Kommentar
Pro Artikel
Massenentlassungen bei VW? Europas Industrie kann weit mehr als nur Autos bauen
Der Verlust Tausender Jobs in der europäischen Autobranche verunsichert. Doch in Europa werden auch gefragte Rüstungsgüter oder Schlüsselkomponenten für Rechenzentren gefertigt. Für einen Abgesang auf die Industrie ist es zu früh.
28.10.2026, 05.35 Uhr
5 Leseminuten
Es sind schwierige Zeiten. Die Ankündigung des Automobilkonzerns Volkswagen, in den nächsten Jahren 50 000 Stellen abzubauen und vier Werke zu schliessen, hat den Industriestandort Deutschland ins Mark getroffen.
Optimieren Sie Ihre Browsereinstellungen
NZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.
Bitte passen Sie die Einstellungen an.
VW macht besonders die gesunkene Nachfrage aus China zu schaffen. Deutsche Autos galten im Reich der Mitte lange Zeit als Statussymbol. Inzwischen werden sie dort aber stark von chinesischen Modellen bedrängt.
Europaweiter Aderlass
In den ersten neun Monaten dieses Jahres lag die Autoproduktion in Deutschland noch immer um 15 Prozent unter dem Vorkrisenniveau 2019. Vor diesem Hintergrund ist nicht nur bei VW Sparen angesagt. Im ersten Halbjahr gingen in der deutschen Automobilindustrie über 40 000 Arbeitsplätze verloren. Die Zahl der Beschäftigten fiel mit 690 000 auf den tiefsten Stand der letzten zwanzig Jahre.
Doch nicht nur der deutsche Autosektor erlebt einen schmerzhaften Aderlass. In der EU ist die Zahl der produzierten Autos gegenüber dem Niveau vor der Covid-Pandemie um 17 Prozent gefallen.
Der verschärfte Wettbewerb mit China wirkt sich weit über die Autobranche hinaus belastend auf den europäischen Industriesektor aus. Die Zeiten, als aus dem Reich der Mitte in Massen vor allem billige Textilien oder Spielzeuge nach Europa exportiert wurden, sind längst vorbei. Chinesische Produzenten haben in unzähligen Industriesegmenten aufgeholt und sich nicht selten sogar schon an die Weltspitze gesetzt.
Konkurrenz mit China bietet auch Vorteile
Dank staatlichen Subventionen, günstigen Vorprodukten und vor allem niedrigeren Energiekosten können chinesische Unternehmen ihre europäischen Konkurrenten preislich oft deutlich unterbieten. Bei aller Wucht, mit der Anbieter aus der Volksrepublik in westliche Märkte vordringen, wirkt sich ihre Stärke für europäische Industriefirmen aber nicht nur negativ aus.
Viele chinesische Produkte sind Komponenten wie zum Beispiel Elektronikteile oder Batterien. Ohne sie liessen sich Autos, Waschmaschinen oder Züge in europäischen Hochlohnländern längst nicht mehr konkurrenzfähig fertigen. Unternehmen wie VW, der deutsche Haushaltgeräteproduzent Miele oder die Schienenfahrzeughersteller Alstom, Siemens und Stadler Rail profitieren ebenfalls von niedrigeren Kosten, wenn sie günstig Teile aus China beschaffen können.
Das Kräftemessen mit China birgt weitere Vorteile. Der chinesische Branchenriese CRRC beispielsweise hat es trotz mehrfachen Versuchen bis heute nicht geschafft, im europäischen Eisenbahnmarkt den einheimischen Platzhirschen gewichtige Marktanteile abzujagen. Doch allein die Furcht davor, dass ihm dies trotzdem noch gelingen könnte, zwingt Alstom, Siemens und Stadler, permanent an den Kostenstrukturen sowie der technologischen Weiterentwicklung ihrer Produkte zu arbeiten.
Endlich auch günstige europäische E-Autos
Die starke chinesische Konkurrenz macht auch Managern und Ingenieuren in der Automobilbranche Beine. Verwöhnt von den Absatzerfolgen mit Verbrennerautos, haben viele europäische Produzenten die Elektromobilität verschlafen. Die wenigen E-Autos aus Europa stammten primär von Anbietern in der Oberklasse wie Mercedes oder BMW und waren für die meisten Konsumenten zu teuer. Nun bringen endlich auch Massenhersteller wie VW, Renault oder selbst der totgeglaubte italienische Anbieter Fiat bezahlbare Autos ohne Verbrennungsmotor auf den Markt.
Die vielen Lancierungen aus Europa, die oft auch ein erfrischend freches Design aufweisen, kommen zur rechten Zeit: Angesichts der stark gestiegenen Benzin- und Dieselpreise dürfte bei vielen Automobilisten die Bereitschaft zur Umstellung auf die Elektromobilität noch nie so gross gewesen sein wie jetzt.
In Deutschland zählt trotz den jüngsten Sparrunden die Autobranche von allen Industriesektoren noch immer am zweitmeisten Mitarbeitende. In der EU arbeiten über 8 Prozent aller Beschäftigten im verarbeitenden Gewerbe im Automobilsektor. So gesehen ist es für Europa elementar, dass die europäische Autobranche nach Jahren der Krise endlich die Kurve kriegt.
Boomende Geschäfte bei ABB
Dennoch kann Europas Industrie weit mehr als nur Autos bauen. Und vielen Branchen läuft es trotz den hohen Energiepreisen und den anhaltend starken geopolitischen Spannungen erstaunlich gut.
