Kommentar
Wenige Tage nach Guy Parmelins Rücktritt musste die SVP zusehen, wie ein Favorit nach dem anderen absprang. Die Mitte war 2025 heidenfroh, dass sich mit Martin Pfister noch ein zweiter Kandidat fand, der bereit war, hinter Viola Amherd aufzuräumen. Die Parteien müssen die Bundesratsplanung wieder ernster nehmen.
06.11.2026, 05.30 Uhr
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Seit Martin Pfister im Amt ist, muss er hinter Viola Amherd aufräumen.
Keystone
«Gebt mir eine Million, und ich mache aus jedem Kartoffelsack einen Bundesrat.»
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Elisabeth Baume-Schneider wurde auch dank Schwarznasenschafen Bundesrätin. Martin Hofer, Senior Consultant bei der Kommunikationsagentur Farner, hatte die gloriose Idee, die Jurassierin vor dem Hintergrund ihrer fotogenen Schafherde ablichten zu lassen. Botschaft: Seht her, das ist die sympathische Kandidatin mit Stallgeruch und «Gmögigkeits»-Faktor.
Damit schuf Hofer eine Art Bundesrätin der Herzen. Das Bild gab den Ausschlag für Elisabeth Baume-Schneider und gegen die ehemalige Stadtbasler Finanzdirektorin und Ständerätin Eva Herzog. Herzog galt als Favoritin. Doch am Ende fehlten ihr «Gmögigkeit» und ein wuscheliges Haustier, mit dem sie sich hätte fotografieren lassen können.
Jositsch, Herzog, Gnägi
Auf Rudolf Farner, den Gründer der gleichnamigen PR-Agentur, geht der Spruch zurück: «Gebt mir eine Million, und ich mache aus jedem Kartoffelsack einen Bundesrat.» Das mittlerweile legendäre Zitat überhöht zwar den Einfluss, den ein Spindoktor tatsächlich haben kann, aber es hat heute noch einen wahren Kern: In den Bundesrat schaffen es nicht zwangsläufig die Besten.
Man muss nicht weit in die Geschichte des Bundesrats zurückgehen, um Beispiele zu finden: Der Zürcher Ständerat Daniel Jositsch durfte partout nicht Bundesrat werden, weil er seiner eigenen Partei zu wenig linientreu war. Stattdessen entschied man sich für den Stadtbasler Regierungspräsidenten Beat Jans. Er gilt zwar als zugänglicher als sein ehemaliger Konkurrent aus Zürich, aber nicht wirklich als geeigneter.
Entscheide gegen starke Kandidaten sind allerdings keine Spezialität der SP: Bei der FDP brauchte Karin Keller-Sutter einen zweiten Anlauf, um es in die Landesregierung zu schaffen. Ihrer Fraktion war sie beim ersten Versuch zu wenig nahbar erschienen, worauf man sich für Johann Schneider-Ammann entschied. Der Berner Unternehmer machte der Fraktion weniger Angst als die zielstrebige St. Gallerin.
Bei der Mitte ist Martin Pfister seit über 500 Tagen damit beschäftigt, aufzuräumen, was ihm seine im Amt überforderte Vorgängerin, Viola Amherd, hinterlassen hat. Amherd wiederum wurde nur deshalb Bundesrätin, weil die CVP-Fraktion ihrem damaligen Präsidenten, Gerhard Pfister, signalisiert hatte, dass man ihn nicht als Bundesratskandidaten aufstellen wolle. Pfister kandidierte deshalb gar nicht erst, bekam bei der Bundesratswahl dann aber dennoch ein paar Proteststimmen.
Grundsätzlich könnte in der Schweiz jeder stimmberechtigte Bürger, jede Bürgerin für den Bundesrat kandidieren. Doch in Bern hat das Wahlprozedere über die vergangenen Jahrzehnte immer festere Formen angenommen. 1979 präsentierte die SVP erstmals ein Zweierticket. Es ging um die Nachfolge von Rudolf Gnägi. Gnägi war einer der vielen Verteidigungsminister in der Geschichte der Eidgenossenschaft, die ihr Departement nicht im Griff hatten. In Gnägis Amtszeit ereigneten sich mehrere Skandale: unter anderem die Geschichte mit dem «Pannenpanzer 68», der feuerte, wenn man die Heizung einschaltete.
Zweier- oder Mehrfachtickets haben eigentlich den Zweck, Ruhe in die Regierungswahlen zu bringen. Sie sollten parteiinterne Flügelkämpfe verhindern und dafür sorgen, dass die Geschlechter oder die Sprachregionen fair berücksichtigt werden. In den vergangenen Jahren wurde das Ticket aber zunehmend zu einem Machtmittel. Die Parteien, die eine Vakanz zu besetzen haben, nutzen es, um ungeschriebene Quoten durchzusetzen, Favoriten zu verhindern oder einen Parteiflügel kaltzustellen. Und weil die Auswahl für die anderen Fraktionen damit eingeschränkt wird, kommen diese mitunter in Versuchung, aus Trotz die schwächste Figur auf dem Ticket der politischen Konkurrenz zu wählen.
Gute kompensieren Schwache
Fairerweise muss man sagen, dass schon viele anfänglich als schwach geltende Bundesräte in ihrem Amt gewachsen sind. Seit Elisabeth Baume-Schneider vom Justizdepartement ins Innendepartement wechseln konnte, wirkt sie deutlich sicherer. Die neue IV-Finanzierung mit Lohnprozenten trägt ihre Handschrift. Die Linke ist zufrieden mit ihr, die Bürgerlichen und die Wirtschaft weniger. Aber Baume-Schneider hat die Vorlage durch den bürgerlich dominierten Bundesrat gebracht.
Guy Parmelin wird Ende Jahr mit grossen Ehren verabschiedet werden. Dabei legte er in seinen ersten Jahren als Verteidigungsminister einen schwachen Start hin. Kaum jemand hätte damals gedacht, dass aus «Monsieur Fehlschuss» einmal ein hoch respektierter Wirtschaftsminister werden sollte.
Doch die Zeiten sind herausfordernder geworden als auch schon. In Europa herrscht Krieg, die Schweiz gerät zunehmend ins Visier der Grossmächte, während die hausgemachte Polarisierung notwendige Reformen verhindert. Das Land braucht die Besten.
Das ist allerdings leichter gefordert als umgesetzt. Die Mitte, die für 2027 forsch einen zweiten Bundesratssitz fordert, konnte bei der letzten Vakanz froh sein, dass sich im letzten Moment mit Martin Pfister noch ein zweiter Interessent meldete. Bei der SVP, die im Dezember Guy Parmelins Sitz besetzen muss, sprangen die Favoriten schon in den ersten Tagen ab.
Das Schweizer Mehrparteien-Regierungssystem hat den Vorteil, dass starke Bundesräte die Schwächen der anderen kompensieren können. Doch das reicht nicht mehr. Das Amt hat an Strahlkraft verloren. Wer gute Bundesräte will, muss sie über Jahre aufbauen. Die Parteien müssen ihre Bundesratsplanung wieder ernster nehmen.
Wer auf einen Favoriten setzt, sollte sicherstellen, dass der auch will. Wer eine gute Kandidatin ausbremst, soll dafür sorgen, dass die Konkurrentin mindestens ebenso gut geeignet ist. Das Land kann sich keine Kartoffelsäcke mehr leisten. Es braucht die Besten.
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Source: Neue Zürcher Zeitung · Christina Neuhaus
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