Kommentar

Mit der Zugtragödie kurz vor der Wahl steht Pedro Sánchez vor dem Aus

Spaniens Hochgeschwindigkeitsnetz stand für Fortschritt und war der Stolz seiner Regierung. Nach zwei schweren Unglücken ist dieses Selbstbild erschüttert. Für den linken Regierungschef ist die Bahnkrise zum Epizentrum seines politischen Überlebenskampfs geworden.

30.10.2026, 13.57 Uhr

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Ministerpräsident Pedro Sánchez besucht die Unglücksstelle beim kastillischen Urba. Später wir er «Lösungen» für die Probleme der Bahn versprechen. Nach acht Jahren an der Macht dürfte das wohl zu spät kommen.

Ministerpräsident Pedro Sánchez besucht die Unglücksstelle beim kastillischen Urba. Später wir er «Lösungen» für die Probleme der Bahn versprechen. Nach acht Jahren an der Macht dürfte das wohl zu spät kommen.

Imago

Was ist nur auf Spaniens Schienen los? Wer die Bilder der verkeilten Waggons mitten in der spanischen Landschaft sieht, dem kommen sie erschreckend vertraut vor. Zum zweiten Mal innerhalb von nur zehn Monaten sind auf Spaniens Hochgeschwindigkeitsnetz zwei Züge kollidiert. Wieder gibt es Dutzende Tote, wieder viele Verletzte.

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Im Januar war beim andalusischen Adamuz zunächst ein Zug entgleist und anschliessend mit einem entgegenkommenden Schnellzug zusammengestossen. 46 Menschen starben. Hinweise verdichteten sich damals auf einen Schienenbruch. Die Regierung versprach Aufklärung, Kontrollen und ein sichereres Netz. Knapp zehn Monate später die nächste Katastrophe. Wieder kollidieren zwei Schnellzüge, mindestens 69 Menschen sterben. Diesmal rückte die Regierung sehr schnell menschliches Versagen in den Mittelpunkt. Dass vorher auch Bahntechnik versagte, rückte sie in den Hintergrund.

Was welchen Anteil an der Katastrophe hatte, müssen nun die Ermittler klären. Fest steht aber schon jetzt: Die zwei schweren Unglücke innerhalb weniger Monate haben längst mehr als nur das Vertrauen in die Bahn erschüttert. Sie treffen ein Land, das stolz war auf das zweitgrösste Hochgeschwindigkeitsnetz der Welt – und eine Regierung, die diese Infrastruktur gerne als Symbol für Spaniens Modernisierung und sein starkes Wirtschaftswachstum präsentiert hat.

Es fliessen Milliarden, doch wohin?

Milliarden Euro – auch aus der EU – flossen in den Ausbau von Spaniens Hochgeschwindigkeitsnetz und neue Bahnhöfe. Seit der Liberalisierung Ende 2020 wuchs das Angebot rasant, günstigere private Anbieter machten der staatlichen Renfe Konkurrenz. 2025 nutzten knapp 45 Millionen Reisende die superschnellen Züge, doppelt so viele wie 2019.

Doch Wartung und Personal hielten mit dem schnellen Ausbau nicht Schritt. Gewerkschaften und Beschäftigte warnen seit längerem vor Überlastung und Sicherheitsrisiken. Auch die Zahlen werfen Fragen auf: Während EU-Länder im Schnitt rund 190 000 Euro pro Schienenkilometer für Wartung, Erneuerung und Ausbau ausgeben, sind es in Spanien nur etwa 96 000. Besonders sichtbar wird der Rückstand im chronisch unterfinanzierten Regionalverkehr, wo Zug- und Technikausfälle zum Alltag gehören.

Hinzu kommt: Ausgerechnet das Verkehrsministerium ist seit Jahren politisch belastet. Unter Sánchez’ früherem Verkehrsminister José Luis Ábalos wurde das Ressort zu einem zentralen Schauplatz einer Korruptionsaffäre um mutmasslich manipulierte öffentliche Aufträge – unter anderem auch an die Bahninfrastrukturfirma Adif.

Noch laufen die Ermittlungen dazu. Doch sie erschütterten die Regierungspartei und nicht zuletzt den Ministerpräsidenten, weil Ábalos zum engsten Machtzirkel von Sánchez zählte. Auch unter seinem Nachfolger Óscar Puente kommt das Ministerium kaum aus den Schlagzeilen. Oft, weil dieser in den sozialen Netzwerken zu diversen Themen um sich schlägt.

In der Bahnkrise spiegelt sich Vertrauenskrise

Dass nun selbst das prestigeträchtige Hochgeschwindigkeitsnetz durch eine zweite schwere Katastrophe innerhalb weniger Monate erschüttert wird, darin liegt die politische Sprengkraft des Unglücks.

Denn die Spanier zweifeln längst nicht mehr nur an der Sicherheit der Züge. Sie treffen den Staat selbst: auf seine Fähigkeit, Menschen zu schützen und zentrale Infrastruktur verlässlich am Laufen zu halten. Damit droht die Bahn zum Brennglas einer ohnehin bestehenden Vertrauenskrise zu werden.

Sánchez trifft das Zugunglück bei Urda zu einem denkbar schlechten Zeitpunkt. Am 29. November stehen vorgezogene Neuwahlen an. Sánchez musste diese anberaumen, weil er längst tief in der Bredouille war. Sein Management der Migrationskrise in Ceuta hatte das Vertrauen in die Regierung schon schwer beschädigt. Die landesweiten Proteste gegen die Wohnungskrise brachten die ohnehin taumelnde Regierung danach noch tiefer in Bedrängnis.

Nun hat die Opposition aus Konservativen und der rechtsnationalen Vox bereits damit begonnen, das Unglück in eine grössere Erzählung der Versäumnisse, mangelnden Kontrolle und des staatlichen Versagens einzufügen. Stoff dafür haben Pedro Sánchez und seine Regierung genug geliefert. Für den angeschlagenen Regierungschef könnte die Bahnkatastrophe nun zum politischen Schlusspunkt seiner Amtszeit werden.

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Source: Neue Zürcher Zeitung · Julia Monn

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