Regelrecht überrannt werden Firmen, die Produkte zum Bau und zur Ausrüstung von Rechenzentren fertigen. Dazu zählen der Schweizer Anbieter ABB und sein französischer Konkurrent Schneider Electric. Sie sorgen mit ihren Systemen dafür, dass die Server und Kühlanlagen der Datenzentren stets mit der nötigen Energie versorgt werden.
Auch Zulieferern der Halbleiterindustrie wie der Ostschweizer Industriegruppe VAT und dem Freiburger Anbieter Comet fliegen die Aufträge zurzeit nur so zu. Rechenzentren benötigen Unmengen von besonders leistungsfähigen Chips. Diese werden zwar fast ausschliesslich in Asien produziert, aber manche Ausrüster von Halbleiterfabriken wie der niederländische Anlagenbauer ASML oder die beiden deutschen Hersteller optischer Instrumente Carl Zeiss und Jenoptik haben ihren Sitz in Europa.
Volle Auftragsbücher haben auch die meisten Industrieunternehmen, die für die Luft- und Raumfahrt sowie im Rüstungsbereich arbeiten. Rund um Branchenschwergewichte wie den paneuropäischen Flugzeugbauer Airbus, den deutschen Waffenproduzenten Rheinmetall und den britischen Triebwerkhersteller Rolls-Royce haben sich potente Cluster gebildet, zu denen erfreulicherweise auch zahlreiche Startups zählen.
Inflation und Gasmangellage sind Risikofaktoren
Die boomenden Geschäfte solcher Firmen sorgen dafür, dass die Einkaufsmanagerindizes in den meisten europäischen Industrieländern seit Monaten im grünen Bereich liegen, ein Hinweis auf weiteres Wachstum. Bei allem Optimismus gilt es aber auch die Risiken im Auge zu behalten.
Ein bedeutender Gefahrenherd ist die Inflation. Die stark gestiegenen Preise vieler Güter lassen schon jetzt manche Konsumenten vor grossen Anschaffungen zurückschrecken.
Ein weiterer Risikofaktor ist eine mögliche Gasmangellage. Die Füllstände der Gasspeicher in Europa befinden sich wegen der ausgebliebenen Lieferungen aus dem Nahen Osten auf dem tiefsten Stand seit fünfzehn Jahren. Sollte es diesen Winter zu einer ungewöhnlich langen Kälteperiode kommen, könnten Industriefirmen gezwungen sein, ihre Produktion zu unterbrechen. Bei einer Mangellage wird die Gasversorgung der Industrie als Erstes gekappt.
Auffallend ruhig ist es im Zollstreit zwischen Europa und den USA geworden. Er kann aber jederzeit wieder aufflammen.
Stahlzölle der EU verteuern Produktion in Europa
Im Handelskonflikt mit China tut die EU gut daran, auf eine Deeskalation hinzuarbeiten und bestehende Schutzzölle wieder aufzuheben. Beim Stahl wurden diesen Sommer die Kontingente für zollfreie Einfuhren aus Drittstaaten drastisch verkleinert. Die Massnahme zielt besonders auf die chinesische Stahlindustrie, die weltweit mit Abstand grösste. Schon länger in Kraft sind Zölle für Elektroautos aus China. Ab Dezember soll auch die Einfuhr von chinesischen Personenwagen mit Hybridmotor begrenzt werden.
Diese Schutzmassnahmen nützen den europäischen Stahl- und Autoherstellern. Das Nachsehen haben die Konsumenten, die mehr für chinesische Autos bezahlen müssen. Beim Stahl, der ein Werkstoff für diverse Industrieprodukte ist, sind Firmen reihum negativ betroffen. Wegen der Abschottung des europäischen Marktes sehen Analysten die Stahlpreise 2027 in Europa deutlich steigen.
Verkrusteter Arbeitsmarkt muss aufgebrochen werden
Die EU wäre besser beraten, den freien Warenaustausch zuzulassen, wie sie dies bei Industriegütern auch den USA zugesteht (umgekehrt gilt die Freiheit wegen der amerikanischen Zölle allerdings nicht). Zudem sollte sie ihren Versprechen Taten folgen lassen und den Wust an Regulierungen auf europäischer Ebene endlich auf ein verträgliches Mass zurechtstutzen.
Auch in den einzelnen Ländern herrscht Handlungsbedarf. Dies gilt besonders bei Vorschriften, die den Arbeitsmarkt betreffen. In Ländern wie Deutschland, Frankreich und Italien sind Entlassungen noch immer viel zu teuer, so dass Industriefirmen oft lieber anderswo investieren.
Liberalisierungsschritte versprechen umgekehrt eine reiche wirtschaftliche Ausbeute. Je mehr Freiheiten europäische Unternehmen in ihren Heimmärkten geniessen, desto fitter sind sie für den globalen Wettbewerb. Auch der unumgängliche Strukturwandel in krisengeplagten Industriezweigen wie der Autobranche lässt sich dann einfacher bewältigen.
Die meisten Arbeitskräfte, die im Automobilsektor überzählig geworden sind, besitzen Erfahrung und sind gut ausgebildet. Es sollte ihnen möglichst einfach gemacht werden, anderswo in der Industrie eine Stelle anzutreten.
Passend zum Artikel
Source: Neue Zürcher Zeitung · Dominik Feldges
At a glance
- Topic
- World
- Country
- 🇨🇭 CH
- Publisher language
- DE
- Added to Allnira