Kommentar
Dass die Migros-Spitze die Abschaffung der Regionalgenossenschaften aufgleisen konnte, ist eine reife Leistung. Doch die Euphorie für das Projekt darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Kampf um die Kunden deutlich härter geworden ist.
26.10.2026, 16.50 Uhr
2 Leseminuten
Von der neuen Struktur erhofft sich die Migros-Spitze mehr Stabilität.
Peter Klaunzer / Keystone
Und plötzlich geht es ganz schnell: Bereits Mitte 2027 sollen die Migros-Genossenschafterinnen und -Genossenschafter in einer Urabstimmung der Fusion der zehn Regionalgenossenschaften mit dem Migros-Genossenschafts-Bund zu einem einheitlichen Gebilde zustimmen.
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Das ist eine Revolution. Migros-Gründer Gottlieb Duttweiler hatte sein Unternehmen nach dem Vorbild des Föderalismus absichtlich mit starken Regionen und einer schwachen Zentrale aufgebaut. Er war überzeugt: «Der Bestand unserer Genossenschaft beruht auf ihrem organisatorischen Leistungsvorsprung» – so lautete eine seiner 15 Thesen.
Doch schon seit Jahren oder gar Jahrzehnten zeigt sich: Diese Organisation der Migros ist mehr Hypothek als Vorteil. Komplexe Entscheidungsstrukturen erschweren es dem Händler, rasch zu reagieren, wenn sich Kundenbedürfnisse oder das Konkurrenzumfeld ändern. Doppelspurigkeiten oder kostspielige Sololäufe in den Regionen verteuern die Produkte.
Versuche, das zu ändern, scheiterten bisher stets an der Macht der Regionalfürsten, also den Geschäftsleitern in den einzelnen Genossenschaften. Dass Migros-Konzernleiter Mario Irminger und Verwaltungspräsidentin Ursula Nold sämtliche Regionen vom Sinn einer Fusion überzeugen konnten und jetzt einen ambitionierten Fahrplan vorgelegt haben, ist eine beachtliche Leistung.
Die pessimistischere Lesart ist, dass der finanzielle Druck schlicht zu gross wurde, als dass sich die einzelnen Regionen die Eigenständigkeit noch leisten konnten. Und so nimmt die Migros einen Umbau in Angriff, den die Hauptkonkurrentin Coop bereits vor 25 Jahren vollzogen hat.
Die Migros-Revolution kommt also keinen Tag zu früh.
Präsidentin Ursula Nold verglich an der Medienkonferenz die zehn Genossenschaften und den Migros-Genossenschaftsbund mit elf Plastik-Einkaufskörben auf einem Podest im Saal: Diese seien auch stabiler, wenn man sie aufeinander staple.
Da hat sie zwar recht. Ein stabiler Turm oder eben eine besser verzahnte Migros ist dringend nötig. Doch für sich allein genommen bringt das Konstrukt noch nichts. Wenn man das Bild Nolds weiterdenkt: Es sollte sich auch jemand diese Körbe schnappen und damit einkaufen.
Oberstes Ziel der Migros-Führung muss es sein, möglichst viele Kundinnen und Kunden in die Läden zu locken und wieder Marktanteile zurückzugewinnen. Im besten Fall schafft es der Händler, mit der Mobilisierung der Genossenschafter für die Teilnahme an der Urabstimmung auch einen Marketingeffekt zu erzielen.
Doch bei aller berechtigten Euphorie darüber, dass man sich Migros-intern zu dem historischen Schritt durchgerungen hat: Die zehn Urabstimmungen mit einer nötigen Stimmbeteiligung von 25 Prozent und einem erforderlichen Ja-Stimmen-Anteil von zwei Dritteln müssen auch erst mal im Sinne der Migros über die Bühne gehen.
Und die eigentliche Arbeit zur Integration der einzelnen Genossenschaften geht dann erst richtig los. Dass mit Migros-Chef Mario Irminger und Supermarkt-Chef Peter Diethelm auf diesen Zeitpunkt hin gleich noch die zwei wichtigsten Schlüsselfiguren ausgewechselt werden, macht die Herausforderung nicht einfacher.
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Source: Neue Zürcher Zeitung · Dieter Bachmann
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