Kommentar
Die Tropenkrankheit Chikungunya ist in der Schweiz angekommen – das Tessin zeigt, was jetzt zu tun ist
Seit Jahren breitet sich die Tigermücke als potenzielle Überträgerin exotischer Viren aus. Nun sind vier Personen erkrankt. Das ist kein Grund zur Panik. Wohl aber einer, sich den neuen Gefahren zu stellen.
06.11.2026, 05.30 Uhr
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Echter Blutsauger: Die Asiatische Tigermücke.
iStockphoto / Getty
Jetzt ist es also passiert: Das Tessin meldet vier lokale Fälle des von Stechmücken übertragenen Chikungunya-Fiebers. Die in den Tropen weitverbreitete Viruserkrankung ist zwar nur selten lebensgefährlich, kann jedoch hohes Fieber und heftige Gelenkschmerzen verursachen.
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Während Touristen aus tropischen Endemiegebieten wie der Ferieninsel La Réunion das Virus immer wieder unfreiwillig als Reiseandenken mit nach Hause bringen, sind sogenannte autochthone Fälle wie jetzt anders gelagert. Nach Einschätzung der Behörden waren die vier betroffenen Personen zuvor nicht in Risikogebiete gereist und wurden vor Ort von einer infizierten Stechmücke angesteckt. Hauptverdächtig ist dabei die Asiatische Tigermücke (Aedes albopictus), eine invasive Art, die sich seit über 20 Jahren in der Schweiz ausbreitet, mit Schwerpunkt im Tessin.
Noch fehlen detaillierte Informationen, aber das wahrscheinlichste Szenario geht so: Ein «Patient Zero» kehrt von einer Tropenreise ins Tessin zurück – unter Umständen weiss er nichts von seiner Infektion, denn oft verläuft Chikungunya mild oder symptomfrei. Er wird von einer Tigermücke gestochen, die das Virus bei weiteren Stichen an die ersten beiden nun bekannten Patienten weitergibt. Zwei weitere erhalten das Virus mit etwas zeitlichem Abstand entweder von derselben Mücke oder von Artgenossen, die zuvor einen der ersten Erkrankten gestochen haben.
Dazu passt, dass alle vier Patienten aus demselben Quartier nahe Bellinzona stammen – sie waren quasi Nachbarn. Zudem sind Tigermücken als flugfaul bekannt, sie legen in ihrem wenige Wochen währenden Leben kaum mehr als 100 Meter zurück.
Es war nur eine Frage der Zeit
Erstaunlich ist an den nun bekanntgewordenen Fällen vor allem, dass die Schweiz so lange verschont blieb. Seit 2007 bricht Chikungunya in Italien immer wieder lokal aus. Den grössten Ausbruch erlebte das Land erst letzten Sommer und Herbst: 343 Menschen erkrankten in der Region Modena. Zur gleichen Zeit infizierten sich in Frankreich mehr als 800 Menschen mit dem Virus. Ursprung waren in beiden Ländern vermutlich Touristen aus dem französischen Übersee-Département La Réunion.
All diese Fälle zeigen: Wir müssen uns viel stärker darauf einstellen, dass tropische Viruserkrankungen mit exotischen Namen wie Chikungunya, aber auch Dengue, Zika oder West Nile bei uns heimisch werden. Das betrifft drei unterschiedliche Ebenen.
Zunächst sollten wir uns alle besser vor Mückenstichen schützen – denn die können inzwischen eben Schlimmeres mit sich bringen als eine juckende Quaddel. Das gilt insbesondere in Gefahrengebieten, in denen sich die Asiatische Tigermücke breitmacht, also fast im gesamten Mittelmeerraum sowie in Teilen der Schweiz und Süddeutschlands. Hier sollte man selbst im Sommer draussen langärmelige Kleidung tragen und sich mit Antimückenspray einsprühen.
Gleichzeitig müssen in den betroffenen Regionen auch Hausärzte ihr Spektrum möglicher Diagnosen erweitern, wenn sich ein Patient mit scheinbar unerklärlichem Fieber vorstellt – auch wenn er vorher nicht in exotischen Gefilden unterwegs war.
Dies lehren auch die acht Fälle von Malaria, die diesen Sommer in der Umgebung des Flughafens von Frankfurt am Main auftraten. Sie wurden durch direkt aus Afrika eingeflogene infizierte Mücken verursacht, die vermutlich vom Frachtraum einer Maschine ausschwärmten. Acht Menschen wurden direkt infiziert, drei starben. Diese Todesfälle hätten vermieden werden können, wären Ärzte schneller auf die korrekte Diagnose gekommen.
Das Tessin ist Vorbild in der Mückenüberwachung
Drittens müssen die Gesundheitsbehörden ihr Überwachungsnetz in der ganzen Schweiz enger ziehen. Das Tessin gilt da als vorbildlich: Der hierzulande als erster und am stärksten von der einwandernden Tigermücke betroffene Kanton investiert seit Jahren viel in die Aufklärung der Bevölkerung und die Überwachung der Mückenbestände. Denn die lassen sich durchaus eindämmen, wenn man ihre Brutstätten konsequent beseitigt – typischerweise sind das winzige künstliche Wasseransammlungen, etwa in Blumenuntertöpfen.
Zudem untersucht man im Tessin die Mückenbestände direkt auf das Vorkommen verschiedener Viren, um ein genaueres Bild ihrer Infektiosität zu bekommen. Und man geht neue Wege in der Bekämpfung der Mücken: Das massenhafte Aussetzen unfruchtbarer Mückenmännchen soll die Bestände dezimieren.
Doch es gibt auch eine gute Nachricht: Während das Chikungunya-Virus in den Tropen auch in bestimmten Affenarten überdauert, fehlt dieses tierische Reservoir in Europa. Das macht es dem Virus in unseren Breitengraden bis heute schwer bis unmöglich, über den Winter zu kommen – Infektionsketten müssen jedes Jahr von neuem starten. Denn die kalte Jahreszeit überleben die Mücken nur als Eier, auf die sich das Virus lediglich in Ausnahmefällen überträgt. Das könnte sich allerdings ändern, wenn die Tigermücken dank milderen Temperaturen künftig erfolgreich überwintern. Ein Grund mehr, die Biester nicht aus den Augen zu lassen.
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Source: Neue Zürcher Zeitung · Georg Rüschemeyer
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