Kommentar
Die europäische Alternative zu Starlink wird teurer als geplant. Der Krieg in der Ukraine zeigt, warum die Mehrkosten gerechtfertigt sind
Für die Ukraine kommt Iris2 zu spät. Für die europäische Souveränität ist das Satellitennetzwerk aber unabdingbar.
22.10.2026, 16.56 Uhr
3 Leseminuten
Bei seinem Flug am 28. September setzt das Starship von SpaceX 26 Starlink-Satelliten der neuesten Generation im Weltraum aus.
Steve Nesius / Reuters
Es ist unbestritten: Das amerikanische Raumfahrtunternehmen SpaceX hat mit seinem Starlink-Netzwerk quasi eine Monopolstellung beim satellitenbasierten Internet. Was das bedeutet, bekam kürzlich die Ukraine zu spüren. Über Nacht wurde die Nutzung des Netzwerks eingeschränkt. Die Internetverbindung zu militärisch genutzten Drohnen brach ab, sobald diese zu schnell flogen. Die Drohnen liessen sich nicht mehr steuern.
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Wer anordnete, die Nutzung von Starlink in der Ukraine zu begrenzen, ist unklar. Elon Musk, der CEO von SpaceX, und der amerikanische Präsident schieben sich gegenseitig den schwarzen Peter zu. Doch letztlich ist das auch unerheblich. Fakt ist, dass die Ukraine bei der Satellitenkommunikation – und nicht nur dort – den Unwägbarkeiten der amerikanischen Politik ausgeliefert ist.
Europa hat geschlafen
Was für die Ukraine gilt, gilt auch für Europa. Sollten europäische Länder in den Krieg mit Russland hineingezogen werden, stünden sie vor einer ähnlichen Situation. Mit Oneweb gibt es zwar eine europäische Alternative zu Starlink. Doch das aus 600 Satelliten bestehende kommerzielle Netzwerk ist nicht auf dem neuesten Stand der Technik. Militärische Anwendungen wie die Steuerung von Drohnen in Echtzeit sind mit Oneweb derzeit nicht möglich.
Ohnehin ist es keine gute Idee, sich bei einer sicherheitsrelevanten Technologie wie der Satellitenkommunikation ausschliesslich auf private Anbieter zu verlassen. Eigentlich sollte das eine staatliche Aufgabe sein. Doch Europa hat die Entwicklung von Satellitenkonstellationen im erdnahen Orbit verschlafen. Zu lange setzten europäische Regierungen auf klassische Kommunikationssatelliten im geostationären Orbit.
Das Umdenken begann mit dem Ausbruch des Ukraine-Kriegs im Jahr 2022. Noch vor dem Einmarsch russischer Truppen hatten Hacker die Verbindung zu einem im geostationären Orbit fliegenden Satelliten gekappt. Die ukrainischen Streitkräfte konnten nicht mehr miteinander kommunizieren.
Die Rettung kam durch Elon Musk. Er erlaubte der Ukraine den Zugriff auf sein Starlink-Netzwerk, das wesentlich besser vor Cyberangriffen geschützt ist. Aber schon wenige Monate später folgte die erste Ernüchterung. SpaceX deaktivierte Starlink über der Krim. Das Unternehmen wollte nicht in den Ruf geraten, Angriffe auf Russland zu unterstützen.
Schon damals hätte Europa erkennen müssen, dass dringender Handlungsbedarf besteht, wenn man nicht von den Entscheidungen eines Elon Musk abhängig sein will. Es dauerte dann aber weitere zwei Jahre, bis die EU ein europäisches Firmenkonsortium damit beauftragte, eine europäische Satellitenkonstellation zu bauen. Zu diesem Zeitpunkt hatte SpaceX bereits 6000 Satelliten im Weltall.
66 zusätzliche Satelliten für den Krisenfall
Die Infrastructure for Resilience, Interconnectivity and Security by Satellite (Iris2) sollte ursprünglich aus 290 Satelliten bestehen und 10,5 Milliarden Euro kosten. Unter dem Eindruck des Ukraine-Krieges wurde jedoch eine Aufstockung auf 348 Satelliten beschlossen. 66 speziell gesicherte Satelliten sollen in Zukunft ausschliesslich für Krisenfälle reserviert sein. Dadurch wird die staatlich-militärische Nutzung gegenüber der kommerziellen aufgewertet.
Iris2 soll nun insgesamt 15,6 Milliarden Euro kosten. Das ist viel Geld. Aber es ist gut investiertes Geld. Das Firmenkonsortium, das die Konstellation in Zukunft betreiben soll, übte zwar Kritik an den Mehrkosten. Man darf aber nicht vergessen, warum Iris2 gebaut wird. Der Grund ist nicht, eine möglichst kostengünstige Alternative zu Starlink anbieten zu können. Der Grund ist, dass Europa in Krisen-, Katastrophen- oder Kriegsfällen nicht mehr auf den Goodwill amerikanischer Konzerne angewiesen sein will. Das ist ein Ziel, das die höheren Kosten rechtfertigt.
Für die Ukraine kommt Iris2 allerdings zu spät. Wegen der langwierigen Planungsphase wird das europäische Satelliteninternet nicht vor 2030 in Betrieb gehen.
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Source: Neue Zürcher Zeitung · Christian Speicher
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