Kommentar
Die Steuern sind immer noch zu hoch, aber nun erhalten die Zürcher Gemeinden ein erstes wichtiges Instrument, um sich besser zu verkaufen
Die Gemeinden sollen Unternehmen und Private künftig mit unterschiedlichen Steuerfüssen belasten können. Das ist gerade für strukturschwache Dörfer auf dem Land wichtig.
05.11.2026, 05.00 Uhr
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Kleine Zürcher Gemeinden an der Kantonsgrenze wie hier Oetwil an der Limmat erhalten im Steuerwettbewerb bessere Karten.
Severin Bigler / CH Media
Im Kanton Zürich bahnt sich eine Steuerrevolution an: Die Gemeinden sollen für Unternehmen und für Privatpersonen künftig separate Steuerfüsse festlegen können. Das hat das Kantonsparlament diese Woche auf Antrag der FDP, der SVP und der Mitte beschlossen. Der Schritt ist zu begrüssen, denn er bringt gerade kleinen, ländlichen Gemeinden Vorteile.
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Angenommen, ein finanzschwaches Dorf im Zürcher Oberland oder im Weinland will eine grosse Firma anlocken. Das Unternehmen soll mehr Einnahmen bringen und Arbeitsplätze schaffen. Die Gemeinde hat aber ein Problem: einen hohen Steuerfuss.
Um für Ansiedlungen von Firmen überhaupt infrage zu kommen, muss die Gemeinde den Satz zurücknehmen. Doch tut sie dies unter dem heutigen Regime, bricht ihre wichtigste Ertragsquelle ein, die Steuern der Privathaushalte. Gleichzeitig ist der tiefere Steuerfuss keine Garantie, dass sich tatsächlich je ein Unternehmen ansiedeln wird.
Es handelt sich also um eine Steuersenkung auf gut Glück, und das kann sich die Gemeinde gar nicht leisten. Sie wird ihren Steuerfuss deshalb nicht antasten und somit unattraktiv für ansiedlungswillige Unternehmen und für ihre Einwohner bleiben.
Mit der neuen Regel, also mit separaten Steuerfüssen für Private und Unternehmen, kann die Gemeinde viel agiler auftreten. Sie kann den Steuerfuss für die Einwohner unverändert lassen und so ihre bewährte Ertragsbasis sichern. Gleichzeitig kann sie jenen für Unternehmen gefahrlos deutlich reduzieren, weil die wenigen Kleinbetriebe im Dorf schon heute kaum Gewinnsteuern bezahlen.
Mit ihrem tiefen Steuerfuss für juristische Personen kann sich die Gemeinde nun ohne jeden Zeitdruck als attraktiver Standort für eine Ansiedlung präsentieren. Ist dann erst eine potente Firma gefunden, kann die Gemeinde in einem nächsten Schritt die Erträge aus den Unternehmenssteuern nutzen, um die Steuerbelastung ihrer Einwohner zu senken. Resultat: Alle sind zufrieden, die Gemeinde, die Einwohner, die Unternehmen.
Auch eine grosse Gemeinde wie die Stadt Zürich gewinnt mit den separaten Steuerfüssen mehr Freiheiten, natürlich auch für zweifelhafte Ideen: Das Parlament könnte zum Beispiel entscheiden, dass es die miserable Finanzlage der Stadtkasse über eine Erhöhung des Steuerfusses für Unternehmen verbessert, während es die Belastung der Privatpersonen aus wahltaktischen Gründen nicht antastet.
Politisch wäre das falsch – die Stadt Zürich sollte ihre Finanzlage über eine Reduktion ihrer Ausgaben verbessern und nicht über höhere Steuern. Ausserdem verlassen heute schon Traditionsunternehmen wie die Bank Vontobel die Stadt, noch höhere Steuern wären also eine ganz schlechte Idee. Aber dass auch eine Stadt Zürich, genau wie eine kleine Landgemeinde, in Steuerfragen mehr Manövrierraum erhält, ist grundsätzlich schon richtig: Die Gemeinden sollen ihre lokalen Steuern feinjustieren können.
Kantone wie Solothurn oder Schaffhausen haben mit dem dualen System gute Erfahrungen gemacht. Dort hat sich auch gezeigt, dass längst nicht alle Gemeinden unterschiedliche Steuerfüsse anwenden. Es gehört ebenfalls zur neuen Freiheit, für Firmen wie für Private den gleichen Steuerfuss zu beschliessen.
Letztlich bringt das neue System mehr Wettbewerb, und davon profitieren Gemeinden, Private und Firmen. Mit dem dualen Weg erhalten gerade Zürcher Gemeinden in unmittelbarer Nähe zu steuergünstigeren Nachbarn in anderen Kantonen endlich ein Werkzeug, um wenigstens ein bisschen attraktiver dazustehen.
Das ist dringend notwendig, denn, und das muss immer wieder betont werden, der Kanton Zürich hat nach wie vor die höchsten Firmensteuern der ganzen Schweiz. Das ist die nächste steuerliche Baustelle, welche die Politik umgehend angehen muss.
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Source: Neue Zürcher Zeitung · Zeno Geisseler
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