Ein grosses Aufgebot an Polizei und privaten Sicherheitsleuten sowie das Verlegen der Demonstration aus der Innenstadt hinaus sorgte tagsüber für eine ruhige Demonstration. Gegen Abend gibt es kleinere Scharmützel in Frankreichs Hauptstadt.

24.10.2026, 19.36 Uhr

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Mit einem Grossaufmarsch von Einsatzkräften gelang es der Polizei bis Samstagnachmittag, erneute Unruhen in Paris zu verhindern. Kurzfristig verbot die Polizei die Route bei der zentralen Place de la Bastille und verlegte sie an den südöstlichen Stadtrand, gleich in die Nähe der Stadtautobahn. Die Strategie schien lange zu funktionieren. Bis am späten Nachmittag blieb es ruhig.

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Erst bei der Auflösung des Zuges an der Porte de Vincennes kam es zu Zusammenstössen. Demonstranten warfen Wurfgeschosse auf die Polizei, diese setzte Wasserwerfer und Tränengas ein. Rund um den Platz wurde die Mobilverbindung abgeschaltet.

Die Sicherheitsleute wollen keine Schlägereien

Lange hatte es so ausgesehen, als würde die Demonstration erneut im Stadtzentrum stattfinden. Die Gewerkschaften, die hinter dem jüngsten Aufmarsch standen, hatten eine Route von der Place de la Bastille bis zur Place de la Nation beantragt.

Die meisten Geschäfte im Umkreis, wo sich bereits die Unruhen und Plünderungen letzte Woche konzentrierten, hatten sich deshalb verbarrikadiert. Vor einigen waren seit dem Morgen kräftige, dunkelhäutige Männer positioniert. Mehdi, der aus einem Vorort von Paris stammt, sagt, sie arbeiteten normalerweise für Diskotheken. Die Ladenbesitzer hätten sie aber beauftragt, hier für Sicherheit zu sorgen.

Die Demonstration wurde vom Place de la Bastille weg verlegt, die Protestierenden hielten daran.

Die Demonstration wurde vom Place de la Bastille weg verlegt, die Protestierenden hielten daran.

Tatsächlich hatte der Pariser Polizeipräfekt Patrice Faure die Ladenbesitzer am Mittwoch aufgefordert, private Sicherheitsleute anzuheuern. Viele reagierten empört: «Man sagt uns: Schaut selber!», klagte einer gegenüber dem Sender France 3.

Der 17. Oktober bestärkte bei den Franzosen den Eindruck eines überforderten Staates, auf den man sich nicht mehr verlassen kann. In den letzten Tagen gab es deshalb einen Ansturm auf Waffengeschäfte, vor allem auf Pfeffersprays, Schlagstöcke und Gummigeschoss-Waffen. In einer Umfrage des Instituts Elabe gaben 60 Prozent der Franzosen an, sie müssten selbst für ihre Sicherheit sorgen.

Mehdi erklärt aber, er und die anderen Sicherheitsleute sollten primär abschreckend auf die Plünderer wirken. Falls Plünderer auftauchten, seien sie angewiesen, sich nicht mit ihnen zu prügeln, sondern beruhigend zu wirken. Sonst riskierten sie, ihre Lizenz zu verlieren. Keiner der Männer wollte sich fotografieren lassen.

Bewährungsprobe für Innenminister Laurent Nuñez

Für den Innenminister Laurent Nuñez stand an diesem Samstag viel auf dem Spiel: Nach dem 17. Oktober hatte er seinen Rücktritt angeboten, Präsident Macron lehnte ab. Jetzt musste er beweisen, dass er die Sicherheit im Land garantieren kann. An einer Pressekonferenz am 23. Oktober warnte er die Randalierer: «Wir stellen fest, dass es zahlreiche Aufrufe aus der ultralinken und linksradikalen Szene gibt.» Man werde «unnachgiebig sein gegenüber den Randalierern, den Plünderern und allen, die Ausschreitungen begehen wollen». Seine Weisung lautete, «mit grösster Härte vorzugehen».

Die französische Regierung hat alles daran gesetzt, dass sich an diesem Samstag die Ereignisse vom 17. Oktober nicht wiederholen. Auf der Website der Gelbwesten waren erneut über 700 landesweite Aktionen angekündigt. Die Parole am Samstag: «Macron muss weg und Platz machen für das Volk!»

Am Stadtrand von Paris demonstrierten Schüler, Studenten und Gewerkschafter tagsüber friedlich.

Am Stadtrand von Paris demonstrierten Schüler, Studenten und Gewerkschafter tagsüber friedlich.

