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Europa darf die Arktis nicht den Autokraten überlassen
Russland rüstet am Polarkreis auf und zieht China mit. Der Westen hat den hohen Norden lange als strategischen Nebenschauplatz behandelt – ein gefährliches Versäumnis.
27.10.2026, 05.35 Uhr
5 Leseminuten
Eine Hundeschlittenpatrouille der dänischen Armee überwacht Teile Grönlands.
Dänisches Verteidigungskommando via Imago
Die Arktis war lange ein geopolitischer Sonderfall. Auf der ganzen Welt strebten die Grossmächte nach mehr Einfluss, nur am Nordpol sollte alles anders sein. Michail Gorbatschow, der letzte sowjetische Machthaber, hatte die Arktis als globale Zone des Friedens beschworen. Westliche Politiker sorgten sich in den neunziger Jahren um Fischereiquoten, Robbenbabys und zählten Eisbären, die Geopolitik blendeten sie aus. Diese Epoche ist unwiderruflich vorbei. Der Klimawandel legt neue Seerouten frei und heizt den Wettlauf um Ressourcen an.
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Wer sind die Treiber dieser tektonischen Verschiebungen? Da ist zum einen China, das sich selbst als «arktisnahe Macht» stilisiert – obwohl der nördlichste Punkt der Volksrepublik gerade einmal auf der Höhe von Hamburg liegt. Peking sieht den arktischen Raum als Eldorado für Rohstoffe und als Expressverbindung nach Europa: Im August eröffneten chinesische Reeder den regulären Schiffsverkehr durch die Nordostpassage – sie halbieren dadurch die Transportzeit. Zugleich kreuzen vermehrt chinesische «Forschungsschiffe» am Polarkreis. Unter dem Deckmantel ziviler Forschung bereiten sie möglicherweise den Boden für militärische Aktivitäten im Arktischen Ozean.
Im Vergleich zu Russland nimmt sich China wie ein arktischer Winzling aus. Moskau kontrolliert rund die Hälfte der arktischen Landmasse; etwa 60 Prozent seiner Erdöl- und Erdgasreserven lagern dort. Als der russische Polarforscher Artur Tschilingarow 2007 die Nationalflagge am Nordpol in den Meeresgrund bohrte und deklarierte, «die Arktis ist russisch», mochte man das als nationalistisches Aufplustern belächeln.
Jetzt lacht niemand mehr: Moskau rüstet im Polarraum massiv auf, daran hat auch der Krieg gegen die Ukraine nichts geändert. Im Jahr des Überfalls auf die Ukraine erhob Russland die Arktis in seiner Marinedoktrin zur obersten Priorität. Bereits zwischen 2014 und 2019 stampfte der Kreml über 475 militärische Gebäude und Infrastrukturbauten aus dem Permafrost.
Während die Antarktis ein eigener Kontinent ist und ein Vertrag territoriale Ansprüche festhält, ist die Arktis lediglich ein vereistes Meer, das von souveränen Staaten umschlossen wird. Moskau reklamiert im hohen Norden legitime Sicherheitsinteressen, da sich ein beträchtlicher Teil der russischen Atomstreitkräfte in der Arktis konzentriert. Auf der Kola-Halbinsel in der Nähe von Murmansk liegt der Heimathafen der russischen Atom-U-Boot-Flotte – und damit das Rückgrat der seegestützten nuklearen Abschreckung.
Schirmte das Meereis einst als natürlicher Grenzschutz russisches Territorium ab, schafft der Klimawandel neue Verhältnisse: Die weisse Schutzbarriere schmilzt weg. Wenn Russland nun Militärbasen reaktiviere, sei das nicht per se als aggressives Verhalten zu bewerten, argumentiert Michael Paul von der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik.
Allerdings lässt es Russland nicht dabei bewenden: Moskau weitet seinen operativen Radius längst über die Arktis hinaus, bis in den Nordatlantik. Zugleich provoziert der Kreml westliche Staaten mit Sabotageaktionen und einer abenteuerlichen Interpretation des Seerechts. Russland weigert sich beharrlich, Nadelöhre der Nordostpassage als internationale Transitkorridore anzuerkennen. Willkürlich erklärt Moskau sie zu «inneren Gewässern» und masst sich an, Durchfahrten nach eigenem Gutdünken zu genehmigen – ein völkerrechtlich unhaltbarer Zustand.
Eine Sonderbehandlung in der Nordostpassage geniesst einzig China, das mit russischer Schützenhilfe atomgetriebene Eisbrecher bauen will. Überdies zementieren die beiden Autokratien ihre arktische Achse mit gemeinsamen Militärmanövern: Im Juli 2024 patrouillierten russische und chinesische Langstreckenbomber erstmals gemeinsam in der Nähe der amerikanischen Luftraumüberwachungszone vor Alaska.
Heilsamer Grönland-Schock
Das hektische Treiben nördlich des Polarkreises spiegelt eine wachsende Grossmachtrivalität, die sich exemplarisch im amerikanischen Territorialanspruch auf Grönland entlud.
Präsident Donald Trump legitimierte seinen Drang, die Arktis-Insel zu besitzen, mit amerikanischen Sicherheitsinteressen: Im Eismeer wimmle es von russischen und chinesischen Schiffen; man brauche «nicht einmal ein Fernglas». So übertrieben Trumps Einlassungen waren, so deutlich verweisen sie auf ein reales Problem: Moskau und Peking weiten ihre Machtansprüche ungehindert aus.
