Kommentar
Die Reaktion der Wall Street auf die Zwischenwahlen zeigt: Der KI-Boom am Aktienmarkt ist jetzt in Gefahr
Die Börse ist oft ein guter Seismograf für wirtschaftliche und politische Entwicklungen. Deshalb sollte man den Einbruch nach dem Sieg der Demokraten bei den Midterms nicht unterschätzen. Doch sie ist auch schnelllebig. Die Hausse kann noch lange andauern.
07.11.2026, 05.30 Uhr
3 Leseminuten
Die Farbe Rot dominierte am Donnerstag und Freitag die Börse: In den USA gaben die grossen Indizes zwischen gut 3 und 6 Prozent nach.
Brendan McDermid / Reuters
Der überwältigende Wahlsieg der Demokraten bei den amerikanischen Zwischenwahlen hat schnell erste Konsequenzen gezeitigt: An den Börsen ist es am Donnerstag zu einem Beben gekommen, das galt besonders für die Technologiewerte. Der Nasdaq 100 fiel um 6,4 Prozent, der Halbleiterindex gab sogar um satte 12 Prozent nach. Das waren die grössten Verluste seit langer Zeit. An der Wall Street geht die Angst um, dass durch den Wahlsieg der Demokraten der Boom bei der künstlichen Intelligenz (KI) und den Rechenzentren zu Ende gehen könnte.
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Am Freitag setzten sich die Erschütterungen bei technologielastigen asiatischen Indizes wie dem japanischen Nikkei und dem koreanischen Kospi fort. In Europa waren die Verluste viel niedriger, weil bei den hiesigen Börsenbarometern die Technologiebranche meist eine geringere Rolle spielt. Der Schweizer SMI sank letztlich nur knapp 1 Prozent. In den USA drehten die Indizes am Freitagabend sogar wieder ins Plus.
Steigende Aversion gegen Rechenzentren
In vielen amerikanischen Gliedstaaten hatten sich die demokratischen Bewerber um das Gouverneursamt gegen weitere grosse Rechenzentren ausgesprochen, die in den USA seit Monaten wie Pilze aus dem Boden schiessen. Damit haben sie auf steigende Aversionen in der Bevölkerung reagiert. Bei Nachwahlbefragungen des Fernsehsenders NBC hatten sich drei Viertel der Wähler gegen neue Datenzentren in ihrer eigenen Gemeinde ausgesprochen. Der hohe Bedarf an Strom und Wasser, der die Umwelt belastet und teilweise die Kosten für diese beiden Produkte für alle Bürger in die Höhe treibt, ist ein zentraler Kritikpunkt an den Rechenzentren.
In Texas hatte die nun gewählte Gouverneurin Gina Hinojosa im Wahlkampf in Aussicht gestellt, neue Genehmigungen für Rechenzentren zu bremsen. Auf den Gliedstaat entfallen rund 30 Prozent der in den USA für 2028 geplanten Rechenzentren. Der blaue Orkan bei den Midterms dürfte zwar den Boom von KI und Rechenzentren kaum zum Erliegen bringen. So hat Hinojosa bereits angekündigt, dass alle genehmigten und im Bau befindlichen Rechenzentren fertiggestellt werden dürften. Doch der Ausbau könnte sich deutlich verlangsamen und verteuern. Das wiederum drückt die Profitabilität der Unternehmen.
Diese Gefahr ist am Donnerstag an der Börse insofern auf fruchtbaren Boden gefallen, als die Zweifel an der Rentabilität der gigantischen Investitionen in diesem Bereich ohnehin in den vergangenen Monaten gestiegen sind. Tech-Konzerne wie Amazon, Alphabet, Meta und Microsoft sowie reine KI-Unternehmen wie Anthropic und Open AI müssen noch beweisen, dass sich ihre Investitionen von Hunderten Milliarden Dollar in bare Münze umwandeln lassen. Jüngst hatten Börsianer erst die Google-Mutter Alphabet abgestraft, weil die KI-Ausgaben förmlich durch die Decke gehen, zugleich jedoch im Kerngeschäft die Marge sinkt.
Möglicher Anfang eines Jahresend-Rallys
Würde der KI-Boom wirklich zu einem abrupten Ende kommen, hätte das Folgen über die Branche hinaus. Die Investitionen haben auch in anderen Bereichen der amerikanischen Wirtschaft eine erhebliche Wachstumsdynamik generiert, beispielsweise in der Energieerzeugung, bei der Netzinfrastruktur und anderen Sektoren der Baubranche. Doch so weit ist es noch längst nicht. Die Gewinne der amerikanischen Unternehmen sind bis heute weit über die Tech-Branche hinaus sehr stabil. Das unterstützt die Aktienmärkte, die sich trotz dem markanten Rücksetzer diese Woche noch in der Nähe ihrer Rekordhochs befinden.
An der Börse dauert es typischerweise Wochen, sogar eher Monate, bis eine Hausse in eine Baisse umschlägt. Eine erste Korrektur nutzen Anleger oftmals dazu, neu in den Markt einzusteigen oder weitere Titel dazuzukaufen. Bisher fehlten viele Signale, die für eine langfristige Trendumkehr am Aktienmarkt sprechen würden. Es wäre insofern nicht verwunderlich, wenn die nun angelaufene Korrektur sich im Nachhinein als der Startpunkt für ein Jahresend-Rally erweisen würde.
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Source: Neue Zürcher Zeitung · Michael Rasch
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