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Open AI contra Mathematiker: Nach dem Drama um KI-generierte Beweise ist nun die Zeit für Kooperation gekommen

Die Tech-Branche hat die Mathematiker brüskiert. Die Forscher reagieren emotional. Nun sollten die beiden Seiten aufeinander zugehen. Die Wissenschaft gewinnt nur, wenn Mensch und Maschine zusammenspielen.

05.11.2026, 05.35 Uhr

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Momentaufnahme einer lokalen inkompressiblen Bewegung. Orange kennzeichnet eine schnellere, Türkis eine langsamere Winkelrotation. Die Umlaufgeschwindigkeit hängt auch vom Radius ab. Die Trajektorien zeigen eine spiralförmige Bewegung nach

Momentaufnahme einer lokalen inkompressiblen Bewegung. Orange kennzeichnet eine schnellere, Türkis eine langsamere Winkelrotation. Die Umlaufgeschwindigkeit hängt auch vom Radius ab. Die Trajektorien zeigen eine spiralförmige Bewegung nach innen und eine axiale Streckung. Quelle: https://openai.com/de-DE/index/navier-stokes-solution/

PD

Der Spätsommer und der Herbst 2026 hätten als historischer Triumph für die künstliche Intelligenz und die Wissenschaft gleichermassen gefeiert werden können. KI-Firmen, vor allem Open AI, gelang die Lösung von Problemen, die Mathematiker seit Jahrzehnten zu den schwierigsten ihres Fachs zählen. Frühere Skeptiker mussten die beachtlichen Fortschritte von Sprachmodellen anerkennen. Doch statt einhelligen Jubel löste die massenhafte Veröffentlichung von Durchbrüchen in der Fachwelt vor allem Widerstand aus.

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An einem einzigen Tag lud Open AI Hunderte von potenziell bahnbrechenden Forschungsresultaten ins Internet hoch. Die Firma bemühte sich dabei jedoch weder um eine vorgängige Begutachtung durch unabhängige Experten, noch erlaubte sie die öffentliche Diskussion darüber nach der Publikation. Sie missachtete damit wissenschaftliche Standards der Transparenz, Nachprüfbarkeit und Fairness zugunsten ihrer kurzfristigen kommerziellen Interessen.

In Internetforen brachten etliche Mathematiker ihre Bestürzung zum Ausdruck. «Wenn Open AI die Mathematikergemeinde zerstören wollte, wäre das eine hervorragende Methode», schrieb etwa Henry Wilton, Professor für Mathematik an der University of Cambridge. Indem die Firma sich weigere, die Autoren der Arbeiten beim Namen zu nennen, suggeriere sie, dass Mathematik kein menschliches Unterfangen mehr sei.

Die KI-Branche lässt politisches Gespür vermissen

Noch im Sommer hatte KI vor allem mit ausser Kontrolle geratenen Agentenschwärmen und Vorhersagen zur Auslöschung der Menschheit die Schlagzeilen dominiert. Die rekordtiefe Beliebtheit der Technologie verwundert vor diesem Hintergrund genauso wenig wie die zunehmend KI-feindliche Haltung von Politikern jeglicher Couleur.

Doch als wären ihre Rechenzentren, Jobvernichtungsprognosen und Endzeitphantasien nicht unpopulär genug, machen sich die KI-Firmen nun auch in der Wissenschaftsgemeinde unnötig viele Feinde. Die Branche beweist damit wieder einmal ihre Fähigkeit, Menschen gegen sich aufzubringen. Dabei wird gesellschaftliche Akzeptanz für das Fortschreiten der KI-Entwicklung entscheidend sein.

Eklatante Missachtung wissenschaftlicher Normen

Bereits im Mai hatte Open AI den Argwohn der Fachwelt geweckt, als die Firma eines der wichtigsten Probleme löste, die der berühmte Mathematiker Paul Erdös um die Mitte des 20. Jahrhunderts formuliert hatte. Anfang Juni bemängelten Mathematiker in der nach einer niederländischen Stadt benannten Leidener Erklärung, dass solche KI-generierten Lösungen dazu neigten, gegen Normen der Wissenschaft zu verstossen: etwa weil Methoden und Daten unvollständig offengelegt und Beiträge Dritter nicht gebührend gewürdigt würden. Bisweilen seien die KI-generierten Beweise fehlerhaft oder schwer verständlich, was ihren Nutzen grundsätzlich schmälere.