Der gehässige Grönland-Streit hatte immerhin einen heilsamen Nebeneffekt: Er rüttelte Europa wach. Als Trump über Dänemarks «Hundeschlittenarmee» spottete, traf er einen wunden Punkt: Kopenhagen hat das riesige Territorium über Jahrzehnte militärisch vernachlässigt. Doch dieselbe Kritik trifft Washington. Schon das Verteidigungsabkommen von 1951 hätte den USA erlaubt, ihre Basen jederzeit auszubauen. Dass die Amerikaner Stützpunkte schlossen, geschah nach dem Kalten Krieg freiwillig und aus reinen Sparüberlegungen – das vertragliche Zugriffsrecht blieb stets intakt. Trumps Drohung, Grönland notfalls mit Gewalt unter Kontrolle zu bringen, stürzte die Nato deshalb ohne jede Not in eine Krise. Moskau und Peking ergötzten sich an diesem Spektakel.
Das Drama um die grösste Insel der Welt endete – zumindest vorläufig – im September mit einem Abkommen zwischen Nuuk, Kopenhagen und Washington, dessen Tragweite über militärische Fragen hinausgeht: Es schirmt den grönländischen Rohstoffsektor gegen Investitionen aus China und Russland ab. Zugleich garantiert der Pakt das Selbstbestimmungsrecht Grönlands. Beide Klauseln zeugen von strategischer Weitsicht. Der Investitionsstopp riegelt ein Einfallstor für Peking und Moskau bei seltenen Erden oder Tiefseehäfen ab. Das Bekenntnis zur Selbstbestimmung erstickt Vorwürfe kolonialer Bevormundung im Keim. Nur mit Nuuk als Partner besitzt die westliche Sicherheitsarchitektur demokratische Legitimität.
Donald Trump, die dänische Ministerpräsidentin Mette Frederiksen und ihr grönländischer Amtskollege Jens-Frederik Nielsen unterzeichnen am 22. September 2026 ein Verteidigungsabkommen für Grönland.
Julia Demaree Nikhinson / AP
Die Nato im Zugzwang
Trumps Grönland-Obsession brachte auch die Nato auf Trab: Im Februar lancierte diese die Militärmission Arctic Sentry, um die Luft- und Seeaufklärung massiv zu verstärken. Macht in der Arktis beruhe auf Zugang und Präsenz, stellt Mathieu Boulègue vom Center for European Policy Analysis fest. Das Bündnis ist nur so stark wie seine Fähigkeit, Truppen im eisigen Norden einsatzfähig zu halten. Mit dem Beitritt Finnlands und Schwedens hat die Nato an Arktis-Know-how gewonnen, doch es klafft eine gefährliche Ressourcenlücke. Russische Verbände übertreffen die Nato-Präsenz am Polarkreis deutlich: Während Moskau spezialisierte Arktis-Brigaden formiert und Dutzende Eisbrecher betreibt, fehlt es dem Westen an winterfester Logistik und Schiffen.
Die westliche Antwort, ein Abkommen zwischen den USA, Kanada und Finnland zum gemeinsamen Bau neuer Eisbrecher, ist ein überfälliger Schritt. Doch das entsprechende Know-how (weltweit werden 80 Prozent der Eisbrecher in Finnland entworfen) und Werftkapazitäten lassen sich nicht über Nacht aufbauen. Es wird Jahre dauern, bis der Westen zu Russland aufschliessen kann.
Eine Verteidigungsübung der dänischen Armee auf Grönland.
Dänisches Verteidigungskommando via Imago
Auch die EU hat den Wandel spät erkannt. Jahrelang erschöpfte sich ihre Arktis-Politik in Umweltfragen und dem vergeblichen Werben um einen Beobachterstatus im Arktischen Rat, der Klimadaten sammelt und Abkommen für Rettungseinsätze aushandelt. Dieses Gremium, einst gefeiertes Symbol arktischer Kooperation, ist seit dem russischen Überfall auf die Ukraine gelähmt.
Die jüngste Arktis-Strategie, die Brüssel vergangene Woche vorlegte, ist ebenfalls kein Glanzstück. Zwar will die EU ihre Aufklärung ausbauen und mithilfe von Satellitendaten die russische Schattenflotte, die über die Arktis Rohstoffe nach China und Indien transportiert, schärfer ins Visier nehmen. Doch wie viele Mittel dafür bereitstehen, bleibt nebulös. Bezeichnend für die Hilflosigkeit: Bei der Vorstellung der Arktis-Strategie zeigte sich, dass Brüssel nicht einmal genau weiss, über wie viele einsatzfähige Eisbrecher die Mitgliedstaaten verfügen.
Kein exotischer Nebenschauplatz
Wollen die Europäer nicht zum Spielball autoritärer Erpressung oder unberechenbarer Launen aus Washington werden, dürfen sie die Arktis nicht länger vernachlässigen. Die Arktis ist kein exotischer Nebenschauplatz, sondern Europas Nordflanke: Hier verlaufen kritische Unterwasserkabel, und hier liegt das Tor, über das gegnerische Seestreitkräfte im Kriegsfall die transatlantischen Nachschublinien kappen könnten. Die EU-Staaten sind gefordert, ihre arktische Infrastruktur auszubauen und zusammen mit der Nato militärische Präsenz zu demonstrieren. Nur so lässt sich verhindern, dass Moskau und Peking den hohen Norden nach ihren eigenen Regeln neu ordnen.
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Source: Neue Zürcher Zeitung · Marco Kauffmann
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