Kommentar

Frankreich braucht mehr Selektion, nicht weniger: Macron macht den Jungen Versprechen, die er nicht halten kann

In Frankreich lernen die Schüler das Falsche. Es braucht weniger Molière und mehr Praxis. Ausgerechnet die Jugend verteidigt die alte Ordnung.

28.10.2026, 05.30 Uhr

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Schüler und Studenten protestieren am 6. Oktober in Paris gegen überfüllte Klassen, Lehrermangel und marode Schulgebäude. Auf dem Plakat steht «Wut».

Schüler und Studenten protestieren am 6. Oktober in Paris gegen überfüllte Klassen, Lehrermangel und marode Schulgebäude. Auf dem Plakat steht «Wut».

Tom Nicholson / Reuters

Emmanuel Macron wollte die letzten sechs Monate seiner misslungenen Regierungszeit in Ruhe zu Ende bringen. Die Schülerproteste machten ihm einen Strich durch die Rechnung.

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Jetzt lockt er sie mit grossen Versprechen: Baufällige Lycées sollen saniert, neue Studienplätze geschaffen und Lehrer eingestellt werden, und das Beste: Das Ganze soll nur wenig kosten und den leeren Staatshaushalt nicht übermässig belasten. Auch das unbeliebte halbautomatische Auswahlverfahren für die Universitäten, Parcoursup, soll ersetzt werden. Wann? 2028, dann, wenn Macron längst weg ist.

Der Politiker Macron weiss: Er hat weder die Zeit, die Mehrheiten im Parlament noch das Geld, um seine Versprechen umzusetzen. Das Problem: Das wissen die Schüler auch und gehen darum weiter auf die Strasse. Sie wollen nicht den Fingernagel, sondern die ganze Hand: zehn Milliarden Euro, jetzt! Doch selbst wenn Macron den Schülern jeden Wunsch auf ihrer Liste erfüllen könnte, wäre damit nichts geholfen. Die Probleme des französischen Schulsystems liegen anderswo.

Diplome wurden entwertet

Die unter dem Sozialisten François Mitterrand in den achtziger Jahren eingeführte Matura für alle («Bac pour tous») ist eine Katastrophe. Das Ziel, eine Maturitätsquote von 80 Prozent, ist zwar erreicht, doch das Resultat ist das Gegenteil des Erhofften: Die Leistungen der Schüler nehmen konstant ab, das Diplom wurde zu Ramsch und garantiert nicht mehr den gesellschaftlichen Aufstieg, sondern oftmals die Arbeitslosigkeit – diese liegt in Frankreich unter Jugendlichen seit Jahren über 20 Prozent.

Nach zwölf Jahren verlassen viele junge Menschen die Schule, ohne auf das Leben vorbereitet zu sein: Für die Wirtschaft können sie zu wenig gut hämmern, für die Unis zu schlecht lesen und rechnen. Sie büffelten Molière, statt das zu lernen, was sie eigentlich interessiert und womit sie auch Geld verdienen könnten: als Mechaniker, Klempner, Influencer oder Informatiker. Zu Recht sind sie wütend, aber auf die Falschen.

Die Macron-Regierung hatte diese Probleme eigentlich längst erkannt und fand die richtigen Rezepte: Mit der Einführung des halbautomatischen Auswahlverfahrens Parcoursup reduzierte sie die Zahl der jungen Menschen, die im ersten Studienjahr scheitern, weil sie nicht auf das Studium vorbereitet sind. Auch die Stärkung der Berufslehre ist ein Erfolg. Die Zahl der Lehrlinge wurde in den letzten Jahren verdoppelt. Das Problem: Die französische Gesellschaft verstand die Reformen nicht.

Die Studenten glaubten, die besseren Auswahlverfahren seien eine Ungerechtigkeit: Das Studium eines Orchideenfachs mit anschliessender Garantie auf einen Staatsjob gilt in Frankreich als Menschenrecht. Dass der verarmte französische Staat dieses Modell nicht mehr finanzieren kann, dass die Studenten mit ihrer Sturheit nicht nur die Zukunft Frankreichs verbauen, sondern vor allem auch ihre eigene, das wollen sie nicht hören und gehen deshalb umso lauter auf die Strasse.

Protestierende Schüler kämpfen für die alte Ordnung

Die Protestierenden behaupten, dass Auswahl und Leistung diskriminierend seien. Das Gegenteil ist der Fall: Die Leistungsgesellschaft garantiert, dass es auch Menschen ohne familiäre Verbindungen nach oben schaffen können, wenn sie Talent und Fleiss mitbringen. Ausgerechnet Frankreich hat diese Lektion einst der Welt blutig beigebracht: Nach der Französischen Revolution besiegten ihre bürgerlichen Generäle jene der europäischen Monarchien, weil sie sich nicht auf Adelstitel und Tischmanieren verliessen, sondern auf militärische Kompetenz. Heute hat Frankreich diese Lektion vergessen, und die Jugend geht für den Erhalt der verknöcherten Ordnung auf die Strasse. Sie glaubt, sie verteidige die Revolution, dabei ist sie die Fürsprecherin des Ancien Régime.

Die nächste Regierung muss genau das Gegenteil von dem machen, was die Jugend fordert. Sie muss die Auswahl beim Zugang zu Matura und  Universitäten strenger machen, die Laufbahnmöglichkeiten vervielfältigen und die Pipeline von der Universität zur Verwaltung dekonstruieren. Vor allem: Die Menschen müssen das Richtige lernen und früher in den Arbeitsmarkt eintreten, statt ihre Leben hinter den Schulbänken zu verschwenden.

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Source: Neue Zürcher Zeitung · Daniel Rickenbacher

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