Regelrecht in Aufruhr versetzte die KI-Branche die Mathematiker Anfang September, als Open AI die Lösung eines Millennium-Problems der Mathematik veröffentlichte, des Navier-Stokes-Problems über die mathematischen Lösungen der Gleichungen, die das Verhalten von Gasen und Flüssigkeiten beschreiben. Hätten Menschen das Problem gelöst, hätte ihnen das ausgelobte Preisgeld in Höhe von einer Million Dollar zugestanden. Doch für seine Lösung hatte Open AI schätzungsweise ein paar Dutzend Millionen Dollar aufgewendet. Ein Schwarm aus 10 000 KI-Agenten auf der Basis eines unveröffentlichten Sprachmodells hatte das Problem in nur 88 Stunden Rechenzeit geknackt.

Auch diese historische Errungenschaft hatte für die Mathematikerwelt einen schalen Beigeschmack. Der Verdacht der unlauteren Aneignung origineller Ideen wurde gleich von einem Mathematiker der New York University geäussert. Er war kurz davor mithilfe eines kommerziellen KI-Tools von Open AI auf eine vielversprechende Spur gekommen und warf der Firma vor, sich diesen Lösungsansatz erschlichen zu haben. Open AI schlug ihm eine gemeinsame Veröffentlichung vor. Doch das sei an eine Bedingung geknüpft gewesen: Er durfte seinen Mitstreiter bei Anthropic, einen Open-AI-Konkurrenten, nicht als Mitautor nennen.

Forscher zweifeln den KI-generierten Durchbruch an

In der von Open AI veröffentlichten Lösung des Navier-Stokes-Problems fanden Mathematiker bald zahlreiche Beispiele für mangelnde Anerkennung vorgängiger Forschungsarbeiten. Zweifelhaft ist inzwischen auch die Richtigkeit des mitgelieferten Beweises in der Computersprache Lean. Diese überprüft, ob die logischen Schritte in für Computer umgeschriebenen Beweisen korrekt sind. Ein Lean-Beweis erhöht damit das Vertrauen in die Richtigkeit der ursprünglichen Beweisführung beträchtlich – vorausgesetzt, dass die Übersetzung des ursprünglichen Beweises in die Computersprache fehlerfrei ist.

Doch in einer neuen, noch nicht begutachteten Studie weisen drei Mathematiker darauf hin, dass der von Open AI publizierte Lean-Beweis des Navier-Stokes-Problems an mehreren Stellen nicht mit dem ursprünglichen Beweis in natürlicher Sprache übereinstimmt. Sollte sich das bestätigen, würde das auch das ursprüngliche Resultat infrage stellen.

Mathematiker verschanzen sich hinter radikaler Ablehnung

Die in der Leidener Erklärung vorgebrachten Bedenken sähen sich damit genauso bestätigt wie die Kritik weiterer prominenter Mathematiker, die sich seitdem öffentlich zu Wort gemeldet haben – unter ihnen 28 Träger der Fields-Medaille, der höchsten Auszeichnung der Mathematik.

Fragwürdig ist hingegen die Haltung mancher Mathematiker, die im Zuge der KI-Invasion ihres Fachgebiets regelrecht auf die Barrikaden gegangen sind. Hunderte von ihnen haben sich mittlerweile der neu gegründeten Vereinigung für menschliche Mathematik angeschlossen. Manche ihrer Mitglieder schwören der Nutzung von KI in ihrer Forschung gänzlich ab. Eine solche radikale Abwendung von KI dürfte sich langfristig als illusorisch erweisen.

Deshalb mag ein Aussenstehender die Reaktionen der Mathematiker teilweise als übertrieben taxieren. In ihre Ablehnung von KI mischen sich auch irrationale Angst, Nostalgie und Eigennutz. Manche Mathematiker wehren sich reflexhaft gegen eine Technologie, die sie vom imaginären Thron der intellektuellen Elite stösst. Vielen geht es dabei um die Erhaltung ihrer Deutungshoheit.

Doch viele Einwände der Mathematiker sind berechtigt. Wissenschaftliche Normen sind nicht nur da, um den Status quo zu bewahren. Sie dienen auch dazu, Werte wie Transparenz und Nachvollziehbarkeit aufrechtzuerhalten. Werte, die für den Prozess der Erkenntnisgewinnung unerlässlich sind.