70 000 Polizisten wurden im ganzen Land mobilisiert, 10 000 mehr als beim letzten Mal. Dazu kamen mehrere Spezialeinheiten. Auch Soldaten wurden zum Schutz öffentlicher Gebäude abgeordnet, um die Einsatzkräfte beweglicher zu machen. Die Schnelligkeit der Krawallanten, der sogenannten «casseurs», und der Plünderer hatte die Einsatzkräfte am 17. Oktober überfordert. Der Polizei entglitt die Kontrolle, wie Innenminister Laurent Nuñez am 19. Oktober im Radiosender France Inter zugab – präzedenzlos in der neueren französischen Geschichte.

Statt Demonstranten kamen Journalisten

Am Freitagabend verbot die Polizei unerwartet die Demonstrationsroute in der Innenstadt. Die Präfektur begründete dies auch mit der erhöhten Bedrohungslage nach dem mutmasslich rassistisch motivierten Anschlag in Trappes, bei dem am Vortag eine Person ums Leben gekommen war. Der Gewerkschaftsbund CGT protestierte gegen den Schritt und sagte, man wolle an der ursprünglichen Route vom Bastille-Platz festhalten. Benjamin Ball von der Koordination der Gelbwesten, die eine tragende Rolle bei der Mobilisierung spielt, unterstrich gegenüber der Nachrichtenagentur AFP ebenfalls: «Wir weigern uns, vor einer Regierung einzuknicken, die macht, was ihr gerade einfällt.» Am Samstagmorgen wies das Verwaltungsgericht die Beschwerde der Organisatoren jedoch ab.

Ein grosses Polizeiaufgebot sollte für Sicherheit und Ordnung sorgen.

Ein grosses Polizeiaufgebot sollte für Sicherheit und Ordnung sorgen.

Kurz vor Mittag sind rund um die Place de la Bastille viele Polizisten anzutreffen. Eine grosse Gruppe hat sich zu einer Einsatzbesprechung eingefunden. Die Polizisten sind angewiesen, nicht mit den Journalisten zu sprechen. Ein 34-jähriger Offizier der Gendarmerie aus dem Vorort Saint-Denis tut es dennoch. Seit einem Monat seien er und seine Männer im Einsatz. Auch heute, obwohl sie eigentlich frei hätten. Seit seinem 18. Lebensjahr trage er eine Uniform. Sein Vater sei Vietnamese, seine Mutter Algerierin. Er sagt: «Frankreich hat mir alles gegeben, und ich möchte etwas zurückgeben.»

Um 12 Uhr ruft ein Polizist mit seinem Megafon zur Räumung des Bastille-Platzes auf. Dort haben sich vor allem Journalisten und Fotografen aus der ganzen Welt versammelt. Als die Polizisten zur Räumung des Platzes schreiten, löst sich die Menge auf. Eine alte Frau schreit Parolen und sorgt für Aufmerksamkeit, aber Demonstranten sind keine zu sehen.

Am Stadtrand demonstrieren Gymnasiasten und Gewerkschafter

Trotz anfänglichem Widerstand hatten sich die Demonstranten im Süden der Stadt bei der Porte d’Italie versammelt. Die meisten Demonstranten waren junge weisse Franzosen: Studenten, Gymnasiasten, aber auch Gewerkschafter und generell Anhänger der Linken. Die Banlieue-Jugend war nur schwach präsent, und nur wenige Vertreter des berüchtigten schwarzen Blocks waren am Rand der Demonstration zu sehen. Der Demonstrationszug bewegte sich friedlich über die Boulevards des Maréchaux bis zur Porte de Vincennes, die er gegen 17 Uhr erreichte. Die Einsatzkräfte hielten sich gegenüber dem Demonstrationsumzug auf Distanz und gingen Konfrontationen aus dem Weg.

Die Gelbwesten haben fürs nächste Wochenende bereits zu neuen Demonstrationen aufgerufen.

Die Gelbwesten haben fürs nächste Wochenende bereits zu neuen Demonstrationen aufgerufen.

Die von Wohnquartieren gesäumte Route bot wenig Ziele für die Krawallanten des schwarzen Blocks und die Plünderer, die vor einer Woche das Stadtzentrum von Paris verwüstet hatten. Bei der Auflösung des Zuges an der Porte de Vincennes kam es jedoch zu Zusammenstössen mit den Sicherheitskräften.

Laut der Polizeipräfektur nahmen in Paris 110 000 Personen teil, gleich viele wie eine Woche zuvor. Es gab über 3000 Kontrollen und 65 Festnahmen. Auch ausserhalb von Paris blieb es nicht überall ruhig. In Lyon zogen rund 10 000 Personen trotz Verbot in Gruppen durch die Stadt und wurden mit Tränengas zerstreut. In Toulouse wurde ein Demonstrant an der Hand schwer verletzt. Die Gelbwesten haben bereits für den 31. Oktober zu den nächsten Massenprotesten aufgerufen.

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Source: Neue Zürcher Zeitung · Daniel Rickenbacher, Fotografinnen und Fotografen

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