Kommentar
Trotz Preishoch für Benzin und Diesel: Die Ölkrise ist noch bedrohlicher, als es an der Zapfsäule aussieht
Der Transport von Öl ist mancherorts so teuer, dass der Import sich nicht mehr rechnet. Viele Länder verschliessen die Augen: Der Verbrauch muss runter, der Druck für ein Ende des Iran-Kriegs rauf.
31.10.2026, 05.30 Uhr
3 Leseminuten
Dieses Schiff wurde für seine Reise sehr teuer bezahlt: Ein Öltanker aus Saudiarabien trifft in Mumbai ein.
Divyakant Solanki / EPA
Die Russen kommen zu spät. Mindestens drei russische Tanker fahren derzeit über den Atlantik zur Küste der USA, um Diesel für Donald Trump zu liefern. Beziehungsweise für die amerikanischen Lastwagenfahrer. Doch weil die Schiffe erst in rund einer Woche eintreffen, sind sie zu spät für die Zwischenwahlen am 3. November. Die stark gestiegenen Treibstoffpreise dürften beim Wahlentscheid vieler Amerikaner eine Rolle spielen – zum Leidwesen von Trump, der mit der umstrittenen Lieferung aus Russland gegensteuern wollte.
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Die russischen Mengen sind ohnehin zu klein, um am amerikanischen Treibstoffmarkt einen Unterschied zu machen. Wichtiger sind andere Absurditäten, welche die anhaltende Krise am Ölmarkt hervorbringt. Zum Beispiel die Tatsache, dass die USA derzeit so wenig Rohöl in Richtung Asien exportieren wie seit sieben Jahren nicht mehr. Das sollte überraschen, denn auch in Asien zahlen die Autofahrer sehr hohe Preise für Treibstoff, und die USA haben kein Exportverbot für Rohöl erlassen.
Tanker sind fast so knapp wie Öl
Ein gewichtiger Grund hält asiatische Raffinerien davon ab, Öl in den USA zu bestellen: der irrwitzige Anstieg der Transportkosten. Laut der Nachrichtenagentur Bloomberg kostet es mittlerweile rund 60 Millionen Dollar, einen Tanker über den Pazifik zu schicken. Für die doppelte Summe kann man gleich ein neues Schiff in einer Werft bauen lassen. Vor dem Iran-Krieg kostete die Fahrt üblicherweise 8 Millionen Dollar.
Weil Fahrten durch die Strasse von Hormuz und das Rote Meer so gefährlich sind, braucht es viel mehr Schiffe, um das Öl zu transportieren. Die Frachter fahren lange Umwege oder sind mit langwierigen Verladeoperationen beschäftigt, um sich mit Konvoifahrten vor iranischen Raketen zu schützen. Freie Schiffe sind mindestens so knapp wie ihre Ladung.
Wieder bewahrheitet sich, dass die Logistik immer einen Weg findet. Aber dieser Weg hat seinen Preis. Zum Beispiel kostet es mittlerweile rund 22 Dollar, ein Fass Rohöl von Afrika nach Europa zu bringen, wie die Internationale Energieagentur (IEA) schreibt. Das ist mehr als viermal so viel wie vor der Krise und kommt für den Käufer noch zu dem Preis für das Rohöl hinzu. Der hat sich bei rund 110 Dollar je Fass der Referenzsorte Brent festgesetzt. Kein Wunder, ist auch Treibstoff in der Schweiz weiterhin sehr teuer.
Acht Monate nach Beginn des Iran-Kriegs ist immer noch von einem Angebotsschock an den Erdölmärkten die Rede. Ärzte wissen, dass ein Schock ein akutes Kreislaufversagen ist – und damit ein recht kurzes Ereignis. Einen dauerhaften Schock gibt es nicht, der Tod ist schneller. Und tatsächlich: Der Kreislauf der Ölversorgung existiert noch. Aber es kostet enorme Summen, ihn aufrechtzuerhalten.
Eine vernünftige Reaktion: Elektroautos boomen
Leider wollen viele Industrieländer nicht anerkennen, dass der Ölmarkt auf der Intensivstation liegt. Ihr Verbrauch von Ölprodukten wie Benzin und Diesel ist weiterhin erstaunlich hoch. Dies auch deshalb, weil die Freigabe von Reserven und Subventionen für Autofahrer den Preisanstieg tiefer halten, als er sein müsste, um die Nachfrage erheblich zu drosseln. Das ist gefährlich: Die Lager sollen bei einem Schock helfen, aber sie sind kein Heilmittel für eine chronische Krankheit. Sie vermitteln eine falsche Sicherheit, während die Pegel sinken.
Das Heilmittel kann in diesem Fall nur Sicherheit und Stabilität im Nahen Osten sein. Das wird nicht ohne Mithilfe der USA gelingen – und wohl nicht ohne Druck anderer Länder auf Iran, aber auch auf die USA. Von sich aus ist Trump offenbar kaum an einer tragfähigen Lösung interessiert, wie der rein populistische Diesel-Deal mit Russland gezeigt hat. Die Augen vor dieser Realität zu verschliessen, verlängert die Krise am Ölmarkt nicht nur, es verschlimmert sie dadurch auch.
Manche Konsumenten handeln in dieser Gemengelage klüger. In der Schweiz wurden im September rund die Hälfte mehr reine Elektroautos zugelassen als im Vorjahresmonat, ganz ohne staatliche Kaufprämien. Ihr Marktanteil erreichte rekordhohe 36 Prozent.
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Source: Neue Zürcher Zeitung · Benjamin Triebe
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