Open AI hört nur halbherzig auf Empfehlungen

Vom Protest der Fachwelt scheint Open AI Notiz genommen zu haben. Die Firma bat nach der Veröffentlichung des Navier-Stokes-Beweises angesehene Mathematiker um Ratschläge in Vorbereitung auf die Herausgabe weiterer bahnbrechender Ergebnisse. Daraufhin erarbeitete ein unabhängiges Beratungsgremium Empfehlungen.

Doch das scheint nur begrenzte Wirkung erzielt zu haben, wie die erneute Massenpublikation von Anfang Oktober offenbarte.

Einen Teil der mehr als 700 neuen Arbeiten lieferte Open AI mit einem dazugehörigen formalen Beweis in der Computersprache Lean. Doch ein Grossteil der neuen Beweise kam ohne jegliche Überprüfung – weder durch digitale Beweisassistenten wie Lean noch durch unabhängige Fachexperten.

Wer profitiert von der Flut an KI-generierten Resultaten?

Aus Sicht von Open AI ist eine solche Demonstration der Leistungsfähigkeit der eigenen Modelle nachvollziehbar. Die Firma steht unter Druck, Investoren von den Vorzügen der eigenen Technologie zu überzeugen. Sie will voraussichtlich nächstes Jahr an die Börse gehen und strebt eine Bewertung in Billionenhöhe an. Derweil hat auch der Konkurrent Anthropic seine Börsengangpläne konkretisiert, womit der Druck weiter zunimmt.

Für die Allgemeinheit ist der unmittelbare Nutzen der flutartigen Veröffentlichungen jedoch gering. Wie der Mathematiker und Fields-Medaillen-Gewinner Hugo Duminil-Copin von der Universität Genf kürzlich in einem Podcast anmerkte, ändert sich für die Welt nichts, wenn eine für Mathematiker wichtige Vermutung heute oder erst in einem Jahr bewiesen wird. Diese Resultate sind so weit weg von praktischen Anwendungen, dass der Zeitrahmen bis zur wirtschaftlichen Verwertung in der Regel in Jahrzehnten oder gar Jahrhunderten bemessen wird.

Unmittelbar betroffen sind jedoch die Forschungsprojekte zahlreicher Doktorandinnen und Doktoranden, die zum grossen Teil mit dem Geld von Steuerzahlern finanziert werden.

Die Mathematikergemeinde ist nun gefragt, ihr Ausbildungs- und Anreizsystem der neuen Realität anzupassen. Wenn KI das Problemlösen automatisiert, bleibt für Menschen in der Mathematik trotzdem noch Platz. Sie werden immer noch die relevanten Fragestellungen wählen und als Ausleger und Vermittler von Wissen eine zentrale Rolle spielen. Auch wenn das Vorgehen der KI-Firmen als unsensibel zu bezeichnen ist, kann die Forschung sich den Verzicht auf ein so mächtiges Hilfsmittel wie KI nicht leisten.

Für die KI-Firmen ist ein Kurswechsel dringend nötig. Sie sollten anerkennen, dass Mathematik und Wissenschaft allgemein auch in Zukunft auf Menschen angewiesen sein werden, die Forschung betreiben, Wissen weitergeben und mit neuen Technologien Unternehmen gründen. Open AI und Anthropic haben inzwischen gemeinsam mit der Simons Foundation 15 Millionen Dollar zur Verfügung gestellt, um die mathematische Forschung in der neuen Welt von KI-generierten Beweisen zu fördern. Das ist ein richtiger erster Schritt.

Mathematiker sind ihrerseits gehalten, zu einem neuen Selbstverständnis zu finden. Die romantische Ära der mathematischen Helden ist zu Ende, wie Terence Tao, einer der begabtesten Vertreter seines Fachs, treffend festgestellt hat. Statt mathematische Forschung als Trophäenjagd zu betreiben, sollten sie sich auf die einzigartige menschliche Rolle besinnen, das mit den Maschinen generierte Wissen mit Bedeutung und Weltbezug auszufüllen.

Echte Partnerschaft statt Konfrontation sollte den Umgang zwischen der KI-Branche und der Wissenschaftsgemeinde prägen. Denn nicht ein hypothetischer Maschinengott, sondern die menschliche Wissenschaft sollte als Gewinnerin der KI-Revolution hervorgehen. Und das gelingt nur, wenn Mensch und Maschine zusammenarbeiten.

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Source: Neue Zürcher Zeitung · Leonid Leiva Ariosa

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