seinem Buch «Räume der Gewalt». Die meisten Bürger gehen diesen Schlägen, soweit möglich, aus dem Weg. Verständlicherweise. Niemand will sich ohne Not in die Gewalt verstricken. Dies aber eröffnet einer Minderheit eine umso grössere Macht. So haben kleine Horden das Potenzial, den Staat zu überrumpeln und die Gesellschaft zu terrorisieren.

Die verständnisvollen Freunde der Schläger

Ihre Macht wird umso grösser, wenn die Krawallanten von einem ideologischen Umfeld noch verständnisvoll getragen oder sogar angefeuert werden. Bei den Protesten in Frankreich erledigen diese Aufgabe der linksextreme Politiker Jean-Luc Mélenchon und seine Bewegung La France insoumise (LFI). Sie sind die Brandbeschleuniger und Mitorganisatoren des Aufruhrs. Aus den Schülerprotesten wurde eine Gewaltorgie, bei der verschiedene Akteure mitwirken: Linksextreme, Vorstadtjugendliche, Gelegenheitskrawallanten, Kriminelle. Viele der Vandalen haben einen Migrationshintergrund.

Die Gewalt mag auf friedliche Zeitgenossen sinnlos wirken, aber die verschiedenen Akteure verfolgen rationale Ziele. Die einen ergreifen die Gelegenheit, um sich zu bereichern. Andere wollen ihr Engagement im Kampf gegen das Rassemblement national verstanden wissen: Weil angeblich eine faschistische Machtübernahme droht, handeln sie aus dem Gefühl einer moralischen Berechtigung, wenn nicht sogar einer ethischen Pflicht.

Wieder andere kämpfen für Palästina – die Arafattücher und Palästinaflaggen sind bei den Protesten omnipräsent. Gesprayt wird «Free Gaza» und nicht: «Mehr Lehrer und gute Bildung!». Ein Video zeigt einen vermummten Demonstranten, der den Tränengaseinsatz der Polizei so kommentiert: «Hört auf, uns zu vergasen, wir sind keine Juden.» Um ihn wird gelacht. So bietet der Aufruhr sogar eine Plattform für Antisemitismus.

Die Opfer und der Dämon

Warum verhalten sich Franzosen so? Die Frage von Emmanuel Macron ist berechtigt, und es gibt zwei unbequeme Antworten. Zum einen, weil sie es können – der Staat war nicht in der Lage, sie daran zu hindern. Zum anderen, weil die Vandalen diesen Staat und damit auch seine Eliten hassen.

Präsident Macron hat sich selbst immer wieder mit Volksverachtung hervorgetan, etwa wenn er über «analphabetische Arbeiterinnen» herzog. Das legitimiert selbstverständlich keine Gewalt, aber es erklärt, warum zwischen dem französischen Establishment und Teilen der Bevölkerung mittlerweile ein tiefer Graben ist. Die Arroganz der Macht hat die Entfremdung vieler Bürger vom Staat vorangetrieben.

Gleichzeitig wird der Staat als eigentlicher Dämon geradezu karikiert. In der öffentlichen Diskussion sorgen insbesondere linke Intellektuelle dafür, dass Krawallanten stets auch als verzweifelte Opfer angesehen werden, die sich legitimerweise gegen die soziale Härte des Staates wehren.

2018, während der Gelbwesten-Proteste, schrieb die französische Literaturnobelpreisträgerin Annie Ernaux in einem öffentlichen Brief: «Manche empören sich über zerbrochene Schaufenster und verbrannte Autos. Aber wo ist die Gewalt, die wirkliche, die verborgene, die ständige, die unaufhörlich Leben zerstört? Die Gewalt steckt in der Arbeitsagentur, an den Sozialschaltern der öffentlichen Dienste, wo die Beamten daran gehindert werden, zu helfen.» Mit solchen Manövern wird die Gewalt systematisch verharmlost. Interessanterweise ist dasselbe intellektuelle Milieu voller Sorge über den Aufstieg der Rechtspopulisten in Europa. Gewaltsame Proteste hingegen sind Hilfeschreie von Opfern.

Die Polarisierung geht weiter

Der Staat gewinnt seine Territorien zurück, indem er sich wieder als Garant der Sicherheit etabliert. Hier ist viel Vertrauen verlorengegangen. Aber nur mit einem erhöhten Sicherheitsaufgebot werden Unruhen längerfristig nicht zu verhindern sein. Auch mit immer noch mehr Geld für soziale Projekte wird sich nichts grundlegend ändern. Das ist seit Jahrzehnten die erfolglose Strategie des hochverschuldeten französischen Staates. Frankreich und ganz Europa funktionieren nur, wenn sie Identitätsräume schaffen. Nur wenn sich die Bürger grossmehrheitlich mit diesen Räumen identifizieren und bereit sind, Verantwortung zu übernehmen, wird es gehen. Dafür braucht es Offenheit und Grenzen, gerade im Umgang mit Migranten.

Dass Marine Le Pens Rassemblement national diese Aufgabe leisten kann, muss bezweifelt werden. Es dürfte an der Integrationskraft gegenüber migrantischen Kreisen mangeln. Dass La France insoumise dazu absolut nicht in der Lage ist, ist klar. Jean-Luc Mélenchon ermutigt seine Anhänger geradezu, sich mit diesem Land nicht zu identifizieren und als Opfer eines kriminellen Kolonialstaates in den Parallelgesellschaften zu verharren.

Man muss kein Pessimist sein, um festzustellen, dass sich die Gräben in Frankreich erst einmal vertiefen werden. Es ist gut möglich, dass sich die Wählerinnen und Wähler im nächsten Jahr in einer Stichwahl zwischen Mélenchon und Le Pen entscheiden müssen. Die Wahl zwischen zwei Extremen wird die gesellschaftlichen Verwerfungen weiter vorantreiben.

Warnung an Europa

Die gewalttätigen Exzesse in Frankreich sind eine Warnung an ganz Europa, insbesondere für Deutschland, das zurzeit mit seiner eigenen Demokratie überfordert ist. Unruhen ziehen neue Unruhen an. Ausgehend von friedlichen Schülerprotesten hat sich die Kampfzone in Frankreich plötzlich ausgeweitet.

Insbesondere die krude Allianz von linksextremen Aktivisten und Islamisten wird Europa weiter beschäftigen. Zusammen stellen sie die Identität europäischer Gesellschaften fundamental infrage. Demgegenüber stehen rechtsnationale Parteien mit zum Teil autoritären Anwandlungen und einer seltsamen Bewunderung für Putin. Während die Extreme aufeinanderprallen, muss sich die Mitte erst einmal reorganisieren und selbst hinterfragen. Fürs Erste wird es nicht gemütlicher in Europa.

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Source: Neue Zürcher Zeitung · Benedict Neff

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